Foto: Ruth Gilberger

Kick-Off Duisburg: Auftakt und Aufbruch – auf Brache zum Umbruch

am 23. März 2017 | in Allgemein, Perspektive Umbruch, Welt im Umbruch | von | mit 0 Kommentaren

Am Samstag, den 11. März 2017 um 14 Uhr, kam es auf dem Festivalplatz der 38. Duisburger Akzente zu der feierlichen Eröffnung des Café Courage auf einer – zumindest auf den ersten Blick – wenig festlichen Brachfläche. Beim genaueren Hinschauen werden allerdings direkte Bezüge zum Thema „Welt im Umbruch“ sichtbar: ein städtisches Bauvorhaben wird zum Sinnbild für Perspektiven auf Umbrüche in Duisburg. Über einen Nachmittag, der ganz im Zeichen von abgerissenen Gebäuden und umrissenen Programmplänen zum mobilen und partizipativen Fotobuch-Projekt stand.

Nähert man sich dem Festivalgelände zwischen Gutenbergstraße und Oberstraße, unweit des Duisburger Rathauses, erkennt man schon von weitem den großen Schriftzug „ICH SEHE WAS, WAS DU NOCH NICHT SIEHST“ auf einem Banner am Bauzaun mit dem Logo „MERCATOR VIERTEL“. Hier scheint etwas Großes in Planung zu sein, denke ich mir. Aktuell umrahmt der transparente Stoff einen riesigen Schutthaufen, hinter dem die Spitzen des Festzeltes der Akzente hervorlugen. Ein Schild mit dem Warnhinweis „Betreten des Geländes erfolgt auf eigene Gefahr“ und „Bitte die vorhandenen Wege benutzen“ nimmt die Besucherinnen und Besucher in Empfang. Ich bin gespannt darauf mehr über dieses leicht skurril erscheinende Gelände zu erfahren und trete näher.

Foto: Linnet Oster

Links am Bauzaun vorbei erhält man Zutritt zu einer großzügigen, planierten Brachfläche, auf der – vor der Kulisse des Festzeltes und weiteren Bauzäunen – stellvertretende Fotografien aus den 22 Fotobüchern der mobilen Ausstellung, auf Paletten aufgezogen, aufgestellt sind. Zu dem beeindruckenden Arrangement gehören noch zwei leuchtend blaue Schiffcontainer, in denen das Café Courage und eine Bilder-Sammelstelle (zukünftiger Workshop-Raum) beherbergt sind. Die Foto-Tafeln, sowie das von der Kölner Künstlerin Nicola Schudy farbenfroh eingerichtete Café im Stil eines uigurischen Wohnzimmers, das nachempfunden wurde von einem Motiv aus dem Fotobuch „Wild Pigeon“ von Carolyn Drake, heben sich markant von dem sandig-tristen Untergrund ab und dienen als Blickfang und Sammelstelle für das vorhandene Publikum. Dieses setzt sich zusammen aus absichtlich oder mehr oder wenig zufällig Anwesenden, Passanten, Kulturinteressierten, Akzente-Besucherinnen, Familien, beteiligten Akteuren und Akteurinnen und nicht zuletzt offizielle Vertreter und Vertreterinnen der Stadt Duisburg, die gekommen sind um das Projekt zu begrüßen und gemeinsam zu eröffnen.

Vorständin Ruth Gilberger eröffnet das Café Courage. Foto: Christian Spieß

Das Fotobuch-Jahr in Duisburg: Beteiligung gewünscht!

Was wäre eine Eröffnung ohne Gruß- und Dankesworte? Es folgt der formelle Teil der Veranstaltung, bei dem der Kulturdezernent Thomas Krützberg, der in Begleitung des Leiters des Festivalbüro der Akzente Frank Jebavy erscheint, Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft Ruth Gilberger und Gründungsmitglieds des Kölner PhotoBookMuseums Markus Schaden als Auftakt für die Zusammenarbeit herzliche und humorvolle Dankesworte sprechen und einen Ausblick auf das vielfältige Programm der kommenden Wochen und Monate bieten:

Die Kick-Off-Phase im Rahmen der Duisburger Akzente dient als Vorschau und Vorbereitung für die mobile Fotobuch-Ausstellung im Sommer, in deren Rahmen 22 ausgewählte Fotobücher internationaler Fotografinnen und Fotografen, die sich mehr oder minder explizit mit dem Thema Umbruch beschäftigen, in fünf Seecontainern im Innenhafen über mehrere Wochen kostenfrei präsentiert werden und zum Austausch und eigenem kreativen Umgang mit der Thematik anregen sollen.

Ein Blick in die Ausstellung. Foto: Christian Spieß

Sowohl die unkonventionelle Form der Ausstellung als auch die Fotografien, ihre Motive und Bildsprache selber können zu einer gleichermaßen kritisch-reflexiven als auch ästhetischen Auseinandersetzung mit kollektiven und persönlichen Themen des Umbruchs beitragen – die freie Dokumentarfotografie kann hier als visuelle Stimulanz wirken, um Bilder auf ganz andere Art und Weise zu betrachten als wir es im Alltag durch die Medien und ihre Zensur – die oft wenig persönliche Sichtweisen und Geschichten, sowie politische Positionierungen zulassen – gewohnt sind. Neben dieser rezeptionsästhetischen Komponente der Partizipation sind aber auch diverse aktive Beteiligungsformen, quasi als Querschnittskomponente des Projektes, geplant. In Form von „Hausbesuchen“ werden Vereine und soziale Institutionen Duisburgs aufgesucht um anhand mitgebrachter Fotobücher ins Gespräch zu kommen und Beziehungen und Verknüpfungen aufzubauen. Die zentrale Frage ist: Welchen Blick haben die Duisburger auf das Thema Umbruch und welche Bilder verbinden sie mit dem Thema? Zu diesem Zweck werden auch die BildatlasUmfragen in der Stadt mithilfe einer Bild-Karawane auf Rollen durchgeführt. „Was ist Ihr Bild des Umbruchs“ werden Passantinnen und Passanten gefragt, die anschließend drei Stimmen für ihr persönliches Bild des Umbruchs aus dem Atlas abgeben können. Das Bild, was die Duisburger am häufigsten wählen, wird schließlich Titelbild des Ausstellungskatalogs.

Bildumfrage on tour. Foto: Christian Spieß

Im Sommer gibt es ein vielfältiges Workshop-Programm mit der Unterstützung von professionellen Fotobuch-Gestaltern. Bis dahin werden Foto-Spaziergänge durch Duisburg angeboten. Schon jetzt hängen hier im Werkstatt-Container große (noch) weiße Tafelnmit der Frage „Was ist Ihr Bild des Umbruchs?“ Toll ist es zu beobachten, dass nach den Eröffnungsreden bereits mehrere Besucherinnen und Besucher mitgebrachte Fotos abgeben möchten – leider besteht an diesem Tag noch keine Gelegenheit digitale Bilder auszudrucken. Aber die ersten analogen Bilder können aufgehängt werden: ein Anfang ist gemacht!

Foto: Christian Spieß

Performance im Klang-Container, Frühlingswetter und Herbstrollen: Raum für Gespräche und Erkundungen

Der Nachmittag birgt noch reichlich Gelegenheit sich umzuschauen und auszutauschen bei sonnigem Frühlingswetter, sowie Limonade und vietnamesischen Herbstrollen aus dem Café Courage. Ein Höhepunkt stellt sicherlich die musikalische Performance im nun als Klangraum genutzten Schiffcontainer von Harald Sack Ziegler dar. Der Musiker, Komponist und Klang-Künstler aus Köln nutzt gefundenes und gesammeltes Material, auf Flohmärkten und in Spielzeugläden erstandene Instrumente – elektronische und mechanische Klangerzeuger, sowie Alltagsgegenstände für seine Kompositionen. Mithilfe eines Echo-Gerätes, das per Pedal mit dem Fuß bedient werden kann, entsteht eine sich aufbauende polyphone Klangkulisse, mit sich überlagernden Melodien und Rhythmen. Als Instrumentarium dienen z.B. ein Horn, eine Mundharmonika, „lustige Tierstimmen“, Pappbecher, verschiedene Klöppel, Nasenflöte oder Flexaton. Auch die Innenwände und das Dach des Containers werden miteinbezogen und mit verschiedenen Instrumenten bearbeitet. Es ertönt eine Sinfonie gefüllt mit Klopfen, Rauschen, Scheppern, Prusten, Klingen, Läuten, Pfeifen, Quäken, Klirren. Eine Hummel fliegt brummend um den Container herum.

Performance von Harald Sack Ziegler im Container. Foto: Christian Spieß

Musik- und technikinteressierte Besucherinnen und Besucher beobachten die Performance gebannt, andere nutzen die Klanguntermalung um sich in Ruhe auf dem Gelände umzusehen oder in Gespräche zu vertiefen. Auch ich suche den Austausch mit umstehenden Personen. So unterhalte ich mich mit einer etwas älteren Dame, die mit ihrem Sohn und jugendlichem Enkel aus Moers angereist ist – die Veranstaltung haben sie im Programmheft der Akzente gefunden und sich für das Umbruch-Thema interessiert. Sogar ein Foto haben sie bereits in digitaler Version mitgebracht und an der Teilnahme an einem Fotobuch-Workshop zeigen sie sich sehr interessiert. Von der Klangperformance sind alle begeistert, allen voran die Großmutter: „Das ist ja eine ganze Orchester-Sinfonie in einer Person. Ich habe aus Urlauben selber auch immer verrückte Instrumente mitgebracht. Und dann haben wir gemeinsam gesungen und jeder hat ein Instrument in die Hand bekommen, kreuz und quer hat sich das angehört. Man braucht diese Experimentierfreude dazu. Ich finde, das ist Kunst. Ich muss es ja nicht immer nur als schön empfinden.“ Eine sehr sensible Einschätzung, die sich wahrscheinlich auch auf die Fotografien zum Thema Umbruch anwenden lässt.

Foto: Christian Spieß

Eine weitere Begegnung: TW, Künstler und Bildermacher (die Bezeichnung Fotograf lehnt er ab) aus Duisburg, ist heute zufällig zu der Veranstaltung gestoßen, aber nicht ohne Grund an diesem Ort. Schon seit Jahren fotografiert er Plätze wie diesen und interessiert sich generell für Veränderungsprozesse in der Stadt. Nach eigener Aussage bevorzugt er die „zwecklose Fotografie“ und eine freie, intuitive Herangehensweise. Von ihm erfahre ich Einzelheiten über das Bauvorhaben „Mercator Viertel“: es handelt sich um ein geplantes Wohn- und Bildungsquartier, das hier innerhalb der historischen Stadtmauern, auf den Fundamenten der mittelalterlichen Stadt entstehen soll. Die Mitarbeiterinnen der Stadtarchäologie haben auf der einen Seite des Platzes die Grundmauern des Mercatorhauses freigelegt und noch sind die Ausgrabungen nicht komplett abgeschlossen. Das Wohnhaus von Gerhard Mercator, bedeutsamer Geograf und Kartograf im 16. Jahrhundert und Namensgeber für die gleichnamige Stiftung, wurde nach dem 2. Weltkrieg abgerissen und soll nun rekonstruiert wiederaufgebaut werden und als Bürgerhaus dienen. Neben Wohnbauten sollen auch noch Gastronomiemöglichkeiten und Einkaufsangebote das Viertel ergänzen. Die eingangs beschriebene Brachfläche entstand erst in den letzten Monaten: zwei Schulen, die mittlerweile leer standen, wurden abgerissen. Auch ein ehemaliger Lehrer streift mit seinen zwei kleinen Söhnen durch die Fototafeln: schwärmend erzählt er mir von Kunstaktionen in den leeren Schulgebäuden im Rahmen der Duisburger Akzente 2012 und zeigt sich unglücklich darüber, dass die Gebäude nun dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Foto: Christian Spieß

Es wird deutlich: der Festivalplatz ist ein Gelände, das sich selbst im Umbruch befindet und das sogar im mehrfachen Wortsinn. In der Landwirtschaft wird auch das Pflügen, das Umgraben des Bodens als Umbruch bezeichnet. Man könnte also sagen, dass im Rahmen der Duisburger Akzente eine Brache zur Kulturlandschaft umfunktioniert wurde. Inwiefern es sich bei dieser Zwischennutzung um fruchtbaren Boden für weitere kulturelle und persönliche Impulse handelt, bleibt zu beobachten. Wir sind optimistisch und freuen und auf neun spannende Monate in Duisburg!

Die Sonnenstrahlen und die Musik aus dem Schiffcontainer klingen am späten Nachmittag langsam aus. Mit Glückskeksen to go aus dem Café und den Schlussworten des Kulturdezernenten „Glück auf!“ im Kopf brechen ich und andere Besucherinnen und Besucher schließlich auf – schließlich gibt es im Programm der Duisburger Akzente bis zum 26. März auch noch viele andere spannenden Orte und Abendveranstaltungen zum Thema „Umbrüche“ zu entdecken. Auf auf!

„Welt im Umbruch“ regt auch die vierbeinigen Besucher zum intensiven Austausch an. Foto: Ruth Gilberger

 

Bis zum 26. März ist das Ausstellungsprojekt täglich geöffnet von 15:00 bis 20:00.

Im Café Courage sind BesucherInnen eingeladen ins Gespräch zu kommen: Hier gibt es Antworten auf alle Fragen und die Möglichkeit zum Kennenlernen und zum Austausch.

Am Freitag, den 24. März findet ein Künstlergespräch mit Peter Bialobrzeski im Lehmbruck Museum von 19:00-21:00 Uhr statt.

Herzliche Einladung zum Besuchen und Mitmachen!

 

 

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