Monopoly Zweipunktnull: ein performativer Spieleabend für 2 Performerinnen, 4 Städte und mehr als 5 Mitspieler

am 23. Februar 2015 | in faktor kunst 2013, Public Residence: Die Chance | von | mit 0 Kommentaren

Bisher habe ich mich nie gefragt, wie realistisch Monopoly eigentlich ist, wenn ich mich dem Geldrausch hingab und mich mit kapitalistisch motivierten Gefühlen von dem altbekannten Spiel in den Bann ziehen ließ. Bei der Monopoly-Performance von Dorothea Eitel, Künstlerin des Public-Residence-Projekts, ging es nun aber nicht mehr um Hotels, Häuser oder Straßen, sondern um den Bau von Theatern, das Kassieren von Eintritten und das Schicksal zweier Performerinnen. Eine spielerische Reise in die kapitalistische Welt des Kunstbetriebes?

Plötzlich überlagern sich Wirklichkeit und Fiktion, der Zuschauer, der doch eigentlich nur kam, um zu sehen, wird zum Akteur der den Fortgang des weiteren Abends bestimmt. Welche Performerin darf ihre Performance öffentlich aufführen? Wer muss in den Minijob? Wird ein Theater gebaut und Kultur gefördert, oder sparen wir lieber unser Geld? An diesem performativen Spieleabend ist es schwer festzustellen, wo die Fiktion beginnt und wo die Realität aufhört. Sind es die Zuschauer, die den Fortgang des Spiels bestimmen oder die Performerinnen, die versuchen dem Publikum das Geld für ihr künstlerisches Unterfangen abzuluchsen?

Der Minijob als Gefängnis des Künstlers
Wir befinden uns auf dem Spielplan irgendwo zwischen Mannheim, Dortmund, Kriegstetten und Ottersweier. Es wird nicht über Los gegangen und 4000 Euro eingenommen, sondern im Jobcenter werden 14 Euro kassiert. Ein Gefängnis gibt es auf diesem Spielplan nicht. Es wird durch das Feld Minijob ersetzt, auf das der Spieler zum Beispiel gelangt, wenn er auf dem Feld Kulturbudget mal wieder leer ausgegangen ist.

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Foto: Teresa Grünhage

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Foto: Teresa Grünhage

Gespielt wird in zwei Mannschaften, die sich an der Bühnenseite schräg gegenüber sitzen. Jeder Gruppe ist eine Farbe und eine Performerin zugeordnet, die das ausführt, was die jeweilige Mannschaft entscheidet. So kann es sein, dass sie im Minijob landet und in Folge dessen in Fußketten weiterperformen muss. Die Spieler können sie aber freikaufen. Sie können ebenso investieren und Eintritt für ein gebautes Theater von der Gegnergruppe kassieren, wenn sie auf das entsprechende Feld gelangt. Für den Eintritt gibt es sogar eine Live-Performance der Performerinnen (was gezeigt wird, entscheidet das Los). Gewonnen hat schlussendlich die Mannschaft mit dem meisten Geld, vielleicht weil sie gespart hat, aber wohl eher, weil sie hier in die Kultur investiert hat und damit fleißig Einnahmen generieren konnte. Es wird jedoch deutlich, dass das gar nicht so einfach ist: Immerhin müssen die Künstlerinnen des Öfteren aus dem Minijob befreit werden, es müssen Performances durch den Bau eines Theaters erst ermöglicht werden, Beiträge an die Künstlersozialkasse oder an die GEMA bezahlt werden. Da bleibt viel Geld auf der Strecke. Oder bei der Kunst. Dass der Kunstmarkt ganz schön vertrackt ist und der Zufall eine große Rolle spielt, wird den Spielakteuren schnell klar.

Das Spiel mit dem Wert der Kunst
Dorothea Eitel sucht sich in ihren Performances die Themen direkt aus der Wirklichkeit. In ihren Arbeiten taucht dabei das Thema der Wertigkeit von Kunst immer wieder auf. Im Rahmen ihrer Public Residence am Borsigplatz zog sie bereits gemeinsam mit ihrer Kollegin Birte Heinecke von Geschäft zu Geschäft und zahlte mit Tanz statt mit Geld. Wie viel ist die Kunst hier den Menschen wert? Was beim Einkauf bereits funktionierte – die Menschen ließen Dorothea Eitel tatsächlich mit Tanz bezahlen – zeigt sich auch an diesem Abend: Die Neugier, sich auf etwas Außergewöhnliches einzulassen, ist am Borsigplatz geweckt. Wenn keine Hotels gebaut und Straßen gekauft werden können, dann werden beim Monopoly eben Theater gebaut, Eintritt kassiert und Live-Performances bewertet. Die Monopoly-Spielperformance ist ein Erlebnissystem, das den Unterschied zwischen Zuschauenden, Spielenden und Performern verwischt. Der Zuschauer ist eingeladen, als Mitspieler und Mitgestalter den Kunstkosmos wahrzunehmen und Zusammenhänge aufzuspüren. Dennoch ist er in einem System gefangen, das durch Spielregeln definiert ist und von ihm nur Eines möchte: Geld ausgeben. Ob zugunsten der Kunst und gegen den eigenen Gewinn oder zugunsten des Geldes – das entscheidet jede Gruppe selbst.

Erschwertes Künstlerleben
Mit im Spiel sind die Chancen, die Kunstwährung des Projektes Public Residence. Nur mit den Chancen ist es dem Zuschauer überhaupt möglich, sich in das Spiel „einzukaufen“, sei es als einfacher Teilnehmer oder auch als VIP mit extra Aktionskarte, je nachdem, wie viele Chancen man bereit ist, für die Kunst des Abends zu zahlen.

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Foto: Teresa Grünhage

Ein Appell an die anwesenden Anwohner, ihre Chancen in die Kunst zu investieren? Immerhin ist durch die Einführung der Kunstwährung nun ein Instrument erschaffen, dass den Anwohnern die Möglichkeit bietet Kunst zu unterstützen und dabei selbst an der Gestaltung ihres Quartieres mitzuwirken. Auch hier ist der Künstler wieder abhängig von Geldgebern. Aber diesmal von der Bevölkerung und ihren Interessen. Die Spieler werden an diesem Abend deutlich mit ihren eigenen Einflussmöglichkeiten konfrontiert – ob durch die Entscheidungen im Spiel oder auch als Besitzer der Chancen.

 

Foto obene: Teresa Grünhage

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