Alles eine Frage des Geschmacks

am 10. Februar 2015 | in faktor kunst 2013, Public Residence: Die Chance | von | mit 0 Kommentaren

„Das ist einfach Geschmackssache!“, sagt Ihr Begleiter und dreht sich kopfschüttelnd von einer grau-schwarz gestreiften Leinwand weg, die in der aktuellen Ausstellung der städtischen Galerie hängt. Geschmackssache?

Stellen Sie sich vor, hier würden nun keine Leinwände mehr hängen. Auch keine Skulpturen werden gezeigt. Das Einzige, was ausgestellt wird, ist der Geschmack selbst, in all seinen bekannten Formen. Scharf, süß, sauer, bitter und noch manches irgendwo dazwischen. Eine Suppe als weiße Leinwand. Gewürze und Kräuter gut ausgewählt, wie Farben an die richtigen Stellen positioniert. Komponiert zu einem Geschmackserlebnis, das jeder Besucher anders wahrnimmt.

Zwar nicht in ein Museum, sondern zu einer öffentlichen Präsentation ihres Geschmacksarchivs luden die Anwohner der Schlosserstraße am Borsigplatz in Dortmund ein. Hundert limitierte Geschmacksmuster wurden dabei verkauft. Die Schöpferinnen waren Anwohnerinnen, die dem typischen Borsig-Geschmack auf die Schliche kommen wollten.

Wie schmeckt der Borsigplatz?

Ob Pesto, Gelée, Mus, Öle, Essig oder Kräutertinkturen: Die Zutaten sind lokal und der Geschmack entsteht durch ausgesuchte Kräuter und Stauden, die zuvor in Hochbeeten angebaut wurden.

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Gibt es denn einen typischen Borsig-Geschmack? „Den gibt es nicht!“, bestätigt die Anwohnerin Irine Gagoupulos meine Vermutung. „Es gibt auch kein typisches Gericht am Borsigplatz. Hier leben Menschen aus vielen Ländern und Kulturen zusammen. Da vermischen sich viele Geschmäcke und Gerichte.“

„Die Idee des Geschmacksarchives ist aus diesem Grund geboren: Es gibt nicht einen typischen Borsig-Geschmack, sondern unbegrenzt vielfältige Möglichkeiten zu kombinieren und zu schmecken“, berichtet Angela Ljiljanic, Künstlerin und Initiatorin des Projektes. „Die Geschmacksmuster sind aus der Lust am Experiment und dem Mut der Frauen, etwas Neues zu schaffen, entstanden. Die Möglichkeiten, die die Zusammenarbeit der Anwohner zu bieten hat, werden durch die vielfältigen Geschmackskombinationen sichtbar.“

Hochbeete als Plattformen der Kommunikation

Angela Ljiljanic arbeitet an den Schnittstellen von Kommunikation, Alltag und Kunst. Kommunikationsprozesse anzuregen und die damit verbundene Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort, war das Ziel der nun entstandenen Kommunikationsinstallation zwischen Hochbeeten und experimenteller Küche.

Dass dieses Ziel erreicht wurde, bestätigt sich im Gespräch mit Herrn Wiesnewski, der schon mit dabei war, als im Frühsommer dieses Jahres zunächst Hochbeete in den Hinterhöfen und dem öffentlichen Raum rund um den Borsigplatz errichtet wurden. „Die Hochbeete sind eine gute Möglichkeit hier im Viertel miteinander in Kontakt zu kommen“, erzählt er. „Für mich ist es schön, wenn ich bei Dingen handwerklich helfen kann. Ich habe sehr viele Berufe gehabt. Und überall habe ich hier und da mal zugeschaut. Da nehmen die Augen und der Kopf viel mit. Es war schön, mit den Anderen zusammenzuarbeiten und meine Erfahrungen zu teilen.“

Eigenes Wissen teilen, gemeinsam etwas ausprobieren und neue Dinge schaffen: Dass sich das lohnt, haben die beteiligten Anwohner erfahren können. Für Angela Ljiljanic war die Interaktion rund um die Hochbeete ein spannender Aspekt des Projektes: „Der künstlerische Aspekt tritt in diesem Projekt auch durch seinen performativen Charakter der Interaktionen in Erscheinung.“

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Das Spiel mit der Autorenschaft

Ein Werk wird erschaffen. Nun ist der Künstler an der Reihe, sich der öffentlichen Bewertung zu stellen. So ging es auch den Schöpferinnen der limitierten Geschmacksmuster bei der öffentlichen Präsentation. Dazu gehört nicht nur Mut, sondern auch Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Aufgeregt war Irene Gagoupulos aber nicht: „Meine Mutter hat immer gesagt: Egal was du im Leben machst, du brauchst keine Angst zu haben! Für mich gibt es nur ein Ja oder ein Nein. Ich war neugierig, wie es den Leuten schmeckt. Und ob sie erschmecken, was drin ist.“

Das Geheimnis der Geschmackskompositionen

Vielleicht haben Sie ein Geschmacksmuster erworben, gekostet, sind von der Geschmackskomposition beeindruckt und würden gern wissen, was denn darin enthalten ist. Die Zutaten auf dem Etikett werden Sie allerdings vergeblich suchen. „Drin ist, was rausgeschmeckt wird“, erklärt Angela Ljiljanic die Intention des Projektes. „Wir haben auf der Grundlage althergebrachter Rezepte, neue Geschmacksmuster entwickelt, um mit alten Geschmacks- und somit auch Wahrnehmungsgewohnheiten zu brechen. Wichtig ist uns die subjektive Wahrnehmung eines jeden Essers, in der sich Erinnerungen an ähnliche Geschmäcke verbinden und mit einer neuen Fährte verknüpft werden. Wir wollen den Esser verführen, etwas neu zu denken, zu sehen und wahrzunehmen, und diese Wahrnehmung mit anderen zu teilen.“

Ähnlich kann es Ihnen wohl auch mit dem Gemälde bei Ihrem Besuch in der städtischen Galerie gehen. Vielleicht erinnern Sie ja die Farben und Formen an etwas und Ihre Wahrnehmung und Empfindungen sind völlig anders als die Ihrer Begleitung. Eine Geschmackssache wird so zum Gesprächsanlass.
Fotos: Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft

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