Realitätsbildung durch Sprache

am 13. Februar 2015 | in faktor kunst 2013, Public Residence: Die Chance | von UND | mit 0 Kommentaren

Stadtbewohnerinnen und -bewohner wirken für ihr Quartier: Nikiforidis Spiridon steht vor dem Café „Borsig-Schänke“, dem Treffpunkt der griechischen Community in der Dortmunder Nordstadt. Hier trifft man den grauhaarigen Ruheständler mit dem verschmitzten Lächeln fast täglich. Aufgeregt erklärt er einem anderen Besucher des gastlichen Ortes, was es mit dem neuen Straßennamenschild an der Ecke gegenüber auf sich hat.

Dort, vor der Bäckerei Böhmer, die für ihr 60. Jubiläum dekoriert ist, zeigt eines der blau-weißen Dortmunder Straßenschilder an, dass wir uns an der Soester Straße befinden. Seit Oktober 2014 wird dieses Schild von einem weiteren Straßennamenschild in den Stadtfarben Dortmunds, Rot-Weiß, ergänzt. Es trägt den Namen „Milopotamos-Straße“. Was war geschehen?

Anwohner am Dortmunder Borsigplatz haben seit Sommer 2014 die Gelegenheit, neue Straßennamen vorzuschlagen, die im Rahmen des Kunstprojektes „Public Residence: Die Chance“ im öffentlichen Raum erscheinen. Herr Spiridon würdigt mit seiner Umbenennung die über Jahrzehnte prägende Rolle der griechischen Zuwanderer für den Stadtteil. Milopotamos bedeutet „Mühle am Fluss“. Es ist der Name seines mediterranen Heimatortes. Die Vorstellung, dass er es auf seiner Lebensreise aus dem hellenischen Milopotamos bis in die westfälische Milopotamos-Straße geschafft hat, reizt ihn sichtlich zu einem gewitzten Lachen.

„Die Stadt der Chancengleichheit“

Der Stadtteil Borsigplatz im Dortmunder Norden ist schon seit seiner Entstehung vor mehr als hundert Jahren der klassische Ankunftsort für Zuwanderer. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren vor allem polnische und schlesische Stahlarbeiter und Bergleute die ersten Siedler des Arbeiterstadtteils. In der jungen Bundesrepublik kamen griechische und italienische Auswanderer hinzu. Heute ist der Stadtteil vorwiegend türkisch geprägt. Die zunehmende Präsenz arabischer, afrikanischer und südosteuropäischer Gemeinschaften ist ebenfalls nicht zu übersehen.

Am Borsigplatz befindet sich der engagierte Nachbarschaftsverein Borsig11. Unterstützt von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft führt er das Programm „Public Residence: Die Chance“ durch. Von Juni bis August 2014 war die künstlerische Projektgruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT (RG) im Rahmen dieses Programms vor Ort. Henrik Mayer zog in die Unnaer Straße in Dortmund ein und begann die Arbeit in ständiger Zusammenarbeit und Abstimmung mit seinem in den Vereinigten Staaten lebenden RG-Kollegen und Mitautor Martin Keil. Unter dem Titel „Die Stadt der Chancengleichheit“ hatte sich die Künstlergruppe das Ziel gesetzt, offene Fragen der urbanen Entwicklung ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken und einen öffentlichen Dialog darüber anzuregen. Als Treibstoff für diesen Prozess regten die Künstler zum Nachdenken über neue Straßennamen an. Mit dem neuen Namen sollen auch Ziele der lokalen Anwohner formuliert und mögliche gemeinschaftliche Projekte zur eigenen Gestaltung der Lebensbedingungen angeregt werden.

Sprache schafft Realität

Die Borsigplatz-Bewohnerin Nicole Herber fand dafür den treffenden Ausdruck „Realitätsbildung durch Sprache“. In diesem Sinne taufte Nicole die Schlosserstraße, in der sie wohnt, in „Glitzerstraßen-Allee“ um. Mit der Umbenennung des Straßennamens, der an die ehemals stark vertretenen Metallberufe erinnert, findet die Sehnsucht nach mehr Glanz in der postindustriellen Realität des Stadtteils ihren Ausdruck. Ganz in der Nähe hat Nicoles Sohn Jason die „Fußball-Erfolgs-Straße“ benannt und scheint damit den Anspruch der jungen Borsigplatz-Bewohner zu formulieren, sich ,ähnlich den Spielern des am Borsigplatz gegründeten BVB, mit Hilfe des Sports aus den Zwängen eines Stadtteiles zu lösen, der einen sehr hohen Anteil von Empfängern sozialer Transferleistungen aufweist.

Das Projekt weist auf die große Bedeutung von emanzipiertem Handeln und aktiver Selbstorganisation hin, indem es Defizite oder konstruktive neue Entwicklungslinien versinnbildlicht. So erscheint beispielsweise am Zugang des örtlichen Parks ein neues Schild mit der Aufschrift „Straße des vergessenen Paradieses“. Die Patin dieses Namens, Ute Ellermann, möchte damit eine Debatte zur Frage anregen, warum der Park von der Bevölkerung kaum angenommen wird. Vielleicht liegt es an der fast vollständigen Umzäunung des gepflegten Areals? Vielleicht können die Anwohner aber auch wenig anfangen mit den vorhandenen Freizeiteinrichtungen, die vor allem aus einer in den 1930er-Jahren errichteten Sportanlage und einem von US-amerikanischen Truppen hinterlassenen Baseballfeld bestehen.

Ganz in der Nähe des auf seine Belebung wartenden Parks befindet sich seit Kurzem die „Straße der verführerischen Erlebnisse“. Die Erfinderin dieses Straßennamens, Anette Kritzler, ist schon vor vielen Jahren aus Überzeugung an den Borsigplatz gezogen, in der Gewissheit, dass sich hinter der klischeehaften Bezeichnung eines „Problemviertels“ mehr verbirgt als soziale Missstände. Mit viel Begeisterung hat sie sich die mitreißende Geschichte des Stadtteils angeeignet und engagiert sich bei ihren Stadtführungen und gemeinschaftlichen Aktivitäten für eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft des Viertels.

Global denken und lokal handeln

Bei den neuen Straßennamen geht es um Themen von lokaler Relevanz, aber auch um die globalen Herausforderungen und zukunftsfähige Lebensstile. Sebastião Manuel Sala ist in den 1970er-Jahren aus Angola nach Deutschland gekommen. Am Borsigplatz wohnt er mit seiner Frau und seinen Kindern. Unter dem Dach seines Mehrfamilienwohnhauses hat er einen Wäscheboden in ein farbenfrohes Künstleratelier verwandelt. Was es bedeutet, am Borsigplatz als Trommler, Sänger, Spielzeugbauer und afrikanischer Community-Organisator zu leben und eine vielköpfige Familie zu haben, zeigt sein neuer Name für die Oesterholzstraße: „Kreative-Ruhr-Allee“.

Kreativ leben und überleben wollen oder müssen im Dortmunder Norden nicht nur Menschen mit migrantischem Hintergrund. Auch bei alteingesessenen Gewerbetreibenden machen sich prekäre Verhältnisse bemerkbar. Im Frisiersalon „Gabys Kamm und Schere“ dreht sich das Gespräch um die schwindende Lebensqualität im Quartier. Gabriele Marten, die selbstständige Friseurin kritisiert immer wieder die Schließung des einzigen fußläufig erreichbaren Supermarktes im Viertel vor ein paar Jahren und die damit verbundene Verschlechterung des Lebens für die ältere, nicht auto-mobile Bevölkerung. Aber auch ihre Erzählungen über die wachsende Armut, Kriminalität und der Mangel an Erwerbschancen machen deutlich, wie dringend positive Entwicklungen im Quartier sind. Gabriele benennt die Stahlwerkstraße in „Handwerkstraße“ um. Die Stahlwerkstraße, in der ihre Frisierstube liegt, ist eine Sackgasse, welche am Tor der seit Jahren stillgelegten Westfalenhütte endet. Mit der Umwidmung wird deutlich, dass sie zukünftige Erwerbschancen eher in kleinteiligen, diversifizierten Betrieben sieht.

Die neue Bescheidenheit einer Postwachstumsökonomie erscheint auch im letzten hier vorgestellten Straßennamenbeispiel. Die „Straße der Realistischen Wunder“ wurde von Julia Rumi benannt. Mit dem Namen eröffnet Julia einen Vorstellungsraum, in dem es darum geht, mit welchen realistischen Wundern in Zukunft die Grundlage für mehr Lebens- und Erwerbschancen in diesem von einer extrem hohen Binnenwanderung geprägten Stadtteil gelegt werden kann.

Es geht weiter

Das Projekt dient auch dazu, Formen der gesellschaftlichen Mitbestimmung und Mitgestaltung zu ermöglichen. Die Vorschläge der Dortmunder Bürgerinnen und Bürger für neue Straßenbenennungen zeigen an, was im Quartier gewürdigt werden soll, was vermisst und was gebraucht wird. Der entstehende neue Stadtplan zeigt, welche Themen und Vorhaben den Menschen wichtig sind. Er stellt ein Programm dar, das gemeinschaftlich mit kommenden Initiativen, Chancen und Aktionen umgesetzt werden soll.

Von den Einwohnern erhoffen wir uns, dass sie ihre Lokalwährung „Chancen“ weiter in neue Straßenschilder zur Umbenennung von Straßen investieren, auch wenn unser Arbeitsaufenthalt als Künstler vor Ort beendet ist. Das Projekt liegt nun in den Händen der Bewohner vom Borsigplatz. Jede Anwohnerin und jeder Anwohner kann Namenspatin oder -pate werden. Es können eigene neue Ideen eingereicht werden, oder ein bereits gestifteter Name kann mit Hilfe der Chancenwährung adoptiert werden. Interessenten melden sich entweder unter rg@reinigungsgesellschaft.de oder direkt bei Borsig11 e.V. am Dortmunder Borsigplatz.

 

Autoren: Martin Keil und Henrik Mayer/REINIGUNSGESELLSCHAFT

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