Foto: Eberhard Weible

Odyssee im Gemeinschaftsraum

am 22. März 2016 | in Dialog und Teilhabe, Diskurse, Gemeinschaftsraum, Perspektive Armut, Public Residence: Die Chance | von | mit 0 Kommentaren

Der Kurator und Kulturberater Dr. Johannes Stahl berichtet über die Book Launch der Publikation „Über die Teilhabe in der Kunst. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, die im Rahmen des „Gemeinschaftsraums“ am 10.03.2016 stattfand.

Vorstellungen

Buchvorstellungen haben eigene Spielregeln. Dabei ist es keineswegs einfach, die in einer Publikation kondensierten Aspekte, Mühen oder Grundsätze in ein Veranstaltungsformat zu gießen. Im Feld zwischen Bilanzversammlung, Werbeveranstaltung und Stapellauf muss man erst einmal die richtige Position ausloten.

Foto: Eberhard Weible

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Eine wohl ehemals fliegende, silbergrau schimmernde Untertasse scheint da Erfolg gehabt zu haben. Der Kölner Künstler Frank Bölter hatte sie gemeinsam mit weiteren Beteiligten aus starkem Papier gefaltet. Gelandet war sie auf Bücherstapeln, die sie so stützten, dass man an ein späteres Abheben glauben mochte. Zu einem diskokugelartigen Streulicht ertönte Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ – gerade das Musikstück, dass für Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) als aufgeladener Soundtrack für den Vorspann diente und dort astronomischen Hintergrund und Texttitel verbinden konnte. Es mangelte also nicht an augenzwinkerndem Pathos für die Stapel des neu vorzustellenden Buchs „Über die Teilhabe in der Kunst“ – und, programmatisch kleiner – „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit“.

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Vorständin Ruth Gilberger erschien silbern bestiefelt aus dem Raumschiff und schlug den Bogen vom Ufo zum Buch. Die gewonnene Aufmerksamkeit nutzte sie, um sowohl die Thematiken der Stiftungsarbeit vorzustellen als auch die Personen, die diese Arbeit als Partner mitgetragen haben. An dieser Stelle mischte sich die Bilanz mit der Vorstellungsrunde – gewissermaßen als Startschuss für spätere Gespräche. Meistens kennt man die Autoren eines Buchs ja nicht und gerade angesichts der Unterschiede zwischen den Projektpartnern war es die Mühe wert, dass die Akteure des soziokulturellen Vereins borsig11 und der Alanus-Hochschule Kenntnis voneinander nahmen. Immerhin sind sie jetzt als Nachbarn im grauschimmernden Buch miteinander unterwegs.

 

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Natürlich stehen hohe Erwartungen am Anfang einer Begegnung mit einem neuen Buch. Am besten es handelt sich um etwas grundlegend Neues, das im Bücherschrank des Gelesenen und Gesehenen noch nicht zu finden ist. Wenn die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft nach ihrem Neuansatz vor einiger Zeit hier die Bilanz des unterdessen Erreichten zwischen zwei Buchdeckel packt, kann man nichts weniger als eine deutliche (Neu-)Positionierung erwarten. [Wer das Buch liest kann merken, dass es weder an einem differenzierten Umgang mit den darstellerischen Möglichkeiten mangelt noch an einer reflektierten Distanz zur eigenen Arbeit. Aber lesen konnte man es natürlich erst nach dem Abend.]

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Nach dem inhaltlichen Vorspann las der Autor Rolf Dennemann drei kleine Episoden aus dem Buch; literarische Ergebnisse seiner Beschäftigung mit dem Leben am Borsigplatz, knapp, pointiert, beobachtend. Später ging es dann in einzelne Gespräche über. Insgesamt: So stellt man sich atmosphärisch wohl auch einen Salon vor.

Formate

Ein Treffen mit Einladung und Rückmeldung ist immer auch ein gesellschaftlicher Anlass – zumal die Einladung „Das Format“ ausdrücklich thematisiert: „Das neue Veranstaltungsformat der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft Gemeinschaftsraum zielt im übertragenden Sinne auf die Schaffung von gemeinsamen Denk- und Handlungsräumen durch das Format einer Abendveranstaltung.“ Es geht also keineswegs nur um das feierliche Bilanzieren des Erreichten, sondern um eine soziale Dynamik.

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Wenn der Duden („Maßgebend in allen Zweifelsfällen“ las man früher im Untertitel) den Gemeinschaftsraum „als Aufenthaltsraum und für Veranstaltungen genutzter Raum (in Heimen, Betrieben, Wohnblocks und dergleichen)“ definiert, darf man zusätzlich gespannt sein. Immerhin existieren auch im Format der Veranstaltungen mit dem geselligen Abend, dem Teach-In mit anschließender Diskussion, der Gemeindeversammlung, der Verschwörung im Raucherzimmer, dem Get-Together und dem bereits erwähnten Salon genügend Ahnen. Wahrscheinlich macht es gerade wegen dieser möglichen erblichen Vorbelastungen der Erwartungen Sinn, ein offeneres Wort zu wählen. Immerhin möchten die weiteren geplanten „Gemeinschaftsräume“ Gesprächen, Performances, Konzerten oder Berichten aus der gesellschaftlichen und künstlerischen Praxis eine Bühne geben und damit gleichzeitig einen Anlass und einen Raum zum Gespräch bieten. Nicht nur, aber auch, um zu „netzwerken“ unter den teilnehmenden „Kunst- und Kulturschaffenden in Feldern der sozialen Praxis“ – wie es in der Einladung heißt.

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Vielleicht macht es an dieser Stelle weniger Sinn, Prognosen aufzustellen, als über die wechselnden Positionen der Stühle an diesem Abend nachzudenken. Zunächst als eine Aufgabe für alle in den Raum gestellt, um sich jeweils selbst eine Sitzgelegenheit zu verschaffen, ordneten die TeilnehmerInnen des „Gemeinschaftsraums“ sie zu einer Art Auditorium an, um der Buchpräsentation und der Lesung des Autoren folgen zu können – und gleichzeitig einen betrachtenden Achtungsabstand vom Ufo zu behalten. Erst später, als es wieder Schnittchen gab, mit Getränken angestoßen wurde und die Personen sich mischten, kamen auch die Stühle wieder in Bewegung. Als „Odyssee im Gemeinschaftsraum“ wird man die Positionswechsel der Personen und Stühle noch nicht registrieren können – wohl aber als einen Start in ein aussichtsreiches Format.

Über den Autor: Dr. Johannes Stahl ist freischaffender Kurator, Kulturberater und Autor.

Foto oben: Eberhard Weible

 

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