Das neue Stadtteilzentrum (SBZ) in Rostock-Dierkow. Foto: Parallele Welten

„An der Gestaltung des Stadtteils teilnehmen“

am 24. Juli 2015 | in Allgemein, Diskurse | von | mit 0 Kommentaren

Derzeit entsteht ein neues Stadtteil- und Begegnungszentrum in Rostock-Dierkow. Passend zur Funktion des neuen Gebäudes sollen Begegnungen und Teilhabe von Dierkowerinnen und Dierkowern durch ein partizipatives Kunstprojekt gefördert werden. In einem nicht offenen Wettbewerb, zu dessen Sachpreisrichtern auch Ruth Gilberger, Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, zählte, bekam die Künstlergruppe „Parallele Welten“ mit ihrer Projektidee „Dierkow Entdecken!“ den Zuschlag des Preisgerichts. Sarah Linke vom Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen der Hansestadt Rostock war Initiatorin und Organisatorin der Ausschreibung und begleitet das Projekt in seiner Umsetzung. Wir haben mit ihr gesprochen.

 

Frau Linke, wie kam es, dass die Stadt Rostock in Rahmen ihres Wettbewerbs für das neue Stadtteil- und Begegnungszentrum (SBZ) im Stadtteil Dierkow ausschließlich partizipative Kunstprojekte gesucht hat?

Bereits 2012 hat sich Christian Hanke, Quartiersmanager des Stadtteils Rostock-Dierkow, mit dem Wunsch an uns gewandt, Dierkow durch Kunst im öffentlichen Raum zu bereichern. Diesen Wunsch hatten Einwohnerinnen und Einwohner im Rahmen von Bürgerforen zur Stadtteilentwicklung an ihn herangetragen. Im Zuge zahlreicher Ortsbegehungen mit Herrn Hanke, Mitgliedern des Ortsbeirats (Stadtteilvertretung) und Kunstsachverständigen wurde deutlich, dass eine künstlerische Gestaltung in diesem Stadtteil unbedingt an eine Partnerinstitution gebunden sein muss; denn die öffentlichen Grünräume in Dierkow hatten sich nach 1990 stark verändert und eignen sich kaum für klassische künstlerische Ansätze. Unsere Aufgabe bestand darin, die Menschen vor Ort wesentlicher in die Entstehung von Kunst im öffentlichen Raum einzubeziehen, als wir das bisher im Rahmen von Kunstwettbewerben getan hatten, z. B. durch Bürgerforen und die Beteiligung des Ortsbeirats am Preisgericht. Daraus entstand die Idee, einen Wettbewerb für ein partizipatives Kunstprojekt auszuloben. Der Neubau des SBZ ab 2014 wurde dabei zum Anlass, genau diese Institution als Partner zu gewinnen.

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Initiatorin und Organisatorin: Sarah Linke vom Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen der Hansestadt Rostock. Foto: Frank Schlößer

Ein partizipatives Kunstprojekt unterscheidet sich natürlich in seinen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen stark von einem Bürgerforum…

Bürgerforen sind nach meiner Erfahrung vor allem ein Mittel der Information und der Diskussion mit einem an Kunst interessierten Publikum. Demgegenüber kann ein partizipatives Kunstprojekt für den öffentlichen Raum unterschiedlichste Zielgruppen erreichen und langfristiger wirken. Dies setzt jedoch eine enge Zusammenarbeit mit gut vernetzten und im Stadtteil verankerten Partnerinstitutionen voraus. In Dierkow war diese Bedingung durch den Dialog mit Steffen Ohm, Leiter des SBZ, und dem Quartiersmanager Christian Hanke gegeben. Beide unterstützen und begleiten den gesamten Prozess von der Entwicklung des Wettbewerbs bis hin zur Realisierung des prämierten Projekts. Ohne ihren Einsatz sind weder der Wettbewerb noch die Durchführung des Kunstprojekts denkbar.

Wie hat das letztlich ausgezeichnete Projekt das Preisgericht überzeugen können?

Das Preisgericht würdigte die Möglichkeit für die Teilnehmenden, sich im Rahmen der Workshops mit verschiedenen historischen, persönlichen und gestalterischen Aspekten ihres Stadtteils auseinanderzusetzen. Die Teilnehmenden werden zu „Experten des Alltags“. Das heißt, sie können ihre persönliche Sicht des Stadtteils den anderen Teilnehmenden und der Öffentlichkeit vorstellen. Der Prozess kann dazu beitragen, dass die Teilnehmenden sich auf neue Weise mit ihrem Lebensumfeld identifizieren. Außerdem würdigte das Preisgericht die Qualität der Verbindung von Partizipation und einer dauerhaften künstlerischen Gestaltung im öffentlichen Raum: Es geht also nicht nur um Partizipation, sondern auch um eine gewisse Dauerhaftigkeit des Projektes.

Die Gewinner des Wettbewerbs in Rostock: die Künstlergruppe "Parallele Welten". Foto: Parallele Welten

Die Gewinner des Wettbewerbs in Rostock: die Künstlergruppe „Parallele Welten“. Foto: Parallele Welten

Was haben die Künstler konkret geplant?

Die Künstlergruppe „Parallele Welten“ – das sind Stefan Krüskemper, Kerstin Polzin und María Linares – hat ein dreiteiliges Konzept mit dem Titel „Dierkow Entdecken!“ entwickelt, bestehend aus Workshops, Spaziergängen und einem „Mitbringsel“-Automaten. Die Idee dahinter ist es, die Menschen, die hier leben, auf eine Entdeckungsreise durch ihr eigenes Leben, ihren eigenen Stadtteil zu schicken. Da ist das SBZ Vermittler zwischen der Künstlergruppe und den Menschen im Stadtteil. Gemeinsam werden sich die Kunstschaffenden, Anwohnerinnen und Anwohner auf ihren Touren fünf Themen annehmen und diese künstlerisch bearbeiten. Im Rahmen von Workshops werden „Parallele Welten“ mit den Dierkowerinnen und Dierkowern die Ziele der Spaziergänge und passende Mitbringsel für den Automaten planen. Danach werden die Spaziergänge stattfinden, bei denen nicht die Künstlerinnen und Künstler die Führung übernehmen werden, sondern die Experten des jeweiligen Themas. Der Automat wird daraufhin mit den Mitbringseln bestückt, die die Teilnehmenden selbst erarbeiten. Diese werden es ermöglichen, über den Abschluss des Projekts hinaus die Spaziergänge nachzuvollziehen.

Die fünf Themengebiete der Spaziergänge stehen schon fest?

Die Themen sind breit angelegt: „Das Gebaute und der Alltag“ beschäftigt sich mit der Architektur des Stadtteils, mit der Norm der Plattenbauten und deren Einfluss auf das Leben im Stadtteil. Bei „Veränderungen im Zusammenleben“ geht es um die Tätigkeiten der Menschen, um ihre Freizeitgestaltung, um ihre Arbeit und Muße. In „Anekdoten und Liebesgeschichten“ kommen die ganz persönlichen Geschichten zum Tragen. „Kunst im Alltag“ handelt von der Kunst im Stadtteil, aber auch von der Kreativität seiner Menschen. Zuletzt geht es bei „Von Schiffen und Meer“ um Sehnsucht, Träume und ferne Orte.

Wie wollen Sie und die Künstlergruppe Partizipation herstellen? Wie planen Sie, die Dierkowerinnen und Dierkower in das Projekt konkret einzubeziehen?

Die Künstlergruppe lädt die 30 bis 40 Teilnehmenden der Workshops durch persönliche Ansprache ein. Die Künstlergruppe hat dazu Vor-Ort-Termine mit potenziellen Multiplikatoren vereinbart, zum Beispiel mit Mitgliedern des Ortsbeirats, der Geschichtswerkstatt, der Kirchengemeinde, des Jugendzentrums, des Stadtteilchors, der Kurse im SBZ und mit engagierten Lehrkräften. Neben einem ersten Workshop im Juli dieses Jahres sind weitere, individuell mit verschiedenen Gruppen vereinbarte Termine geplant.

Die öffentlichen Stadtteilspaziergänge selbst, die im September und Oktober stattfinden, werden darüber hinaus auch durch eine intensive Pressearbeit, Flyer, einen Artikel im Stadtteilmagazin beworben.

Was verspricht sich die Stadt dabei von der Partizipation an der Kunst im öffentlichen Raum

Wir versprechen uns davon, dass die Menschen vor Ort sich ernst genommen fühlen als Akteure, die wirklich an der Gestaltung ihres Stadtteils teilnehmen können. Wir hoffen, dass die Menschen vor Ort sich durch ein partizipatives Projekt mit der Kunst im öffentlichen Raum identifizieren können, sich nach deren Realisierung dafür verantwortlich fühlen und nicht zuletzt Lust bekommen, das Projekt fortzusetzen, indem sie immer neue Mitbringsel für den Automaten herstellen.

So könnten sie aussehen: Die Mitbringsel aus Dierkow. Foto: Parallele Welten

So könnten sie aussehen: Die Mitbringsel aus Dierkow. Foto: Parallele Welten

Die Nachhaltigkeit ist also entscheidender Faktor?

Man kann von einem solchen Projekt keine Nachhaltigkeit erwarten in dem Sinne einer Haltbarkeit und Erlebbarkeit über Jahrzehnte. Das ist sicher ein Nachteil gegenüber klassischen Skulpturen im öffentlichen Raum, die das Potenzial haben, den Menschen sehr lange Zeit eine Freude zu bereiten. Andererseits bietet der Automat, wenn auch für einen begrenzten Zeitraum, die Möglichkeit, dass Menschen sich auf ungewöhnliche Weise mit der Kunst im öffentlichen Raum auseinandersetzen, indem Sie einen Teil der Kunst mit nach Hause nehmen können und indem sie Verantwortung für sie übernehmen. Es wird also viel davon abhängen, ob sich Menschen finden, die sich für den Automaten verantwortlich fühlen und Lust haben, ihn zum Beispiel mit eigenen Objekten zu füllen. Die Stadt wird diese Möglichkeit in einem Vertrag mit dem SBZ als zukünftigen Betreiber des Automaten festschreiben. Der Automat erfordert in jedem Fall auch nach seiner baulichen Realisierung ein intensives Engagement seitens der Hansestadt Rostock als Eigentümerin und des SBZ als Betreiber.

Vielen Dank, Frau Linke, für dieses ausführliche Interview.

Foto oben: Parallele Welten

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