Unterwegs in Rostock. Foto: Teresa Grünhage

Ein Atlas voller Umbrüche. Gespräche über`s Fotobuch

am 05. Oktober 2016 | in Perspektive Umbruch, Welt im Umbruch | von | mit 1 Kommentar

Entschuldigen Sie, darf ich bei Ihnen Platz nehmen? So fing meistens alles an. Lange Gespräche über den Alltag, persönliche und gesellschaftliche Umbrüche ausgelöst durch den gemeinsamen Blick in einen Bildatlas folgten. Wer nimmt wo und wie Umbrüche wahr? Warum gibt es sie, braucht es sie, was kommt danach? Wir haben uns in der letzten Woche mit dem Bildatlas des mobilen Ausstellungsprojektes Welt im Umbruch in Rostock Groß Klein, Lichtenhagen und der Innenstadt auf den Weg gemacht und sind mit vielen Menschen in intensive Gespräche gekommen. Ein Bericht über Wahrnehmungen, Perspektiven und den Anfang eines Ausstellungsprojektes.

Drei Gärtner bei der Mittagspause, eine Mutter, die vor der Schule auf ihre Tochter wartet, ein Mann, der auf seinem Rollator sitzend die Herbstsonne genießt, eine Floristin, die gerade einen Blumenstrauß zusammengesteckt hat, Kinder, die aus dem Schulgebäude direkt auf mich zu laufen (Gibt es hier Aufkleber umsonst? –Ja! Und Kunst! Schaut mal hier…), Senioren, die gemeinsam Kaffeetrinkend auf die wöchentliche Liederrunde warten. Gesprächsanlässe lassen sich in Rostock Groß Klein sehr schnell finden. Und auch Gesprächspartner, die gern mit mir in den Bildatlas schauen und mir zeigen, welches Bild ihnen am besten gefällt.

Unterwegs in Rostock Groß Klein. Foto: Teresa Grünhage

Unterwegs in Rostock Groß Klein. Foto: Teresa Grünhage (Foto auf dem Poster: Paolo Woods & Gabriele Galimberti)

Mit einem Bildatlas unter dem Arm geklemmt, in dem sich aus jedem Fotobuch, das in der mobilen Ausstellung eine Woche lang in Rostock Groß Klein gezeigt wird, mindestens ein Foto befindet, mache ich mich auf den Weg durch die Stadt. Zugegebenermaßen fühle ich mich zu Beginn ein wenig unbehaglich – wie werde ich wohl wahrgenommen? Als Promoter? Als Missionar? – dieses Gefühl legt sich aber bereits nach meinem ersten Gespräch an diesem Morgen. Mir geht es darum mit den Menschen über Bilderwelten und Wahrnehmungen ins Gespräch zu kommen. Und vielleicht hat ja jemand Lust die Ausstellung zu besuchen und mehr über Fotobücher zu erfahren oder sogar ein eigenes herzustellen.

Was ist Ihr Bild des Umbruchs? Foto: Teresa Grünhage

Was ist Ihr Bild des Umbruchs? Foto: Teresa Grünhage

Drei Gärtner sitzen auf einer Parkbank und genießen ihre Pause. Ich darf bei ihnen Platz nehmen und schlage nach einem kurzen Gespräch meinen Bildatlas auf. „Super!“, sagt der Mann links neben mir. „Wunderschön!“ Und zeigt auf ein Bild aus dem Fotobuch Broken Line von Olaf Otto Becker. Zu sehen sind Eisberge, getaucht in ein leicht rosa-hellblaues Licht, die sich in ihrer ganzen Schönheit schmelzend im Wasser verteilen.

Die Schönheit des Unschönen, Störungen in der perfekten Ordnung: Viele Bilder zeigen oft erst auf dem zweiten Blick Risse und Brüche. Die Faszination meiner Gesprächspartner über die Fotografien ist groß. Jeder entdeckt sofort ein Bild, das ihn/sie wieder an eine eigene Geschichte erinnert. Warum das Kind auf dem Foto denn ganz allein im Ehebett der Eltern liege, fragt mich die auf ihre Tochter wartende Mutter. Ich erzähle ihr die Geschichte des Fotobuchs Land ohne Eltern der Fotografin Andrea Diefenbach, die über zwei Jahre sowohl die Kinder als auch die Eltern aus moldawischen Familien begleitet hat. Die Republik Moldau gilt als ärmstes Land in Europa und um ihre Familien finanziell besser versorgen zu können, arbeiten nahezu eine Millionen Moldawier im Ausland, meist in unsicheren Aufenthalts- und Beschäftigungsverhältnissen, ohne mit ihren Kindern auswandern zu können. Die Bilder des Fotobuches zeigen Kinder, die ohne ihre Eltern in Moldawien aufwachsen und die Eltern, die ohne ihre Kinder zu gleichen Zeit in Italien leben. Das Bild wird Anlass für ein langes Gespräch über Arbeitsbedingungen im Osten Deutschlands, über Familien, Sehnsucht und Geborgenheit von Kindern. Das Fotobuch von Andrea Diefenbach möchte sie gern einmal sehen. Ich lade sie mit ihrer Familie zur Ausstellungseröffnung ein.
Während meiner Gespräche mit zufällig getroffenen Menschen, ist der Aufbau der Ausstellung im vollem Gang. Die bereits im Rondell hinter dem Börgerhus (AWO Stadtteilzentrum) kreisförmig stehenden Seefahrtcontainer werden nun mit Ausstellungswänden und Fotografien bestückt. Ausstellungstexte werden geklebt, Sockel ausgepackt, Fotobücher sortiert, über Paletten werden Fotografien gezogen. Das Café Courage hat bereits in einem Container geöffnet.

Foto: Markus Schaden

Foto: Markus Schaden

„Meine Lehrerin hat gesagt, dass hier ein Schiff gebaut wird!“ sagt ein Junge zu mir, als ich zum Rondell zurückkehre. „Ein Schiff?“ frage ich. „Ja! Warum stehen hier denn sonst so viele Container! Und wo fahrt ihr dann damit hin, wenn es fertig ist?“ Das hier plötzlich mehrere Container kreisförmig angeordnet stehen weckt großes Interesse in der Nachbarschaft. Immer wieder kommen Menschen und fragen neugierig, was denn hier aufgebaut wird und nehmen dann gerne den Programmflyer mit oder melden sich spontan für einen Fotobuchworkshop an.

Ich komme mit ehrenamtlichen Helfern aus der Nachbarschaft ins Gespräch, die den Aufbau tatkräftig unterstützen. Alle helfen begeistert mit und wir tauschen uns über die Fotografien im Bildatlas aus. Nadine erzählt mir, sie sorge sich, dass es hier nachts Vandalismus geben könne. Aber wir sollten uns keine Sorgen machen, sie würde gemeinsam mit anderen aus der Nachbarschaft regelmäßig in der Nacht nach dem Rechten schauen, damit die Ausstellung bleibt. Ich bin begeistert. Die Idee Menschen zu begeistern und sie an Kunst teilhaben zu lassen ist hier schon vor der Ausstellungseröffnung aufgegangen!

Kurz vor der Eröffnung. Foto: Thekla Ehling

Kurz vor der Eröffnung. Foto: Thekla Ehling

 

Welt im Umbruch“ ist ein mobiles und partizipatives Ausstellungs- und Vermittlungsformat der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und des PhotoBookMuseum, das in Fotobüchern und Fotografien neue Perspektiven auf die globalen Umbrüche unserer Zeit eröffnet. Gezeigt werden Bilder von international renommierten Fotografinnen und Fotografen, die die großen gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit bearbeiten:  Migrationsbewegungen, die Effekte der Globalisierung und der Digitalisierung und des Klimawandels sowie neue Dynamiken wirtschaftlicher wie politischer Krisen sind für viele spürbar. Die Platzierung von Ausstellungs-Containern im öffentlichen Außenraum gekoppelt mit der Möglichkeit für verschiedene Zielgruppen, sich auf vielfältigen Ebenen an der Open-Air-Ausstellung und am Vermittlungsprogramm zu beteiligen, bringt das künstlerische Fotobuch in die unmittelbare Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort. Fotografie und Fotobuch werden außerhalb herkömmlicher Kunstinstitutionen wie Museen und Galerien erfahrbar.

Die Ausstellung ist vom 2. – 9.Oktober 2016 in Rostock Groß Klein zu sehen. Mehr Informationen und das kostenlose Begleitprogramm finden Sie hier.

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Eine Antwort zu Ein Atlas voller Umbrüche. Gespräche über`s Fotobuch

  1. g. wolf sagt:

    beeindruckende wirkung in historischer umgebung. möge rostock daran spass haben.

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