Foto: Sonja Tucinskij/ Illustration: Alisha Gronskaya

Die Sooper Looper Dreammachine nimmt kein Ende

am 29. Juli 2020 | in Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Lichtverhältnisse wie in Santa Barbara. Die Sonne kommt von links: warm, trocken und klar. Bevor ich die Hebel der Plattenspieler in Bewegung setze und die Spots der Dreammachines mit ihrer sinnlichen Geschwindigkeit von 33⅓ – 45 Umdrehungen pro Minute auf den resonanzfähigen Rheydter Neumarkt lenke, ertönt entlang der panoramaartigen Schaufensterfront ein dreimaliges Klopfzeichen.

Oh Wahrnehmung, du holdes Erkenntnisinstrument – nun erinnere ich mich! Ich hatte vor 10 Minuten bei dem Wortschatzmeister Flowin IMMO einen Cappuccino in Auftrag gegeben und begutachte nun akribisch die koffeinhaltige Schaumkuppel, während Immos sonore Stimme in Kraft tritt und beteuert, dass das treibende Element für die mir vorliegende Schaumkrone eine aus Edelstahl polierte Espressomaschine sei und wir uns mitten in dem hochkarätigen Geschmackserlebnis einer Siebträgermaschine befänden. Ich nippe, nicke und wie der nachfolgende Geschmackstest zeigt: Mensch und Maschine sind hier in Rheydt einander freundlich zugeneigt!

Ein Gedanke, der sich nahtlos fortsetzt, als wir die Dreammachine mit dem Sooper Looper Sampler in Verbindung setzen und Technik an den Tag legen die begeistert. Zunächst einmal Kinder, die sich von der magnetischen Wirkung der skulpturalen Powerprovider angezogen fühlen und ihre widerspenstigen Eltern an die Hand nehmen müssen, um sich mit der auf Augenhöhe befindlichen Dreammachine, gleich am Eingang des Ladenlokals, zu vereinen. So manches Mal grenzt es an einem Tauziehen. Nicht immer gewinnt die höhere Gewichtsklasse, da letztlich dann doch die kindliche Neugierde siegt. „Nun stehen wir hier“, sagt der Vater, während sein Sohn alles ihm Erdenkliche aus der Dreammachine rausholt: Dinosaurier, fliegende Fische und ein wiederkehrendes Fabelwesen aus seiner Traumwelt. Schnell wird dem Vater klar, dieses Lichtkarussell ist ein emotional intelligenter Bewegungsapparat. Doch woher kommen die plötzlich aufflackernden Bildsequenzen, die der reisefreudige Beatnik – Poet Bryion Gysin bereits 1958, kein Deut weniger überrascht als die Besucher_innen der Rheydter Resonanzen, in einem Pariser Hotel neu für sich entdeckte? Die flackernde Dreammachine lebt von dem sogenannten Stroboeffekt, der mit 8 – 12 Lichtimpulsen pro Sekunde den Alpha-Wellen Bereich im Gehirn stimuliert. Schließt man die Augen, entstehen innerhalb der ersten 15 – 30 Sekunden kaleidoskopartige Farbspiele, lebhafte Assoziationsketten, manchmal auch geometrische Formen oder abstrakte Phantasieobjekte. Eine Frau sieht da ganz klar, und zwar das Meer – im 360 Grad Winkel. Ihr Wochenendtrip auf eine beliebte Nordseeinsel schlägt nachträgliche Wellen. Sie strahlt, wir mit. Mirroring nennt man dieses Phänomen in der Neurobiologie, zu Deutsch: Emotionen können sich auf dein Gegenüber übertragen – ihre Wirkung ist ansteckend. Fast zeitgleich erscheint einem jungen Mann ein formvollendeter Elefant. „In der chinesischen Mythologie ein Symbol für Glück, Fülle und Wohlstand“, wie ich anmerke. Er gesteht, er sei etwas überrascht über das Auftauchen des Dickhäuters und hätte noch kein Lotto gespielt, aber mit seiner Lebensgefährtin schon das große Los gezogen. Empfänglich für diese Art von JackPott steht Flowin IMMO vor dem Ladenlokal mit seinem Sooper Looper Apparat parat. Aufnahmebereit lässt er sich die aus der Dreammachine entnommenen Sinneswahrnehmungen auf ein Wort reduziert zur weiteren, lautmalerischen Verarbeitung reichen. Ein mentaler und musikalischer Transformationsprozess, der im Laufe des Tages einleuchten lässt, dass unsere Gedanken zwar frei sind, wir aber mehr wahrnehmen, als wir auf Anhieb bereit sind zu begreifen. Reife in der Schleife, steht auf der Sooper Looper Dreammachine Gebrauchsanweisung. Die Wiederholung macht auch heute den Meister. Wir drehen viele Runden. Es ist schon erstaunlich, wie präzise und genau Immo die subjektiv fragwürdige Sinnhaftigkeit der 30 – sekündigen Schnappschüsse aus der Dreammachine mit Hilfe seines Sooper Looper Projektors auf die maximal erreichbare Bedeutungsstufe beamt und dennoch Raum für eigene Interpretationsspielräume lässt. Er kann sich einfach auf alles einen Reim machen; Quantenbewusstsein – at his best! 

 

Foto: Angela Ljiljanic/ Illustration: Alisha Gronskaya

 

„Jungs gegen Mädchen“, höre ich da ein kleines Mädchen ihrem Vater widersprechen. Er bittet sie inständig, dass sie diese Wortspielerei zugunsten einer glücklicheren Formulierung wieder fallen lässt. Sein Sendungsbewusstsein ist wach, er weiß aus Beobachtung, daraus entsteht gleich am Sooper Looper Pult ein musikalischer Track. Als ich das Mädchen ein zweites Mal frage welchen Slogan sie uns nach der Abstimmung mit ihrem Vater zur weiteren Verarbeitung zu schenken gedenkt, wirkt sie von der Dynamik dieses fast schon antiquarischen Geschlechterkampfes so gar nicht abgelenkt: „Jungs gegen Mädchen“ wiederholt sie, diesmal mit einer unumstößlichen Vehemenz. „Wie du meinst“, sage ich, schließlich ist die Dreammachine kein algorithmischer Wiederkäuer mit einem vorgefassten Meinungskontingent. Wenn sie findet, dass das mit den Jungs im Moment nicht so gut läuft, müssen wir da halt gemeinsam durch. Am Ende entkrampft der Sooper Looper diesen höchst sensiblen Interaktionsmoment. Mensch und Maschine fabulieren zweistimmig. Das starke Mädchen lernt: Kommunikation ist keine Einbahnstraße, sie hat mehrere Kanäle. Der Großteil verläuft unterirdisch, wie der Gladbach. Sein Flussbett versorgte einst jene ortsansässigen Mönche mit Fischen und Wasser, die hier seit 974 ein Kloster unterhielten, und trieb zudem acht Mühlen an. Was treibt die Menschen im gegenwärtigen Rheydt an? Und welche Mühlen der gesellschaftlichen und sozialen Strukturen drehen heute am Rad der Rheydter Stadtentwicklungsprozesse? Die Sooper Looper Dreammachine macht den Resonanztest.

 

Foto: Sonja Tucinskij/ Illustration: Alisha Gronskaya

 

Eine schaulustige Passantin kommt zum Stehen. Sie will genau wissen, was hier gespielt wird. Gleichsam unbeirrt geht sie auf die Traummaschine zu, gibt fraktale Bildbeschreibungen von sich, bis die zunächst undurchsichtigen Zusammenhänge zu einer konkreten Erinnerung heranreifen und sich der Vorhang zur selbigen ganz leicht öffnen lässt: „Holocaust“ sagt sie, „Ich sehe den Holocaust und Menschen, sie stecken dort fest“. Ich will wissen, wie wir die Leute da rausholen können, sie antwortet: „Die Leute sollen einfach weggehen“. Ohne Umschweife befolgt sie ihren eigenen Rat, hinterlässt das Wort Weggehen und überlässt dem Rheydter Resonanzgeschehen den Rest. Das kollektive Geschichtsbewusstsein scheint mit dem Sooper Looper Dreammachine Team direkt Kontakt aufzunehmen. Ohne unseren Gesprächsinhalt zu kennen, nimmt Immo das Wort Weggehen zum Anlass, die Ahnung der Ahnen durch sein Mikro zu verstärken: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Alle Zeit ist jetzt! „Hätten meine Ahnen doch nur geahnt, was passieren wird, wären sie zum richtigen Zeitpunkt weggegangen“, stellt die Frau im Nachhinein für sich fest. Viele Groschen fallen. In den Sedimenten des Rheydter Kollektivbewusstseins entsteht hervorgerufen durch diesen exponentiellen Schöpfungsprozess eine temporäre Gedenkstätte. In diesem speziellen Moment fühlen wir uns alle in viele Lagen versetzt. Wir driften durch mehrere schwarze Löcher. Das Schaufenster im Ladenlokal wird durch ein Zeitfenster ersetzt. Dezentrale Raumenergie? Hatte Nikola Tesla mit seiner These, dass Atmosphäre selbst das Übertragungsmedium für einen verlustfreien Energietransfer sei etwa recht?

 

Foto: Angela Ljiljanic/ Illustration: Alisha Gronskaya

 

„Moment mal“ tönt ein offensichtlich aufgebrachter Mensch: „Der oder das Virus, wie heißt das denn jetzt?“ Ich tippe auf das Virus. Als seine kundige Frau das grammatische Geschlecht des Erregers bestimmen will, kriege ich die Antwort leider nicht mehr mitgeschnitten, da sind die zwei Passanten von der schnellen Truppe schon zu weit weg. „Sprache ist ein Virus, eine Kodierung, aus dem sich immer wieder bestimmte Realitätsschemata baukastengleich zusammensetzen lassen“, diesen Floh hat mir Nacked Lunch Autor William S. Burroughs damals in mein jugendliches Ohr gesetzt. Am Anfang steht das Wort. Wenn du im Laufe deines Lebens zwischen den festgefahrenen sprachlichen Konditionierungen und dem was gerade wirklich stattfindet keine bewussten Schnitte setzt, hast du keinen klaren Geist und deine Gedankenwelt will dann nur noch eins: Wohlbefinden durch Wohlbekanntes; Brain Candy. Aber keine Sorge, die Sooper Looper Dreammachine ist ein sensationelles Synapsentraining mit Weckruffunktion:

„Dornröschen wach auf, hol deinen Pawlowschen Hund aus dem Zwinger und lass Schrödingers Katze aus dem Sack!“. Nur so entstehen Dynamiken, die uns wirklich bewegen und glaubwürdige Beziehungen, die Berge versetzen. Und das soll Kunst sein? Come on, derjenige, der diese Frage in den Raum geworfen hat, kann sich gleich wieder setzen. Das Gesamtkunstwerk nimmt Fahrt auf. Eine Frau, die im echten Leben Angst vorm Radfahren hat, wird in der Dreammmachine auf ein imaginäres Fahrrad gesetzt. Die Furcht zieht an ihr vorbei und ihr Blick öffnet sich für eine Landschaft mit sattgrünen Auen und ockerfarbenen Sandwegen. Sie beschreibt ihre Erfahrung mit den Worten Fliegende Landschaften und ist ganz entzückt, als sich dieses Wortpaar nach wenigen Minuten im Sooper Looper Textsortiment wiederfinden lässt. Ja, Leben ist halt Biofeedback. Resonanz ist Verständigung. Verständigung ist alles. Alles ist erleuchtet. Die Birnen glühen. Die Dreammachine fetzt. Ein Mann schärft indes vor der Dreammachine seine Sinne. Auf seinen Augenliedern schläft die Wonne einer untergehenden Sonne. Er braucht gar nichts zu sagen, auch in meinem semantischen Gedächtnis ist sie eingraviert: Die Erinnerung an die salzige See und an die Mitte September frisch vom Baum gepflückten Feigenfrüchte und Granatäpfel. Unsere Heimaten sind da, wo andere Urlaub machen. Ein Blickfang am Fuße der Dreammachine, die der Sooper Looper Fährmann in eine Serenade unter heiterem Himmel übersetzt. Der Tag scheint bei sich angekommen. Die letzten Vokabeln lassen sich nieder im feingetunten Abschlusstext: „Erkenne dich selbst“ ist die Devise der Rheydter Workshoprotunde und hatte einst schon über dem Orakel zu Delphi gestanden. Ok, Immo würde sagen „Machs dir Selbst“, aber das liegt auch nicht wirklich weit auseinander. Nähe ist auch keine Frage der Entfernung, apropos Social Distancing. Viele Gedankenwelten ließen sich auch unter diesen besonderen Umständen gut einfangen – mit dem Sooper Looper Dreammachine Netz. Alles eine Frage der Aufstellung bzw. Einstellung.

 

Illustration: Alisha Gronskaya

 

Weder ein MRT noch ein Röntgengerät hätten all diese Befunde und Bildgebungen liefern können, die sich uns hier und heute am Rheydter Neumarkt in ganz ungezwungener Atmosphäre offenbart haben. Unsere Intuition, Ladies and Gentleman, ist ein Detektor mit technologischer Reichweite, eine evolutionäre Ressource, die die Antwort schon vor der Frage kennt und keine Details auslässt. Schau hin und mach deine Wahrnehmung zur Chefsache, sonst macht es ein anderer. Lass dem Geist der Freiheit die Freiheit, die er braucht, dann kommt auch die Inspiration zur dir, wie die Jungfrau zum Kinde. Manchmal hat man in dem Moment der ursprünglichen Empfängnis einfach nur den Knall nicht gehört. Und trotzdem ist er geschehen. Der Beweis: Wir sind ja alle vollzählig, nur manchmal nicht anwesend. Doch heute waren alle da und präsent. Auf dem Weg ins Hotel macht der Mond sein Licht an und ich muss noch an die eine Liedzeile von dem grandiosen Leonard Cohen denken: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in“. Der Tag verneigt sich vor seinem Publikum. Ich glaube für viele, die da waren, ist er noch längst nicht zu Ende.

 

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