Foto: Teresa Grünhage

Ich bin nicht ich
Perspektiven des Umbruchs aus dem Summercamp 2016

am 09. August 2016 | in Diskurse, Summercamp | von UND | mit 0 Kommentaren

Eine unvollständige Berichterstattung von Ruth Gilberger und Teresa Grünhage

Ein neues Jahr, ein neuer Ort, alte und neue Teilnehmende, ein modifiziertes Programm – die Erfahrungen aus dem letztjährigen Summercamp auf dem Stiftungscampus der Montag Stiftungen in Bonn flossen in die diesjährige Konzeption ein.

Das Summercamp der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft ist ein experimentelles und bewusst offen gehaltenes temporäres Format für den Austausch von Ideen zwischen Studierenden, Künstlerinnen und Künstlern im Feld von Kunst und Gesellschaft. Als am Bar-Camp orientiertes Format bietet es den Freiraum für Denk-, Austausch-, und Anregungsprozesse, indem gemeinsam handelnd Denk- und Konzeptionsprozesse entwickelt werden.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Ziel des Camps ist, die Möglichkeiten von Kunstprojekten in gesellschaftlichen Feldern intensiv zu diskutieren. Das Summercamp stellt dabei eine Plattform für den Ideenaustausch und der Netzwerkerweiterung aller Teilnehmenden dar. In jedem Jahr bildet ein thematischer Fokus den inhaltlichen Rahmen für das Workshop-Programm. Letztes Wochenende beschäftigte sich das Camp mit dem Stiftungsthema „Perspektive Umbruch“.

Dazu wurden unter der „Federführung“ von Teresa Grünhage über 20 Studierende aus dem Feld der Kunst und Gesellschaft verschiedenster Hochschulen

  • Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft Alfter
  • Bauhaus Universität Weimar, Kunst im öffentlichen Raum
  • Hochschule Niederrhein, Kulturpädagogik
  • Universität der Künste Berlin, Kunst im Kontext
  • Muthesius Hochschule Kiel und
  • Glasgow School of Arts

darunter drei ehemalige (studentische) Teilnehmende des letzten Jahres sowie fünf Künstlerinnen und Künstler aus dem Feld Kunst und Gesellschaft eingeladen. Da das Konzept von einer Beteiligung aller Teilnehmenden ausgeht, wurden mit dem Aufruf auch schon gezielt Studierende gesucht, die bereits Projekterfahrungen haben und sich auf aktive Weise in das Programm des Camps einbringen möchten.

Diesjähriger Durchführungsort war der Bahnhof Mirke/Utopiastadt Wuppertal sowie das Mirker Freibad, zwei gelungene Konzepte der funktionalen und ästhetischen Umnutzung von Gebäuden bzw. Arealen. Workshops/Programm fanden in Utopiastadt statt, übernachtet wurde in Zelten auf dem Gelände des ehemaligen Freibads.

Foto: Ruth Gilberger

Foto: Ruth Gilberger

Manches ist wie im Vorjahr geblieben: neben dem Wetter (diesmal kein Orkan mit Starkregen, sondern nur Regenschauer beim Auf- und Abbau der Zelte) auch die Einladung an Studierende  und an partizipativ arbeitende Künstler und Künstlerinnen, sich gemeinsam auf ein Thema einzulassen: Perspektive Umbruch

Das Programm strukturierte sich vorab durch die Vorschläge der Teilnehmenden und Kunstschaffenden, bot aber auch den Freiraum vor Ort weitere Vorschläge und Angebote einzubringen.

Die folgende Beschreibung versucht, über die Wiedergabe des zeitlichen Ablaufs des Camps auch einen inhaltlichen und atmosphärischen Einblick in die gemeinsame Arbeit zu geben, ist aber keine vollständige Wiedergabe aller Ereignisse.

Freitag. Zeltebau bei Regen und atonale Jodelübungen

Das obligatorische Aufbauen der Zelte verlief weitgehend stress- und reibungsfrei, wenn auch bei einsetzendem Regen mit gegenseitiger Hilfe und Unterstützung – nur unsere beiden vierbeinigen Campteilnehmer aus zwei Generationen gelungener Hunderassenintegration schauten dem zielgerichteten Treiben eher spielorientiert zu.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Beim nachfolgenden Get-together in Utopiastadt führte nach einer allgemeinen Einführung in die Arbeit der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft im Allgemeinen und des Summercamps im Besonderen im Folgenden Jeannette Weber, die wir als „externe Moderation“ für das Camp gewinnen konnten, in die Zeit- und Arbeitsstruktur des Camps, aber auch in anfängliche inhaltliche und atmosphärische Erwartungen und Befürchtungen ein mit einer visuellen Abfrage, deren Charme und Witz stellvertretend für die gesamte Moderation stehen kann. Damit die Offenheit in der Gruppe zu fördern, schien durch die gelöste und heitere Stimmung erreicht.

Drei aktivierende Workshops wurden anschließend von allen Teilnehmenden besucht (der Regendach-Zeltaufbau Workshop von Jan-Pirco Ulbricht schien angesichts der professionellen Ausrüstung nicht notwendig): Theresa Herzog stellte ein Art-in-Residence-Programm in Wuppertal vor. Gregor Eisenmann, Maler mit Atelier in Utopiastadt, führte ein in sein künstlerisches Gesamt-Kunstwerk und lud zu einer partizipativen multimedialen Installation ein. Ich (Ruth Gilberger) bat meine Teilnehmenden um eine spontane plastische Entsprechung ihres Bildes vom Umbruch, um anschließend gemeinsam über die Begrifflichkeit und ihre Bilder angewandt zu philosophieren.

Foto: Ruth Gilberger

Foto: Ruth Gilberger

Maurice de Martin, der sich in seiner Künstlerrolle als intuitiver Impulsgeber für Gespräche und spontane Interventionen verstand, führte diese Reflektionen über das Wochenende in intensiven Einzelgesprächen weiter und bot als „Kompensation“ atonale Jodelübungen an (die bedauerlicherweise aus Zeitgründen nicht in der Wuppertaler Schwebebahn zur öffentlichen Aufführung gekommen sind).

Nach dem gemeinsamen spanisch gefärbten Abendessen und vielen intensiven Gesprächen moderierten zwei „Alumnis“ vom letzten Jahr, Katrina Blach und Lilian Friese ein 2-Minuten-Format: Sie stellten allen Teilnehmenden die Frage, was für sie persönlich ein Umbruch sei und baten um eine künstlerische Aufbereitung und Vorstellung im Plenum. Und dann kamen die unterschiedlichsten Beiträge in allen künstlerischen Medien: Film, Video, Zeichnung, Performance, Theater, Literatur wurden genutzt, um ganz persönliche, berührende, präzise und poetische Einblicke auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Umbruch zu ermöglichen. Es war ganz still und konzentriert in dieser Stunde, die so viele Perspektiven aufzeigte, an die im weiteren Verlauf (nicht dieser Nacht) angeknüpft werden konnte: Es öffnete sich und allen eine Schatztruhe!

Nur um exemplarische Beispiele zu nennen: Während Max-Simon Meyer in einem nichtsprachlichen Sketch Umbruch als Aufbruch im Kulturbereich skizzierte, beschäftigte Jula Osten sich mit der Ereignishaftigkeit und Eindrücklichkeit von Ereignissen als Landschaft, die mit zunehmendem Alter (ab 40….) in eine norddeutsche Tiefebene abflachen können. Lilian Friese wiederum hatte ganz konkret am eigenen Leibe den Putschversuch in der Türkei miterlebt und aus dem in letzter Sekunde buchbaren Rückflugsflieger heraus die Landschaft gefilmt – und hier waren nicht die Bilder eindrücklich, sondern der Ton bzw. die komplette und absolute Stille im „Urlaubsbomber“.

Samstag: Viel Sonne und viele Erkenntnisse

Der zweite Tag bestach durch besseres Wetter (die Sonne kam raus), aktivierende Yogaübungen mit Leah Blank, einer Unzahl an frischen Brötchen und einem Buffet auf ausgedienten Umkleideschließfächern, das ebenso liebevoll zubereitet wie ästhetisch ansprechend dekoriert war.

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Der Vormittag hatte wieder ein reichhaltiges Workshop-Angebot zur Auswahl: die Auseinandersetzung mit Fragen der Ökonomie ganz angewandt mit der multimedial arbeitenden Künstlerin Susanne Bosch, die eine „Bank of Change“ organisierte, deren „Angestellte“ dann in Wuppertal unterwegs waren mit einem für das jetzige Bankensystem ungewöhnlichem Angebot: Man konnte so viel Geld nehmen oder geben wie man wollte. Am Ende ergab das gezählte Geld (neben den unzähligen Geschichten, die den Angestellten im Laufe ihres Banktages begegnet sind) eine positive Bilanz und viele Ideen der Übertragbarkeit auf die aktuelle ökonomische Situation – Teilen heißt ebenso Teilhaben wie Teilgeben.

Auch der Klangworkshop mit dem Musiker und Klangkünstler Volker Hartmann-Langenfelder stand unter dem Zeichen der Kooperation: Experimentell wurde erkundet, wie sich Lärm (Krach) durch partizipative akustische Eingriffe in Klang verwandeln kann und sich damit die auditive Wahrnehmungsperspektive auf die Ausgangssituation verschiebt bzw. verschieben kann.

Andere Workshops bzw. Inputs erweiterten nochmals die Perspektive auf den Begriff des Umbruchs: Rebecca Layton stellte anhand von philosophischen Theorien die Frage nach der (kulturell bedingten) negativen Konnotation von laziness und leisure (also dem Zusammenhang von Faulheit, Freizeit und Muße) und löste bei den Teilnehmenden eine vehemente und nur scheinbar kontroverse Diskussion aus. Sie wurde ganz (selbst)verständlich in Englisch geführt, enthielt kulturelle Sprachperlen wie „fuck meditation“ und wurde von Lena Skrabs durch das ebenso verblüffende wie praktische Angebot, die verbleibende Zeit als „leisure time“ für sich oder für andere zu genießen, in ästhetische Form überführt.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Nachmittags bot der bildende Künstler Hans Hoge, Vereinsmitglied und Kurator vom Freibad Mirke und selbst wohnhaft dort, einen Workshop im stillgelegten Schwimmbecken (an dessen einem Ende ein Schwimmbad im Schwimmbad für reguläre Badegäste trickreich errichtet wurde) an, das sich mit der Stadtlandschaft Wuppertal plastisch und partizipativ auseinandersetzte.

Jeannette Weber hatte zwischendrin immer wieder die nicht ganz einfache Aufgabe, die Teilnehmenden zu sammeln, um sie nach kurzem gemeinsamen Austausch dann wieder in die vielen Angebote zu entlassen

Nach so viel Input stand der Abend dann ganz im Zeichen des gemeinsamen Grillens: Vegan, vegetarisch und mit Fleisch wurde von Anna im Vereinshaus, das uns dankenswerterweise auch zur Verfügung gestellt wurde, mit einem willigen und freiwilligen Helferteam erst hergestellt und dann über die Nacht verzehrt – mit Musik, Gesang und vielen, vielen Gesprächen bis tief in die Nacht.

Sonntag: Wertschätzung und weiterführende Fragen

Der Sonntagmorgen, Tag drei, zeigte sich davon unabhängig von seiner trüben Seite – so wurden proaktiv vor dem dann einsetzenden Regen die Zelte abgebaut und alle versammelten sich etwas erledigt zum großen Finale in Utopiastadt. Trotz der allgemeinen Müdigkeit gab es ein großes Bedürfnis, noch mehr von den einzelnen Teilnehmenden und ihren künstlerischen Praxisprojekten zu erfahren: Jula stellte ihr in Bremen und Detroit erprobtes Flohmarkt-Konzept A_FLEA vor, Jan-Pirco und Max-Simon ihr Engagement in Mönchengladbach/KAF und im Hotel Oberstadt; David Janotta und Livia Machler versuchten im Bauwagen und auf dem Gelände der Alanus Hochschule ein nachhaltiges Engagement für Kunst, Natur und Gesellschaft in die Tat umzusetzen. Juan Camilo Alfonso A stellte seine Wandmalerei-Projekte aus Bernau bei Berlin und aus Kolumbien vor und wies auf kulturelle Ähnlichkeiten und Differenzen hin… Und viele weitere künstlerische Engagements, die nicht nur großen Respekt und Wertschätzung erfuhren, sondern auch viele Fragen aufwarfen.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Eine mögliche professionelle Lösung dieser Fragen boten Lena Skrabs, Vienne Chan und Rebecca A. Layton: Perspektivwechsel durch die Schaffung einer neuen Identität mit Visitenkarte: „Enjoy your new life“ fand regen Zuspruch nicht nur von Seiten der Teilnehmenden, sondern auch durch die Gäste von Utopiastadt, mit denen wir den Gastronomiebereich ganz selbstverständlich teilen konnten und die so auch Teil haben konnten an unserem Treiben.

Fragen nicht eindimensional zu beantworten, sondern sie vielmehr zu artikulieren und zu bündeln, um neue Perspektiven daraus für alle Beteiligten generieren zu können, war die Aufgabe des Abschlussplenums. Ein Fazit, das für alle zum Schluss aufschien: Die gemeinsame Zeit war voll mit Inspirationen zum Handeln und wird noch im Weiteren viele Früchte tragen.

Es ist Aufgabe der Stiftung, dafür Sorge zu tragen, dass dieses Feld, das wir gemeinsam bestellt haben, gehegt wird und eine Ernte trägt, die dann wieder gemeinsam geteilt werden kann.

Auf jeden Fall hat dieses Summercamp gezeigt, was gemeinsames (künstlerisches) Denken und Handeln in der Kürze der Zeit an Reichtum hervorbringen kann: nicht nur an Perspektiven auf Umbruch, sondern auch und vor allem an Beziehungen – keine norddeutsche Tiefebene, sondern mindestens die Dolomiten, was die Ereignislandschaft betrifft! Vielen Dank an alle Teilnehmenden und Teilgebenden, die dies ermöglicht haben!

Und zu guter Letzt: Einen entscheidenden Anteil an dem Gelingen des Summercamps hatten auch die beiden Orte, deren erkämpfter und gelebter Freiraum eine entscheidende und beeindruckende Inspirationsquelle für alle waren – Danke! Weitermachen!

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