Foto: Marco Piecuch

Einblicke in eine Theaterinszenierung

am 27. Oktober 2017 | in Diskurse, Summercamp | von | mit 0 Kommentaren

Inka Wiederspon, Teilnehmerin des diesjährigen Summer Camps, ist Studierende im Fach Schauspiel an der Alanus Hochschule. Gemeinsam mit weiteren Studierenden spielt sie das Stück „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ von Peter Weiss in einer Inszenierung von Michael Barfuß in der Brotfabrik in Bonn. Das Stück behandelt die französische Revolution, beinhaltet jedoch auch viele Fragestellungen zu heutigen Umbrüchen. In einem Interview hat sie uns einen Blick hinter die Kulissen der Inszenierung ermöglicht.

Hallo lnka. Wie kam es zu der Wahl des Stücks „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ von Peter Weiss?
Der Regisseur Michael Barfuß hat sich dafür entschieden. Die Idee dazu hatte er schon ewig im Kopf, er hat es auch vor langer Zeit schon mal inszeniert und meinte, dass es für die jetzige Zeit wieder sehr notwendig sei. Er hat uns als Klasse dann gefragt, ob wir es mit ihm umsetzen wollen. Er ist unser Dozent für Gesang an der Alanus Hochschule und inszeniert auch musikalische Themenabende mit Schülern der Alanus.

Erfolgte die Planung und Durchführung des Stücks durch Studierende der Alanus Hochschule?
Das Projekt ist nicht von Studierenden geplant worden, sondern extern, aber gemeinsam mit der Hochschule. Bei der Größe des Projekts war das auch gut. Es handelt sich um eine Kooperation mit dem Theater in der Brotfabrik. Die technische und organisatorische Umsetzung war eine enge Zusammenarbeit zwischen Michael Barfuß und dem Team der Brotfabrik. Wir haben mit einer Kostümbildnerin, Luana Andreotti, und einer Bühnenbildnerin, Elise Richter, von der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, zusammengearbeitet. Die Kostüme wurden teilweise auch von Luana selbst genäht.

Foto: Marco Piecuch

Inwiefern hattest du als Schauspielerin Einfluss auf die Gestaltung des Stücks? Konntest du auch eigene Ideen einbringen?
Michael hatte einen sehr klaren Plan für das Stück, aber innerhalb meiner Rolle hatte ich sehr viel Freiheit. Auch bei den Proben haben wir anfangs viel rumexperimentiert. Bei den Szenen in denen wir alle auf der Bühne stehen, konnten wir auch viel ausprobieren. Meist hatte einer eine Idee und wenn die anderen sie gut fanden, wurde sie übernommen. Die Figuren selbst sind ja alle Patienten – und bei der Gestaltung der einzelnen Figuren konnten wir dann sehr viel selber experimentieren und auch improvisieren und haben die Rollen gemeinsam mit Michael weiterentwickelt

Wurde das Stück für eure Umsetzung stark verändert, oder ist es nah am Originaltext des Dramas?
Verändert wurde es so gut wie gar nicht, es wurde aber stark gekürzt. Der Text ist jedoch komplett von Peter Weiss übernommen. Die Lieder kommen so auch im Originaltext vor. Die Musik wurde in Amerika komponiert für eine Inszenierung des Stücks von Peter Brook, die haben wir dann übernommen. Im Stück gibt es eigentlich vier Sänger, wir haben diese gestrichen und alle gemeinsam gesungen.

Welche Rolle spielt denn die Musik, insbesondere der chorale Gesang, bei der Umsetzung des Stückes?
Die Lieder sind immer noch mal eine andere Bedeutungsebene des Stücks. In den Liedern werden alle zum niedrigen 4. Stand, auch die Charaktere, die es eigentlich nicht sind. Die Lieder sind quasi die Kommentarebene. Alle bilden die Volksmasse, die die Revolution kommentiert und kritisiert, wie wenig sie eigentlich bringt.

Inwiefern thematisiert das Stück Umbrüche?
Eine Revolution ist ja quasi der Inbegriff von Umbruch. Das Thema des Stücks reflektiert Umbrüche: es gibt ja immer diesen Gegensatz zwischen Marat und Sade. So wie ich das sehe geht es in dem Stück um die Konfliktfrage zwischen Freiheit des Individuums und gleichem Recht für Alle – Individualismus und Kommunismus. Dieser Konflikt kann am Ende nicht geklärt werden. Diese Frage wurde ja auch heute noch nicht beantwortet. Also, wie weit darf man gehen um eine Utopie zu verwirklichen? Darf man Menschen dafür töten? Solche Fragen sind ja jetzt gerade auch aktuell. Denkt man mal an Menschen die fest an eine Sache glauben und dafür über Leichen gehen, weil sie überzeugt sind, die Wahrheit gefunden zu haben. Obwohl es ja keine absolute Wahrheit gibt und man nicht jeden aus dem Weg räumen kann, der anders denkt als man selbst.

Foto: Marco Piecuch

Wie bewertest du dann die aktuelle Relevanz des Stücks in Bezug zu Umbrüchen in der heutigen Zeit? Welche aufgegriffenen gesellschaftlichen Themen sind heute noch wichtig oder treten so ähnlich auf?
Ganz viele Themen, die das Stück anschneidet, sind heute noch relevant. Beispielsweise wie Marat in der Nationalversammlung populistisch gegen andere hetzt, sagt, dass alle Adligen grundsätzlich böse seien. Solche Verallgemeinerungen findet man doch heute genauso. Die Revolution im Stück richtet sich auch gegen alles was schön ist, alles Geistige und alles was mit Bildung zu tun hat. Alle Eigenschaften der Elite sollen abgeschafft werden, die Rohheit wird zum Ideal. Ich finde so etwas passiert heute ähnlich. Ästhetische Bildung wird als „abgehoben“ gesehen und negativ besetzt. Aber Bildung ist doch kein Teufelswerk.

Danke für das Interview. Hast du noch weitere Anmerkung?
Ja. Mir ist aufgefallen, dass viele Zuschauer nach der Aufführung mit mir gesprochen haben, aber keiner hat über den Inhalt des Stücks gesprochen. Das fand ich seltsam, weil es doch sehr politisch ist und es viele Parallelen zu heutigen Geschehnissen gibt. Mich würde aber sehr interessieren, ob die Zuschauer diese Prallelen wahrnehmen, ob wir sie rüberbringen. Einer unserer Dozenten hat mal gesagt, dass die Aktualität eines Theaterstücks davon abhängt, welche Frage das Stück behandelt und solange diese Frage nicht beantwortet ist, ist das Stück aktuell. Und man kann die Frage eigentlich auch gar nicht beantworten, aber man muss sich immer wieder mit ihr auseinandersetzen – und das ist für mich Theater. Dass man immer wieder versucht, sich an den selben großen Fragen der Menschheit abzuarbeiten, auch wenn sie nicht beantwortet werden können. Sonst müsste man das Stück ja nicht mehr spielen. Aber niemand will ja ins Theater gehen um eine Antwort vorgesetzt zu bekommen, das wäre zu pädagogisch und würde keinen Spaß machen. Das ist es eigentlich: Theater ist Fragen aufwerfen und Antwortmöglichkeiten ausprobieren und letztendlich muss jeder im Publikum selber entscheiden, welche davon passen und wo man weitersuchen will.

Das Interview führte Fiona Kubat.

Weitere Termine für das Stück sind der 27./28. Oktober um 19:30 Uhr und der 29. Oktober um 18:00 in der Alanus Hochschule, Campus I, Großer Saal. Karten unter 02222/9321-1247 (AB) oder schauspiel-ticket(at)alanus.edu. 12 € bzw. 8 € (ermäßigt).

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