Post Beul buffet, ein partizipatives Angebot von und mit Jane Sequoia anlässlich unseres Projektes „Lost&Found“, klang in der Ankündigung ebenso geheimnisvoll wie vielversprechend. Fedra Benoli, die unser Projekt durchgehend als künstlerische Assistenz in Theorie und Praxis unterstützt hat, teilt in drei Teilen ihre persönlichen Erfahrungen aus der Sommerglut der Bismarckstraße.
Es sind 29 Grad auf der Bismarckstraße in Ludwigshafen. Der blaue Container – das Lost-&-Found-Büro – hat seine Tür geöffnet, und davor steht unter einem Regenbogen-Sonnenschirm Jane Sequoia. In denselben Farben hat sie eine ganze Menge Post-its dabei. Tatsächlich sind es diese kleinen, schmalen Papierstreifen, die man an Bücher klebt, um später eine Stelle wiederzufinden. Um sich etwas zu markieren.
Passant:innen schauen neugierig hin. Sobald sich die Blicke treffen, sagt Jane Sequoia: „Wir machen heute Quatsch!“
Das ist schon ein Unterschied zu der üblichen Ansprache, die wir seit zwei Wochen erproben: „Wir machen ein Kunstprojekt zum Thema Verlust. Möchten Sie mitmachen? Sie können Gefundenes und Verlorenes hier bei uns melden!“
Mit „Wir machen heute Quatsch!“ holt Jane Sequoia die Leute auf eine ganz andere Weise ab. Wir stehen mitten in der Fußgängerzone. Auf dem Boden haben wir mit Straßenkreide große Pfeile und „Post-it!“ gemalt.
„Wir verschenken Post-its. Die können Sie gerne auf alles kleben, was Sie toll finden. Machen Sie ein Foto davon und schicken Sie es uns. Dann drucken wir es aus und hängen es am Container auf.“
So viel zur Aufgabenerklärung. Muss man mehr sagen? Eigentlich nicht – und genau das ist der Punkt. Man muss nicht mehr sagen. Man hält die Stille und die verwirrten Blicke aus und wiederholt mit ähnlichen Worten dieselbe Botschaft.
Niederschwellig? Ja. Aber zugleich irritierend. Warum eigentlich?
„Muss ich etwas hier auf der Straße finden?“, fragen Passant:innen.
Ein junger Mann mit blaugrün verspiegelter Sonnenbrille, Baseballcap und BMX-Rad ist von Anfang an begeistert. Wir reden auf Englisch. Er sagt, er werde die Post-its mit nach Hause nehmen und seinen Kater fotografieren. Dann kommt ihm eine Idee: Warum nicht die Post-its direkt auf seine Brille kleben, auf sein Gesicht?
Diesem Impuls kann man kaum widerstehen. Wir machen ein Foto von ihm mit Brille und Post-its. Nach fünf Minuten kommt er zurück, um seinen Fotodruck abzuholen. Ein Exemplar bleibt an der Wand, das andere nimmt er mit.

Der Nächste, der kommt, erklärt zunächst, dass er die Aufgabe nicht machen könne: Alle Menschen, die er toll finde, seien gerade nicht da. Er beginnt, Personen aufzuzählen – eine Freundin aus der Schule, eine Nachbarin… Wir schreiben die Namen auf, neben jeden ein Post-it, und schon ist auch von ihm ein Foto gemacht.
Ein anderer Mann setzt sich zu uns und erzählt von seiner Tochter. Wir fragen, ob er sie verloren habe. Er antwortet: „Nein, sie hat mich verloren.“ Eine Verlustanzeige möchte er aber nicht aufgeben.
Den Container habe er schon früher gesehen, sagt er, aber heute wirke alles wirklich professionell. Wir lachen mit. Wir tragen Schilder mit der Aufschrift „Post“ auf unseren Hemden. Vielleicht trägt das – und die Assoziation zur Deutschen Post – tatsächlich zu diesem Eindruck von Professionalität bei.
Schon bald tauchen Kinder auf, die uns bereits in der vergangenen Woche begegnet sind. Begeistert von jeder Abwechslung, von „Basteln“ und einfach von allem Neuen auf ihrem Sandkasten, der Bismarckstraße, fragen sie neugierig, was heute ansteht.
Zunächst sind sie gelangweilt. „Wir machen heute ein Picknick, wir haben keine Zeit!“
Doch nach einer halben Stunde sind sie wieder da. Diesmal sind sie begeistert von unserem Geschenk – den Post-its – und von der Möglichkeit, Fotos zu machen.
Was findet man toll, wenn man einfach auf der Straße unterwegs ist? Nun ja: den Schmuck, das Henna-Tattoo, das eigene Fahrrad. Und natürlich sich selbst oder die Freund:innen.
Auf Stirnen tauchen die Post-its immer wieder auf. Da, hier ist doch etwas Tolles!
Mit den Post-its spielt Jane Sequoia mit einer Geste, die wir aus der digitalen Welt kennen: Dinge markieren, die Aufmerksamkeit verdienen.
Was passiert, wenn man das wieder analog macht?
Am Ende habe ich alle meine Post-its verbraucht. Dabei war ich mir am Anfang noch nicht sicher gewesen: Was soll hier eigentlich alles toll sein?
Man sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen.
Und darüber poste ich jetzt.

Fotos: Ruth Gilberger