Foto: Theresa Herzog

Auf gute Nachbarschaft!

am 30. Juli 2020 | in Allgemein, Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Es war an einem Tag im Mai, als ich auf der Treppe vor unserer Projektzentrale saß und merkte, dass die Tür des kleinen Ladenlokals links neben uns zum ersten Mal geöffnet war.

Ich hatte bereits gehört, dass die so genannten „Blauen Rheydter“ darin residierten. Ich bin neugierig, stehe auf und gehe in das neu eröffnete Atelier unserer Nachbarn.
Jede Person, die in den letzten Wochen schon einmal vor dem Schaufenster der „Blauen Rheydter“ gestanden hatte, kann wohl nachvollziehen, dass mich bereits die Schaufensterauslagen irgendwie von der ersten Sekunde an in ihren Bann gezogen hatten. Dort stand seit einigen Wochen eine Leinwand mit einer riesigen großen Putte zwischen diversen überdimensionierten Stiften und sonstiger Dekoration. Der Engel hatte ein blaues Band über die Schulter geworfen. Drinnen werde ich von orientalischen Klängen und dem Geruch von Ölfarben und Kaffee umhüllt. Sofort kommt ein Herr mit einem langen weißen Mantel und einem weißen Hut auf mich zu, hier und da Farbspritzer. Er trägt ein Tablett mit einer außerordentlich schicken, opulent verzierten Teekanne mit Goldrändern und ein paar Tassen auf mich zu, grinst breit und fragt fröhlich: „Und was darf es für Sie sein?“ Mir kommt es vor als hätte ich eine andere Welt betreten.

Foto: Theresa Herzog

Zwei Frauen sitzen auf einem Sofa, welches der Teekanne und dem restlichen Geschirr in seiner opulenten Art keinesfalls unterlegen ist. Die Wände sind übervoll mit Gemälden unterschiedlichster Stilrichtungen. Zwischen einigen eher abstrakten Landschaftsmalereien, beäugt mich das verblüffend echt anmutende Porträt eines Mannes mittleren Alters, der aussieht wie ein russischer Zarr. Daneben das Gemälde eines silbernen Autos. Hier und da stehen Staffeleien mit Leinwänden. An drei von ihnen wird gearbeitet. In der Mitte ein Tisch mit samtener Decke, Cola-Flaschen, einer Zitrone, Pinseln, Farben, einer Brille und einer kleinen Lampe. Matilda steht auch schon hinten an einem Tisch und malt ihr erstes Ölbild. Eine junge Frau steht hinter einer Leinwand – ich kann nicht sehen was sie malt, aber sie sieht wohl meinem Blick an, dass ich erstaunt bin. Sie grinst mich riesig breit an: „Ja mir ging es auch so! Ich habe eigentlich nur mit meiner besten Freundin telefoniert und hab zu ihr gesagt: Ich will heute irgendwas machen! Ich kann nach den vielen Wochen, die ich durch die Corona-Auflagen zuhause verbringen musste einfach nicht mehr Zuhause sein. Ich wollte bei Tedi was einkaufen gehen. Dann hab ich den Laden hier gesehen, bin stehengeblieben, reingekommen und ja – jetzt bin ich seit drei Stunden hier und male die zweite Leinwand in meinem Leben! Die erste steht da!“

Foto: Theresa Herzog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein paar Minuten später finde ich mich ebenfalls an einem der Tische wieder und male selbst ein Bild. Tiko versorgt mich derweil mit Kaffee und Ölfarben. Die ganze Szenerie hier hat mich irgendwie komplett überrannt und übermannt. Hier gibt es kein ausgearbeitetes Konzept, aber einen überaus interessanten und schönen Vibe, der in der Luft liegt.

Ich wurde auch jedes weitere Mal an dem ich hinüber ins Atelier von Tiko und Gregor ging, ebenso herzlich empfangen, wie an diesem ersten Tag. Inzwischen gehört es auch einfach dazu, zumindest kurz am Tag einmal herüber zu gehen und Guten Tag zu sagen. Neben Tiko und Gregor, den beiden Gründern des offenen Ateliers gibt es inzwischen bereits eine Handvoll weitere Personen, die sich ihren Atelierplatz fest eingerichtet haben, jede freie Minute dort zu verbringen scheinen und mit viel Eifer und Passion an ihren Gemälden arbeiten. Meistens huschen wir nur kurz vorbei, weil bei uns ja tagtäglich auch so viel passiert, aber es ist doch ein jedes Mal überaus berührend anzusehen, mit welcher Hingabe, Geduld und Aufrichtigkeit sich hier die Menschen begegnen, sich über ihre Bilder austauschen und sich gegenseitig in ihren Malprozessen begleiten und helfen. Tiko und Gregor haben es überaus schnell geschafft einen Ort zu schaffen, an dem eine Atmosphäre herrscht durch welche sich eine jede Person willkommen fühlen kann. Ständig sehe ich neue Gesichter vor oder in deren Atelier unterschiedlichsten Alters und Aussehens.

Foto: Theresa Herzog

Übrigens waren sie diejenigen Nachbarn, welche die Idee der Kissenauslage auf den Treppen damals binnen eines Tages aufgegriffen hatten und ihre grünen Sitzkissen neben unseren blauen platziert hatten. Diese kleine, ungefragte aber sehr charmante Intervention erscheint mir bis heute so wegweisend für die freundliche Nachbarschaft, die hier bei uns Am Neumarkt in Rheydt glücklicherweise gewachsen ist. Umso erfreulicher ist vor allem, dass nicht nur ein respektvolles Nebeneinander herrscht, sondern schon ganz bald auch ein vielversprechendes Miteinander!
In der Woche vom 3.8. lassen Tiko und Gregor zusammen mit der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft das Rheydter Loch vor unseren beiden Ladenlokalen entstehen. Wir können alle gespannt sein!

Foto: Theresa Herzog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als ich vergangene Woche noch bis spät in der Projektzentrale war, um diese gemeinsame Aktion endlich ankündigen zu können, sehe ich, wie nebenan Tiko einer Malerin ein paar Tipps zu ihrer Pinselhaltung gibt. Ich kann sie nicht verstehen, denn die Scheibe dämpft den Ton. Daneben kniet Rupert auf dem Boden. In den letzten Wochen hatte er sich hier in der Projektzentrale neben Kauri seinen eigenen Platz erkämpft, indem er eine raumgreifende Skulptur entstehen ließ. Seine Arbeit hat inzwischen optisch unseren gläsernen Raum verlassen und bahnt sich den Weg zum Atelier unserer Nachbarn. Als ich die Zentrale verlasse, gehe ich noch schnell rüber auf die andere Seite und hole mir ein Eis. Denn während mit unseren Nachbarn in die eine Richtung ein kreativer Austausch herrscht, sitzen wir durch unseren Nachbarn in anderer Richtung an der Quelle zu vorzüglichem Eis. Ein ebenfalls überaus erfreulicher „Austausch“. Wir haben wirklich Glück mit unseren Nachbarn. Ich mache mich auf Richtung Busbahnhof. Irgendwie einfach schön zu beobachten, wie zwischen zunächst fremden Parteien auf so gelassene und angenehme Art ein Gefühl der Verbundenheit entstehen kann. Selbstverständlich ist das wohl keinesfalls. Nachbarschaft ist doch wirklich eine besondere Sache.

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