Foto: Nico Baumgarten

Mit neuem Blick auf die eigenen Umbrüche: Ein Fotobuch-Workshop in Rostock

am 07. Februar 2017 | in Perspektive Umbruch, Welt im Umbruch | von | mit 0 Kommentaren

Im Rostocker Stadtteil Groß Klein startete 2016 das mobile Fotobuch-Projekt „Welt im Umbruch“. Für viele waren die Workshops, in denen sie ihr eigenes Fotobuch herstellen konnten, ein Highlight, das es auch in diesem Jahr wieder geben wird – im Sommer von Duisburg.

Draußen wird das Wetter gerade wieder schöner, als wir es uns im Börgerhus gemütlich machen. Die schnellen Wetterwechsel hier in Rostock, so nah an der Küste, kennt man aus dem Rheinland eher nicht. Gerade haben wir uns auf dem Rondell vor dem Börgerhus in Groß Klein noch die Fotobuch-Ausstellung angeschaut in den drei Ausstellungscontainern, die dort auf der Wiese stehen. Markus Schaden, Gründungsmitglied des PhotoBookMuseum und erfahrener Experte für das künstlerische Medium, hat mir und den anderen Teilnehmenden unseres Workshops die ersten Einblicke in die Welt der Fotobücher gewährt. Mit viel Engagement und Humor erzählt er Hintergründe und Entstehungsgeschichten der Bücher, analysiert einzelne Bilder oder gibt lustige Anekdoten zum Besten. Und als wir vor dem großformatigen Foto von Olaf Otto Becker standen, das einen riesigen Eisberg zeigt, wurde mir klar: All diese Hintergründe und Analysen sind nur die Spitze des Eisberges. Gleich im Workshop würden wir unter die Oberfläche der Ausstellung eintauchen.

Foto: Eisenhart Keimeyer

Der Workshop-Raum im Börgerhus hat sich in Windeseile in eine zweite Fotoausstellung verwandelt. Alle Teilnehmenden haben eigene Bilder mitgebracht, die sie in die Form eines eigenen Fotobuchs bringen möchten. Teilweise geht die Anzahl der mitgebrachten Bilder in den dreistelligen Bereich. Die Tische des Raums sind voll, die Fotos ergeben ein wildes, buntes Mosaik. Unsere Aufgabe wird es nun sein, Ordnung zu schaffen. Denn die Fotos zu produzieren ist nur der erste Schritt zu einem Fotobuch. Die Auswahl und Komposition sind dabei mindestens genauso wichtig – und schwierig.

Foto: Gerhard Wolff

Die meisten Teilnehmenden beginnen ihre Fotos mit anderen Augen zu sehen. Die Führung durch die Ausstellung unten in den drei Containern hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Die eigenen Bilder erscheinen plötzlich in einem ganz neuen Licht. Welche Geschichte möchten sie erzählen? Und welche der vielen Fotos erzählen sie am besten? Das Team des PhotoBookMuseums und der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft stehen bei dieses Herausforderungen allen zur Seite.

Mit den richtigen Fragen kitzeln sie aus einem nach dem anderen heraus, welch ein Fotobuch entstehen soll. Ein Buch mit Urlaubserinnerungen. Eine Biografie. Ein Geschenk für die Familie. Eine Hommage an eine Freundin. Die Dokumentation der Heimat. Die Wahl des Themas ist der Startpunkt für die Bildauswahl, die für einige Teilnehmenden zur Qual wird. Kein Foto, kein Motiv, kein Freundsoll aussortiert werden. Und hier kommen die Profis ins Spiel. Im Gespräch und mit gezielten Fragen arbeiten Markus Schaden, Frederic Lezmi, Helge Hofmann, Nico Baumgarten und Anne-Katrin Bicher die wichtigsten Momente heraus, geben Hinweise und Tipps, wie das Fotobuch zusammengestellt werden kann: Zum Beispiel bietet es sich an, die vielen Fotos nach Motiven zu sortieren und sich dann für eins zu entscheiden. Dann können die Bilder so für das Buch editiert werden, dass sie einen Spannungsbogen erzeugen, eine Geschichte erzählen. Dabei können auch Farbgebung und Stimmung der Fotos Kriterien sein.

Dann geht es ans Handwerkliche. Die Fotos, die viele als Hardcopy mitgebracht haben, müssen eingescannt und in der passenden Größe ausgedruckt werden. Dann in die richtige Reihenfolge gebracht, werden sie gefalzt, geknickt und gebunden. Und das hört sich einfacher und schneller gemacht an, als es ist. Denn jedes Buch wird individuell gefertigt. Dafür haben die Buchgestalter wieder alle nötigen Werkzeuge dabei. Das erste Mal in meinem Leben habe ich ein Falzbein in der Hand. Und eine Ahle hatte ich zwar schon einmal gesehen, ihren Namen kannte ich allerdings auch noch nicht. Aber auch hier greifen die Profis den Laien unter die Arme, wann immer es sinnvoll ist.

Am Ende des Workshops schaue ich mich um und sehe viele zufriedene Gesichter. Hier und dort auch ein wenig Stolz auf das Geschaffene. Viele der Teilnehmenden blättern ihr fertiges Fotobuch zum wiederholten Male durch, streichen mit den Händen über das Papier, legen es vor sich auf den Tisch, um es noch einmal mit Distanz zu betrachten. Es ist nicht das einzige, das sie heute aus dem Workshop mit nach Hause nehmen werden.

Foto: Eisenhart Keimeyer

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