Nach dem ersten Einblick in folgt hier der zweite von drei Beiträgen, in denen Fedra Benoli, Projektassistenz von Lost&Found, ihre persönlichen Erfahrungen aus dem Projekt teilt und Einblick gibt, welche bedeutungsvollen Beulen sich partizipativ erforschen lassen.
Nach “post” ist heute “beul” angesagt.
Jane Sequoia leitet die heutige Aktion vor dem Lost-&-Found-Container auf der Bismarckstraße. Auf den Tischen liegen Aluschalen, wie man sie von Grillfesten oder aus dem Take-away kennt. Daneben liegen Holzwerkzeuge mit unterschiedlich geformten Spitzen. Wer vorbeikommt, darf sich setzen und beginnen, aus den Aluschalen mit den Werkzeugen Reliefs anzufertigen.
Ausgangspunkt sind Milagros – kleine Metallanhänger aus Zentral- und Lateinamerika. Dort werden sie als Votivgaben an Heiligenfiguren oder Wallfahrtsorten angebracht: als Dank für ein Wunder oder als Bitte um Hilfe. Ein Herz kann für Heilung stehen, ein Bein für einen gebrochenen Knochen, ein Baby für eine Geburt. Milagros sind Zeichen dafür, dass Gebete erhört worden sind.
Ein beliebtes Motiv entsteht heute nach dem Vorbild von Pablo Picassos Friedenstaube.

Foto: Ruth Gilberger
Auf der Bismarckstraße gibt es ebenfalls viele Tauben – allerdings sind es nicht die weißen Tauben mit dem Ölzweig im Schnabel, die klassische Symbolik des Friedens, sondern die Stadttauben.
Diese Wesen gehören unmittelbar zum sozialen Raum der Fußgängerzone und damit auch zur Umgebung des Containers. Die Stadttaube wird häufig mit Verachtung geduldet, als schmutzig und unhygienisch betrachtet. Gleichzeitig ist sie eine ambivalente Folge der langen Beziehung zwischen Menschen und nicht-menschlichen Wesen. Tauben waren nicht immer bloß Symbol oder unerwünschte Begleiter des Stadtraums. Über Jahrhunderte unterstützten sie Menschen als Nutztiere und Boten. Dass Menschen Tauben gebraucht haben, bedeutete auch, dass Tauben auf Menschen angewiesen wurden: Sie wurden zu Haustieren, zu Wesen, deren Leben von menschlicher Fürsorge abhängig war.
Heute benötigen Menschen Tauben nicht mehr in dieser Weise, doch die Tauben bleiben auf menschlich geprägte Räume angewiesen. Diese Abhängigkeit bestimmt ihren Alltag: Sie bleiben Teil der Stadt, obwohl sie häufig unerwünscht sind. Sie werden gesehen, aber oft ignoriert – manchmal sogar aktiv bekämpft. Versiegelte Straßen, fehlende geeignete Nahrung und der Verkehr machen das Leben vieler Stadttauben zu einem prekären Dasein.
Im Fundbüro wird für eine begrenzte Zeit ein Ort geschaffen, an dem das Übersehene oder Ungesagte Sichtbarkeit gewinnen kann. Statt ein Abbild einer scheiternden hyper-neoliberalen Gegenwart zu sein, in der Geschwindigkeit, Konsum und Effizienz den Alltag bestimmen, lädt die Aktion zum Verweilen und zur Reflexion ein. Sie nimmt Raum ein und lädt dazu ein, zusammen am Tisch Platz zu nehmen.
Es entstehen Verbindungen, Begegnungen und neue Erfahrungen. Die fertigen Milagros werden abschließend am Container angebracht. Wenn der Wind durch die Straße zieht, erzeugen sie einen chaotischen Klang – eine Geräuschspur, die sich mit den Geräuschen der Fußgängerzone verbindet und von den verschiedenen Bewohner dieses Ortes wahrgenommen werden kann.

Foto: Christian Wendling
