Foto: Teresa Grünhage

Atlantis oder Utopia oder warum auch Regen schön sein kann – Bericht aus der Mitmachstadt zehn Tage nach Projektbeginn

am 06. Juli 2016 | in Mitmachstadt, Perspektive Umbruch | von | mit 0 Kommentaren

Es regnet. Nicht in ganz Deutschland, aber auf jeden Fall in Nordrhein-Westfalen und damit auch in Düren. Dort regnet es zur Zeit fast hundertprozentig in unterschiedlichen Stärke- und Härtegraden.

Regen ist nass. Ton muss, will man ihn verarbeiten, feucht sein. Zuviel Wasser auf Ton erzeugt eine Masse, die sich nur zwischen Matsch, Schlamm und Schlicker charakterisieren lässt und die sich weder für ein Arbeiten mit dieser, noch für ein Verweilen in dieser (Woodstock und auch der diesjährige Summerjam in Köln) eignet. Es sei denn, man wappnet sich mit Humor, Gelassenheit, Improvisationsbereitschaft und Regenschutz.

Regenflüsse. Foto: Teresa Grünhage

Regenflüsse. Foto: Teresa Grünhage

Letzterer gestaltet sich auf dem Außengelände des WerkHAUS5 aus unterschiedlichen Gründen als provisorische Maßnahme sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Mitmachstadt selber, denn die Arbeiten an ihr sollten auf jedem Fall im Außengelände ausgeführt werden, wiewohl im Innenraum es die Möglichkeit des Arbeitens im Trockenen grundsätzlich geben würde.

Trotz Regen und Sturm: Unser Pavillon steht noch. Foto: Ruth Gilberger

Trotz Regen und Sturm: Unser Pavillon steht noch. Foto: Ruth Gilberger

Es zeigt sich jedoch, dass sich trotz des mehr oder minder ununterbrochenen Regens in den letzten zehn Tagen bei allen Workshop-Angeboten zunehmend mehr und immer motivierte StädtebauerInnen am Werkhaus 5 einfinden um die Mitmachtstadt zu vergrößern und um sie mit neuen Ideen zu bereichern.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Es spricht sich zunehmend herum, dass es auf dem Gelände der Psychiatrie einen „Freiraum“ gibt, der eine Einladung an alle ist, sich einzulassen auf die Gestaltung von Raum, Stadt und Welt. Da hier keine Vorkenntnisse erforderlich sind und jeder einen Bezug zu Stadt entwickeln kann, ist die Begeisterung für die Entwicklung von Visionen nicht nur für Düren leicht zu entfachen und wird vielleicht noch bestärkt von dem Setting: Ein windschiefer provisorischer Regenschutz über zusammengerückten Arbeitstischen, Arbeitskleidung mit Reminiszenzen an Knast und Küche und dem identitätsstiftenden Aufdruck „Mitmachstadt“ und das ganz selbstverständliche Angebot der Workshopleiterinnen, sich dazuzusetzen, zuzuschauen und dann mitzumachen.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Der Schritt hinein durch die geöffnete Tür der ehemaligen Forensik ist ein Schritt der Neugier: Mehr zu erfahren über den Ort, verbunden mit der Geschichte der Psychiatrie und mehr über die Idee des Projektes zu erfahren, über das Öffnen und die Gestaltung von Orten und Räumen – im ganz realen wie im übertragenen Sinne.

Foto: Teresa Grünhage

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So kommen die BesucherInnen aus den unterschiedlichsten Gründen: Während ein Besucher bei einer vorherigen Führung im Gebäude bereits von dem Projekt erfahren hatte, kommen andere BesucherInnen ganz zufällig vorbei und lassen sich sofort von der Idee, eine Zukunftsvision für Düren zu entwickeln, begeistern. Die gemeinsame Arbeit unter dem Schirm gestaltet sich von Anfang an und vielleicht gerade durch seinen improvisierten Charakter als Freiraum für alle Beteiligten: es ist nebensächlich wenn nicht unwichtig, wer wer ist: Bewohner Dürens oder einer Nachbarstadt, Patient, Besucher, Angehöriger, Mitarbeiter der Klinik – es sind alle willkommen.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Durch das Arbeiten an den Ideen und den Umsetzungen dieser kommen dann alle ins Gespräch und es entstehen im Miteinander Handeln Formen der nonverbalen und verbalen Kommunikation, die alle Facetten des Lebens widerspiegeln: vom großen Schweigen über Witze und Gelächter bis hin zum philosophischen Nachdenken über sich selbst, den Anderen und das Leben im Allgemeinen und im ganz Besonderen. Denn es ist auch sehr präsent, dass der Ort bzw. der Aufenthalt in der Psychiatrie (aus was für Gründen auch immer) einen Bruch (in der Biografie) markiert, der neben einem Umbruch auch ein Aufbruch sein kann. Dass dies ganz normal, sehr wertschätzend und empathisch immer wieder neben dem Ton und dem Handy, aus dem Musik das ganze Setting untermalt, auf den Tisch gelegt wird, zeigt schon jetzt eine große Qualität dieses Projektes: Zwischen der Bescheidenheit und Offenheit der Form und der Wucht des Materials Kommunikations- und Beziehungsräume zu gestalten, die mit der wachsenden Gestaltung der Stadt einem der Projektziele, der Entstigmatisierung des konkreten Ortes und auch der Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen, schon jetzt ganz plastisch Form verleiht.

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