buffett

am 30. September 2026 | in Allgemein, Grief | von | mit 0 Kommentaren

Wie sich „Brot-Schmieren“ als Annäherung eignet und wie sich ein Straßenbuffet in der Bismarckstraße zum Get-Together entwickelte, beschreibt Fedra Benoli im dritten Teil ihrer Reflexion zu „Lost&Found“ in Ludwigshafen. 

Wann hast du das letzte Mal für jemanden ein Brot geschmiert? Und das letzte Mal, dass du ein Brot geschmiert bekommen hast? Und wann ist das letzte Mal gleichzeitig passiert?

Am dritten Tag von Jane Sequoias Zeit im Lost & Found Container habe ich mindestens sechs Brote geschmiert und geschmiert bekommen: Das war nämlich die Aktion „buffett“.

In der Hitzewelle wurden Butter und Quark mit Tiefkühlerbsen kühl gehalten, während auf dem Tisch Brotlaibe, Gurken, Tomaten, Paprika, Kresse und Dill ausgebreitet waren. Am Buffettisch standen zwei Schneidebretter zur Verfügung, während Jane Sequoia Brotscheiben schnitt. Eine Person pro Schneidebrett durfte teilnehmen und für die andere Person am anderen Schneidebrett ein Butterbrot schmieren. Als Team standen wir ebenfalls bereit, falls jemand keinen Schmierpartner hatte, um einzuspringen.

Einer der Ersten war ein Mann um die vierzig, der neugierig fragte, was wir denn hier machen. Er hat mich als Schmierpartnerin ausgesucht. Das Angebot geht damit einher, dass man Entscheidungen über den Belag des Brotes trifft und diese dann jemand anderem, vielleicht einem Wildfremden, mitteilt. Man gibt die Kontrolle über das eigene Brot ab und übernimmt gleichzeitig die Verantwortung für das Brot des Gegenübers. Dazu kommt das gegenseitige Vertrauen darauf, dass die eigenen Wünsche vom anderen verstanden und umgesetzt werden – und umgekehrt, dass man selbst in der Lage ist, die Wünsche des Gegenübers richtig umzusetzen.

Ich sage also mit Begeisterung, was ich auf mein Brot möchte: Butter und Tomaten. Er zögert kurz und entscheidet sich dann für Gurke. Mit einem Buttermesser Tomaten zu schneiden ist nicht so einfach, und der Mann sagt, während er versucht, das zu machen: „Ich habe noch nie ein Brot für eine Frau geschmiert.“ Auf Nachfrage gibt er aber zu, dass er schon für seine Mutter ein Brot geschmiert habe. Ob er für einen Mann schon einmal ein Brot geschmiert hat, bleibt offen. Es war auf jeden Fall eine neue Erfahrung für ihn, einer wildfremden Frau ein Brot zu schmieren.

Mir fällt dann ein, dass ich doch noch gerne Dill auf meinem Brot hätte. Darauf kommt seine Antwort: „Frauen wollen immer so viel und immer mehr!“ – Na ja, so schnell kommen manchmal Geschlechterrollen beim Essen zur Geltung. Ich wende ein, er dürfe auch mehr haben, wenn er danach frage. Er sagt aber nichts Weiteres. Nachdem die Schmiererei vorbei ist, tauschen wir die Brote aus und er geht auf der Bismarckstraße weiter.

Die Interaktion bleibt bei mir an diesem Nachmittag sehr hängen, aber das Buffett wird schnell von vielen Leuten bevölkert. Das Konzept funktioniert ganz gut – wer möchte kein Essen umsonst? Wobei es einen Preis gibt, nämlich die Interaktion mit den anderen, die Überwindung der eigenen Hemmschwellen.

Eine ältere Dame hilft einem Kind, das Brot für seine Geschwister zu schmieren, er kann das Buttermesser nicht so richtig halten. Als sie dann dran ist, lässt sie sich genau dasselbe Brot schmieren wie ihr Gegenüber. Ein Zufall? Oder traut sie sich nicht zu sagen, was sie möchte? Oder ist sie überfordert, eine Entscheidung treffen zu müssen, bei der es ihr dann egal ist, was auf dem eigenen Brot landet?

Gemeinsam essen verbindet, das wissen wir. Gemeinsam kochen kann eine Gelegenheit sein, näher zusammenzurücken, für jemanden zu kochen, gilt als kultureller Ausdruck von Liebe und Fürsorge – und ist nebenbei kulturhistorisch ja weiblich konnotiert. Aber wie sollen wir kulturwissenschaftlich diese Aktion hier einordnen?

Es ist das gleichzeitige Zubereiten von Essen. Die Arbeit findet sichtbar neben einem statt, sie liegt nicht in der getrennten Küche oder wurde am Vortag erledigt. Das Essen ist extrem deutsch konnotiert und wird hier von Menschen mit meist Migrationsgeschichte vorbereitet.

Ich als Italienerin fand das Konzept Abendbrot, eine kalte Mahlzeit, anfangs nicht nur neu, sondern sogar traurig. Hat man hier keine Zeit, etwas vorzubereiten? Was ist mit der Frage im Vorfeld: Was möchtest du essen? Das kann man sich beim Abendbrot ja nicht aussuchen: Es gibt, was auf dem Tisch liegt, und daraus kann man sich sein eigenes Brot schmieren.

Was man aber daraus gewinnt und was auch beim „buffett“ zentral zu sein scheint, ist die gemeinsame Zubereitung. Beim „buffett“ wird sie auch zur Begegnung, die im öffentlichen Raum stattfindet. Es ist nicht der Küchentisch zu Hause oder die Mutter, sondern ein Bocktisch in der Fußgängerzone und eine Wildfremde mit Schürze. Man muss sagen, was man möchte, und jemand anderes muss zuhören und es für einen machen.

Vielleicht ist es deshalb gar nicht so nebensächlich, wer wem welches Brot schmiert.

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