Foto: Theresa Herzog und Diana Dauer

Ein Drinnen im Draußen. Partizipative Kunst in der JVA Köln-Ossendorf

am 30. August 2017 | in Dialog und Teilhabe, Perspektive Armut | von | mit 0 Kommentaren

Theresa Herzog, Studentin an der Alanus Hochschule, hat gemeinsam mit Diana Dauer, Studentin an der Universität Köln, die Besucherzonen der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf künstlerisch bearbeitet und Insassen und Angehörige miteinander in Dialog gebracht. Im folgenden Beitrag reflektieren die beiden ihr Projekt „Drinnen trifft draußen“, das im Rahmen des Projektes „Perspektive Armut“ von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft begleitet wurde.

Foto: Theresa Herzog und Diana Dauer

Wieder stehen wir vor der Front aus Spiegeln und Beton; sehen zwei junge Frauen vor dem Eingang einer JVA stehen. Links von uns das kleine Wartehäuschen.
Über ein Jahr ist vergangen, seitdem wir das letzte Mal hinter den Mauern waren, mit den Wärtern und den Inhaftierten ihre alltäglichen Wege gegangen sind und dort gemeinsam gearbeitet haben.
Heute sind wir wieder hier: Die Eindrücke, die wir in dieser Zeit sammeln konnten, scheinen kein Stück verblasst zu sein und begleiten uns nach wie vor. Die Fotografien und Briefe, die wir in dieser Zeit sammelten, bringen wir jetzt in anderer Form zurück an den Ort ihrer Entstehung und vollenden das Projekt, das wir damals begonnen haben:
Mit der Installation einer Collage im Wartehaus vor der JVA, zusammengesetzt aus über 700 Bildern aus ihrem Inneren.

Das Projekt

Begonnen hat alles im Jahr 2014, als die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft mit Studierenden das Projekt „Bindungsräume“ in der JVA Köln-Ossendorf ins Leben gerufen hat. Ziel war es, durch künstlerische Interventionen insbesondere den Kindern ihre Besuchszeit im Gefängnis zu erleichtern – so entstanden beispielsweise einige Gemälde, die an das „Draußen“ erinnern, sowie ein Leitsystem durch die Gänge aus Bärenpfoten, neben einem eigens für die Anstalt konzipierten Kinderbuch und zugehörigem Stofftier. Diese sollen eine thematische Auseinandersetzung mit dem Thema „Inhaftierung“ kindgerechter und zugänglicher gestalten.

Mit Unterstützung der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und Förderung durch Morning Tears Deutschland und KRASS e.V. konnte das Projekt im darauffolgenden Jahr in anderer Form fortgeführt werden: Diesmal als Kooperation der beiden Studentinnen Theresa Herzog (Teil der Projektgruppe von „Bindungsräume“) und Diana Dauer, die entschlossen waren mit der Grundidee vor Ort weiter zu arbeiten. Das Konzept: „Drinnen trifft Draußen“.

In dieser Projektphase sollte sich nun auf die Gestaltung des Wartehäuschens vor der Anstalt und die Langzeitbesuchsräume konzentriert werden. Im Fokus stand vor allem die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort: Die inhaftierten und die dort arbeitenden Menschen.
Gemeinsam mit inhaftierten Frauen wurden in der Holzwerkstatt neue Sitzmöglichkeiten für das Wartehaus und unter anderem Holzspielzeug für die Familienbesuchszeiten entwickelt und angefertigt.

Nun ist auch das Herzstück dieser Phase fertiggestellt.

Durch eine visuelle Begegnungsstätte soll so ein Stück Gefängnisrealität nach außen getragen werden. Das Kunstwerk soll einfach zu lesen, für jeden verständlich und erfahrbar sein. Gleichzeitig soll das ästhetische Werk als ein Medium des Wissenstransfers wirken.

„Wir wollten die große Fläche der Stirnwand des Wartehauses nutzen, um ein Bindungsobjekt zwischen den Inhaftierten und ihren Angehörigen zu schaffen“.

Ein Gang, ein Teller, ein Spiel, Hände, Füße, ein Weihnachtsmann, Lichter und Mauern: Die Fotos zeigen Ecken und Momente des Gefängnisses. Sie sollen den Besuchern im Wartehaus die Möglichkeit geben, Einblicke in das „Drinnen“ und das Leben ihrer Angehörigen und Freunde zu erhalten, die sonst hinter den Wänden der Besuchsräume verborgen bleiben.

„Wir möchten die Menschen draußen darüber aufklären, was da drinnen alles möglich ist“.

Zeit und Raum für Begegnung schaffen – ein Wimmelbild, auf dem es immer neues zu entdecken gibt, dass Kinder und Erwachsene auf verschiedene Arten beschäftigt und das Unbekannte näher bringt.
Während einzelne Bilder klar einem Gefängnis zugehörig erscheinen mögen, ganz normal anmuten, könnten andere doch stutzig machen: Was wirklich alles hinter den Mauern verborgen ist, was hier möglich ist und geleistet wird, kann nun draußen betrachtet werden. Allein die bessere Vorstellung des Ortes soll den Angehörigen in dieser besonderen Lebensphase helfen, zu verstehen, wie das Leben drinnen sein könnte.

Foto: Theresa Herzog und Diana Dauer

Sammlung des Bildmaterials

Wir hatten die einmalige Möglichkeit unsere Arbeit und alltägliche Begebenheiten des Gefängnisalltages im Rahmen eines besonderen Fotoprojekt-Konzeptes zu sammeln. Aus den fast 1000 entstandenen Fotografien entwickelten wir letztlich eine Collage aus über 700 Bildern, die in ein Farbkonzept eingebettet ist, welches durch die mit den Frauen gebauten Sitzbänken in den dreidimensionalen Raum erweitert werden.

Im Einwegkamera-Projekt „Alltag“ machten Inhaftierte eine Woche lang Bilder ihres Lebens innerhalb der Gefängnismauern – in ihren Zellen, den Werkstätten, Schulräumen, in den Gemeinschaftszeiten, im Garten. Gleichzeitig ergriffen einige Insassinnen die Initiative ihre Gefühle und Gedanken in Briefen festzuhalten und uns bei den gemeinsamen Projekttagen zu übergeben. Wir wollten diese unbedingt in das Fotoprojekt einbinden, also haben wir sie in das Medium Foto integriert und Teil der Collage werden lassen.

Des Weiteren bekamen wir selbst die seltene Gelegenheit, vor Ort Bilder des Gefängnisalltags zu machen und beispielsweise die gemeinsamen Arbeitszeiten in der Werkstatt zu dokumentieren.

Als das gesammelte Bildmaterial schließlich von den Sicherheitsbeamten gesichtet und freigegeben war, standen wir vor fast 1000 Bildern, die eine Collage von ca. 1,60 x 2,00 Metern Größe bilden sollten.
Die künstlerische Aufarbeitung dieser Bildmengen war eine besonders große Herausforderung. Wir haben die Bilder zunächst alle in Passbildgröße entwickelt und versucht sie zu einem farblichen Gesamtkonzept zusammenzufügen. Schließlich haben wir sie in das Farbkonzept unserer Holzsitze angepasst, mit Form und Farbe experimentiert und gespielt.

Foto: Theresa Herzog und Diana Dauer

Das Wartehäuschen

Um sie möglichst beständig und wetterfest zu machen, wurde die Collage auf Aluminium gedruckt. Obwohl alle Beteiligten davon ausgegangen sind, dass eine Installation wie diese – im öffentlichen Raum, an einer Stelle, an der Menschen verschiedenster Hintergründe mit sich selbst, dem Warten und ihren Gedanken alleine sind – schnell auch Spuren der Zeit und Blessuren davontragen würde.

Bis heute ragt die Installation noch unversehrt am Kopf des Wartehauses. Wir freuen uns und hoffen, dass das ein Zeichen dafür ist, dass sie positiv aufgenommen und wertgeschätzt wird. Und im besten Falle, half sie Familien und Freunden sich gegenseitig besser zu verstehen in einer Lebensphase, die es schwierig macht einander nahe zu sein.

Ein vorheriger Beitrag zu diesem Projekt ist hier abrufbar.

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