Foto: Teresa Grünhage

Spurensicherung – Auf der Suche nach Arbeit in der Kunst

am 24. August 2017 | in Diskurse, Summercamp | von | mit 0 Kommentaren

Vom 28. bis zum 30. Juli 2017 fand das Summer Camp der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft in raum 13 in Köln statt, das im dritten Jahr Studierende aus den Bereichen Kunst, Kultur und Gesellschaft vernetzte. Das diesjährige Summer Camp wurde unter dem Titel „Perspektive Umbruch – Vom Wert der Arbeit“ veranstaltet und setzte sich mit dem Wert und den Bedingungen (künstlerischer) Arbeit auseinander. Einen ersten Einblick in die thematische Auseinandersetzung während dieses Wochenendes bietet die Teilnehmerin Aude Bertrand, mit einer theoretischen Reflexion zur künstlerischen Arbeit.

Momentaufnahme

In seiner anthologischen Analyse der kreativen Arbeit merkt der französische Soziologe Pierre-Michel Menger an, dass kaum ein anderer Beruf so akribisch dokumentiert, analysiert und archiviert wurde wie der Künstlerische. Ob durch Skizzen, Archivmaterial oder das Verfilmen des schöpferischen Akts eines Picasso – sämtliche Produktionsetappen, von der Idee hin zum Verweilen dazwischen, zu den Zwischen-Schritten oder den Schritten daneben, den Rückgängen und radierten Linien, den Proben, den Posen, den Lebensarten, den Erkundungen und Dialogen mit sich selbst und anderen – all diese Spuren sind Teil künstlerischer Arbeit und können als Kunst erfasst werden.

Die Choreografin Gerlinde de Bruykere konfrontiert ihren Besucher mit der anstrengenden, körperlichen Arbeit der Tänzer – bis zur Ermüdung und Erschöpfung kämpfen PerformerInnen in „Work/Travail/ Arbeid“ (2015, WIELS, Brüssel) mit sich selbst, ihren körperlichen Fähigkeiten und machen den Prozess der Anstrengung in der Kunst sichtbar.

Andere KünstlerInnen performen Routinearbeiten und zeigen der Öffentlichkeit Handlungen, die der Privatsphäre gehören, wie das Putzen von Treppen vor einem Museum (exemplarisch mit Mierle Laderman Ukeles zu Beginn der 1970er Jahre); weitere wiederum erkunden die Welt der Unternehmen, sondieren und kritisieren eine ihnen sonst fremde Arbeitswelt. Andere versuchen, diese Welt zu penetrieren und dort Verdrehungen und Veränderungen zu bewirken – von der Londoner Artist Placement Group (APG) bis in die Gegenwart: unter vielen anderen Beispielen können die conexiones improbabiles in Spanien genannt werden, oder aber auch Projekte der 2016-Manifesta in Zürich unter dem Titelthema „What People Do For Money“, (mit den unwahrscheinlichsten „joint ventures“ zwischen der Kunst- und Arbeitswelt).

Im Reagenzglas

Doch in der Gegenwart ist künstlerische Arbeit als Modell zur Norm und zum Vorbild flexibler, selbstbestimmter, kreativer Arbeit geworden – was nicht ohne Ironie ist, wenn man bedenkt, dass die künstlerische Tätigkeit noch bis zur Früh-Industrialisierung als Ausnahme, Anomalie oder gar (mit dem Soziologen Emile Durkheim) als Anomie in der gesellschaftlichen Ordnung der sozialen Arbeitsteilung galt, mit anderen Worten schlichtweg als Nicht-Arbeit.

Die „Künstlerkritik“ als von Boltanski/Chiapello (1999) beschriebene Kritikform an neue Lebens- und insbesondere Arbeitsbedingungen im modernen Kapitalismus ist nun zum Motor unser aller Beschäftigung geworden. Arbeit in einer Wissensgesellschaft soll erfüllen, Autonomie, Innovation und Selbstbestimmtheit zulassen, Spaß aber auch Sinn machen. Die in der Wirtschaft klassische Dichotomie zwischen Arbeit als negativer Nutzen, als Verzicht auf Freizeit, als Gegensatz zu Unterhaltung/Leisure, verfließt zugunsten neuer Arbeitsformen, die Existenzsicherung und Erfüllung vereinen sollen.

Dass diese Neudefinition des Idealwerts und Motivs von Arbeit (nicht mehr nach der weberschen protestantischen Ethik von Anstrengung, Aufopferung und Verdienst, sondern nach dem künstlerischen Ideal von individueller Selbstverwirklichung) auch Gefahren, Probleme oder gar „neue“ Pathologien des Sozialen mit sich bringt, die von den „alten“ gar nicht so abweichen, wird dann manifest, wenn die zugrundeliegenden Paradoxien untersucht werden.

„Man will kreativ sein – und man soll es sein“ nach der mittlerweile berühmten Formel des Soziologen Andreas Reckwitz. Emanzipation und Zwang gehen Hand in Hand. Macht- und Marktverhältnisse werden nicht mehr von außen, etwa durch ChefInnen, ArbeitgeberInnen oder den gesellschaftlichen Druck nach bürgerlicher Konformität, sondern durch das Individuum selbst verinnerlicht. Freiwillig begibt sich der kreative Arbeiter in per se befristete und prekäre Projektarbeit, nimmt für eine erfüllende Tätigkeit eine geringe oder gar negative Vergütung in Kauf, steckt selbst abends und an Wochenenden Arbeit in das eigene Projekt. Die Abhängigkeit der Firmenangestellten wird ersetzt durch die multiplen Interdependenzen der PartnerInnen und potentiellen AuftraggeberInnen oder des Renommees innerhalb eines Netzwerkes. Um „am Ball“ zu bleiben, muss der Kreativarbeiter sich profieren, positionieren, darstellen, seine Erfolge sichtbar machen – er ist sein eigenes Objekt, erfüllt verschiedenste Rollen (als Wissensarbeiter im Sinne von Gielen wird er zum jonglierenden „Virtuosen“), verfolgt immer mehr Projekte (etwa Ausstellungen, Publikationen, Auftritte), kuratiert seinen Lebenslauf. Der Kreativarbeiter schöpft sich selbst neu, kultiviert sich im wortwörtlichen Sinne. Und macht sich selbst dadurch zur Ware, zum Ding. Kreativität als individuelle Freiheit wird nicht nur gewählt, sondern gleichsam erlitten. Die sonst denunzierten Aporien des normalen Arbeitsmarktes, etwa Konkurrenz und Austauschbarkeit, Produktivitätssteigerung, Ent-Menschlichung und Standardisierung, sowie nicht selten Ausbeutung, Prekarität und Verlust dezenter Existenzbedingungen, treten anstelle der erstrebten Individualität, Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung oder kurzum, des Strebens nach einem besseren Leben immer häufiger auf.

Wie im Reagenzglas können Arbeitsverhältnisse innerhalb der Kunstinstitution als Stichprobe für die sonstige Arbeitswelt und damit einhergehend für gesellschaftliche Neuentwicklungen oder Tendenzen untersucht werden. Werdegänge und Erfolgschancen, Netzwerke und Partnerschaften, Einkommensverteilungen, zufällige oder weniger zufällige Durchbrüche mit Könnerschaften oder „Insider Deals“ auf dem Kunstmarkt… Mechanismen der Kommerzialisierung (im Sinne der Entstehung eines wirtschaftlich orientierten Marktes, in diesem Falle: eines Arbeitsmarktes) der künstlerischen Arbeit werden spätestens seit der Geburt der Kunstsoziologie (in der ersten Generation durch Raymonde Moulin und Howard S Becker exemplarisch vertreten) akribisch sondiert, entschleiert, mitunter gar modelliert. Verstärkt in diesem Jahrzehnt beschäftigen sich nicht nur Soziologen, sondern vor allem Betroffene selbst mit einer intensiven Selbstreflexion und Infragestellung der eigenen Arbeitsbedingungen. Zitiert seien nur einige neuere Publikationen, Forschungsgruppen oder Konferenzen: Work Work Work – A reader on Art and Labour (Berlin, 2012), Kunst und Arbeit (Paderborn, 2015 – nach gleichnamigem dreijährigem DFG-Förderprojekt), Mobile Autonomy (Antwerp, 2015), Vom Wert der Kunst als Wert der Arbeit (Düsseldorf, 2016).

Auswege

Ein gängiger Weg zur Sicherung der eigenen künstlerischen Autonomie besteht bei vielen (professionell ausgebildeten) angehenden Kunstschaffenden in der Ausübung eines geregelten, kleinen, gegebenenfalls „un-kreativem“ Neben- oder Minijobs, der im Idealfall genug Freiraum zulässt und ihnen ermöglicht, fernab von finanziellem Erfolgsdruck eigene Maßstäbe zu setzen, also sich ein Stück Auto-nomie zu sichern. Diese temporäre Strategie wird für die meisten zum modus vivendi, denn laut der gängigen Statistik sind etwa 80% bildender Künstler davon betroffen. Das wissen sie. Gerade die Unbestimmtheit, die Kontingenz, sei das, was den Reiz künstlerischer Berufe ausmache, so der Soziologe Menger.

Doch was ist, wenn die Suche nach dem Job zur künstlerischen Odyssee, zum Parcours wird? Lassen sich auch hier kreative bis künstlerische Auswege erkennen?

Ein Beispiel, das mir in den Sinn kommt, ist das von Julien Prévieux. Sieben Jahre lang durchforstete er verschiedenste Kleinanzeigen – vom Verkäufer bis zur Reinigungskraft – und schickte im konventionellen Bewerbungsformat eigene Anschreiben, allerdings um zu erläutern, warum er sich um die Stelle nicht bewerben möchte. Durch die mittlerweile publizierten und auf der Bühne inszenierten Dialoge zwischen dem Künstler und der jeweiligen Personalabteilung wird die Absurdität (oder aber auch die Genialität: welcher akademisch ausgebildete Arbeitssuchende hat nicht davon geträumt, den potentiellen ArbeitgeberInnen oder JobvermittlerInnen zu sagen, dass der Job nicht in Frage kommt?) dieses künstlerischen Verweigerungsakts innerhalb des affirmativen Systems Arbeitsmarkt sichtbar, Erwartungen, Welten, Werte prallen aufeinander.

Einen anderen, genauso pragmatischen und in meinen Augen nicht minder künstlerischen Weg geht der Künstler Moritz Gramming.

Zwischen Über-Affirmation, Un-Angepasstheit, in den jungen Jahren vielleicht Naivität, in letzter Zeit Pragmatismus, eröffnet sich auch hier eine andere Welt. Aber vor allem bietet sein Parcours Anlass zur Reflexion darüber, was es heißt, heute als KünstlerIn zu arbeiten, als solcher oder solche anerkannt zu werden und Freiräume zu erschließen.

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