Foto: Joanna Kischka

Über die Kultur des Feierns und die Kunst der Teilhabe

am 07. Dezember 2017 | in Diskurse, Gemeinschaftsraum | von | mit 0 Kommentaren

Auf der 25-Jahr-Feier der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft nutzte Vorständin Ruth Gilberger den Anlass, in ihrer Festrede die Gemeinsamkeiten des Feierns und der Teilhabe zu bestimmen.

 

„Liebe Gäste der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft,

ich darf Sie/euch alle ganz herzlich im Raiffeisenhaus in meiner Rolle als Gastgeberin des heutigen Abends begrüßen: für diejenigen, die zum erstem Mal den Weg hierher gefunden haben: Das Raiffeisenhaus ist der Sitz der Stiftungsgruppe der Montag Stiftungen, die hier alle unter einem Dach versammelt sind: eine Gruppe von drei gemeinnützigen und operativ tätigen Stiftungen, deren gemeinsames Leitmotiv „Handeln und Gestalten in sozialer Verantwortung“ ist.

Foto: Frederic Lezmi

Dabei ist die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft im Bereich von digitaler Bildung, Inklusion und pädagogischer Architektur tätig. Die Montag Stiftung Urbane Räume hat ihren Schwerpunkt in der Quartiersentwicklung. Und die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft engagiert sich im Bereich der partizipativen Künste. Alle drei eigenständigen Stiftungen werden unterstützt durch die Denkwerkstatt der Montag Stiftungen, die zentral für die Belange der Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist und die Förderstiftung der Montag Stiftungen in strategischen Fragen der Stiftungsentwicklung berät.

Als die erste Stiftung der Gruppe ist die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft die älteste und dies auch der Grund der heutigen Feier: 25 Jahre Förderung von Kunst und Kultur!

Ungeachtet der Tatsache, dass der Kunst immer wieder vorgehalten wird, das sie sich doch permanent selbst feiert, ist für mich die „historische Zeitspanne“ als Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, die die Stiftungsgeschicke erst seit dreieinhalb Jahren verantwortet, weniger ein „historischer Akt“ im Rückblick wie etwas „25 Jahre Firmenjubiläum“ oder „Silberne Hochzeit“, sondern vielmehr inhaltlicher Anlass, den bewegten, roten Faden der Stiftungsgeschichte (mit wechselnden Schwerpunkten (und sich verändernden Stiftungsnamen) im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum) aufzunehmen und im Hier und Jetzt weiter zu flechten – mit Ihnen und euch zusammen.

Den räumlichen, aber auch inhaltlichen Rahmen bietet dafür unser Diskursformat des „Gemeinschaftsraumes“, zu dem wir seit zwei Jahren mit heute fünf Veranstaltungen, die seit diesem Jahr öffentlich sind, einladen. Dabei lag der Fokus der Veranstaltungen weniger auf der Feier als im Dialog und Diskurs, Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Arbeit an Kunst und Gesellschaft zu ermitteln und durch künstlerische Impulse auch neu zu verhandeln, oder eben auch kritische Fragen aufzuwerfen, die sich mit dem Stiftungsziel, möglichst viele Menschen an Kunst und Kultur teilhaben zu lassen, zu beschäftigen (und hier sitzen viele, die bei der einen oder anderen Veranstaltung dabei waren).

Foto: Joanna Kischka

In Vorbereitung dieses Festes und im Nachdenken über den Sinn als solchen stellten sich mir grundsätzliche Fragen „Über die Kultur des Feierns und die Kunst der Teilhabe“, so auch der Titel meiner Begrüßung: Warum feiern wir eigentlich, was feiern wir, wenn wir feiern, und was macht die Qualität eines Festes aus? Ist Fest und Feier dasselbe? Ist die Feier eine anthropologische Konstante oder historischen Schwankungen unterworfen? Und: Feiern nur Menschen?

Im Zuge nach der Beantwortung meiner Fragen fanden sich einige interessante Indikatoren, die ich jetzt kurz als lose Sammlung ohne Anspruch auf Vollständigkeit skizzieren möchte:

Voraussetzung eines Festes ist das Vorhandensein eines Anlasses, der kultisch, religiös, familiär, oder gesellschaftlich geprägt sein kann.

Zum Fest gehört die Versammlung von mehreren Personen. Mit sich selbst feiern geht zwar auch, aber nicht gut. Zum Fest gehört also eine Gemeinschaft bzw. es bildet sich eine (temporäre) Gemeinschaft durch ein Fest (z. B. Gottesdienst; Rave; Weihnachtsfeier).

Ziel des Festes ist die Affirmation, also die Bestätigung bzw. die Annahme des Individuums/des Einzelnen in der Gruppe: Das Fest als kollektiver Anlass entlastet nicht nur das Individuum von seiner Verantwortung für das Kollektiv und für sich selbst, sondern festigt auch die feiernde Gruppe als Ganzes (und Lars von Triers „Das Fest“ ist damit genau das Gegenteil). Hier finden sich ganz zentrale Aspekte von sozialer Interaktion und gesellschaftlicher Teilhabe im Sinne von Integration oder Ausschluss, auf die ich nachher noch zurückkommen möchte.

Ein Fest kann so sinnstiftend sein in vielerlei Hinsicht: Stabilisierung von Herrschaft und Hierarchie, Anstiftung und Feier von Befreiung oder Aufruhr oder auch etwas dazwischen.

Ein Fest hat immer Regeln (Rituale), die allen (bestenfalls) bekannt sind. Es gehört aber auch zum Fest, dass diese Regeln überschritten werden.

Rausch und Ekstase sind dabei weniger Hilfsmittel als (leibliche) Kulminationspunkte von Anspannung, Entladung und Entspannung.

Und da das nicht ewig gehen kann: Ein Fest hat ein Anfang und ein Ende, d. h. es ist in einen Zyklus eingebunden (zeitlich, persönlich, sachbezogen).

Dabei prägt die ästhetische Dimension, die dem Besonderen des Ereignisses eine unverwechselbare Form gibt, die Ausgestaltung des Festes.

Diesem immanent ist auch eine Dimension der Verschwendung und last not least gehört als integraler Bestandteil dazu: Geschenke (für Anwesende, Gastgeber, Haupt- und Nebenpersonen und Abwesende (Tote, Götter) oder deren Stellvertreter.

Die Kultur des Feierns hat also zentral etwas mit der Kultur des Teilens und einer Kultur des Gemeinsamen zu tun. Und so ziemlich allen uns gemeinsam hier im Raum ist das Interesse an einer Verankerung von Kunst in Gesellschaft (davon gehe ich jetzt einfach mal aus) und das Mit-Teilen von Erfahrung, dem ich gerne sichtbare und künstlerische „Form“ verleihen wollte.

 

Foto: Joanna Kischka

So haben wir im Vorfeld an Künstlerinnen und Künstler und Begleiterinnen und Begleiter, die die Stiftungsprojekte der letzten Jahre bereichert haben, ein Stück „Rohdiamant“ geschickt mit der Bitte um eine Gestaltung, die sich auf die Stiftung bezieht, und den Künstler Frank Bölter gebeten, mit uns diese Facetten in Form und Fassung zu bringen. Das künstlerische Material dieses „Diamanten“ ist dabei auf alle Fälle alltagstauglich, handelt es sich auch um Tetra-Pak-Folie, ein in den partizipativen Projekten von Frank Bölter in (fast) jeder Lage erprobtes Material.

Wie so häufig bei partizipativen Projekten (und in diesem Fall: ausschließlich mit Erwachsenen), wussten wir nicht, ob und was wieder zurückkommt, weil die Aufforderung mit Denk- und Handarbeit verbunden war. Neben (im Vorfeld von uns erhoffter) intrinsischer Motivation winkte auch nur mittelbar eine extrinsische Belohnung (Seien Sie alle beruhigt, im Anschluss gibt es genügend zu essen!). Aber: Der Aufforderung wurde bereitwilligst gefolgt!

An den Wänden können Sie die rückgesandten Beiträge in ihrer Einzigartigkeit und ihrem Facettenreichtum betrachten und bewundern. Wir haben uns entschlossen, sie nicht in diesem etwas unförmigen Diamanten, der doch an das Ufo erinnert, das hier vor drei Jahren gelandet ist (der eine oder andere mag sich erinnern) zu (re)integrieren, sondern sie ganz „traditionell“ in klassischer Hängung zu würdigen und die ausgeschnittenen „Leerstellen“ quasi auszulagern, an die Wand zu projizieren…

Foto: Joanna Kischka

Projektion und Spiegelung – ist nicht jede Feier auch eine Selbstvergewisserung? Bei der Betrachtung, und das war mir beim Versenden des Rohmaterials, sozusagen in der Konzeption nicht klar, spiegelt sich in jedem Falle der Betrachtende und wird zum Teil der Facette.

Ob der sogenannte Rohdiamant „billiger Strass“ ist, nur vorgibt, echt zu sein, oder durch Teilhabe an Facetten und damit an Wert (und hier meine ich jenseits der künstlerischen Beiträge das unbezahlbare kulturelle Kapital) gewinnt, ob er verloren geht , gestohlen wird, verkauft und wiederverkauft wird – das wird die Zukunft zeigen und es ist in meiner Verantwortung (jedenfalls die nächsten Jahre) und meines Teams, dies akkumulierte kulturelle Vermögen (und Kapital) zu schützen, zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Die gesprochenen Worte (nicht nur meines Beitrags) werden an diesem Abend in eine künstlerische Form überführt, die sich simultan und anschließend hören lässt: der Klangkünstler Volker Hartmann-Langenfelder wandelt Wort in Klang durch ein ausgeklügeltes aleatorisches Verfahren, das er für Installationen von Kunst im öffentlichen Raum entwickelt und erprobt hat. Hier wird Unsichtbareres nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar gemacht – nachher an den Kopfhörern zu hören und vielleicht wieder in Gespräche rückzuführen.

Wenn die Kunst der Teilhabe darin besteht, Möglichkeitsräume zu schaffen, findet sich hier die Überschneidung mit der Kultur des Feierns (nicht im Sinne einer konsumorientierten Event- und Spaßkultur): sondern in der sinnlichen Erfahrung von gemeinsam gestalteten Räumen, die neue Perspektiven und damit (Handlungs-)Wege eröffnen können (und dies meine ich im affirmativen und emanzipativen Sinn)!

Foto: Joanna Kischka

Feiern möchte ich auch an dieser Stelle mein Team: Anne-Katrin Bicher und Teresa Grünhage, ohne deren fachliche und menschliche Expertise die Stiftung diese Arbeit nicht machen könnte, Fiona Kubat für Ihre studentische Unterstützung im letzten halben Jahr und Gerhard Wolff von der Denkwerkstatt für seinen Support in der Öffentlichkeitsarbeit. Dankend feiern werden wir unsere Gremien und die Förderstiftung für das Vertrauen und die langjährige Förderung von Kunst und Kultur.

Dies alles verdanken wir dem Stifter, Carl Richard Montag, mit dem wir an anderer Stelle schon gemeinsam gefeiert haben und hoffentlich noch lange feiern können.

So erhebe ich symbolisch ein Glas mit dem Inhalt eines Rohdiamanten: er ist zu Konfetti geworden – Form des Festes, Bild der Sterne und eine Vorform des Staubes…

Vielen Dank, dass Sie da sind!“

Foto: Joanna Kischka

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