Eine Tanzperformance, die eine Frage aufwirft

am 20. April 2015 | in faktor kunst 2013, Public Residence: Die Chance | von | mit 0 Kommentaren

Eine überraschende Aktion der Choreografin und Public-Residence-Künstlerin Dorothea Eitel zusammen mit einer Tänzerin des Kollektivs wirhabendasnichtgewolltProduktion.

Mobil auf Flokati: Großstadtmeditation
20. März 2015, 16.04 Uhr, Borsigplatz in Dortmund

Eine blonde kurzhaarige Frau betritt über die Oesterholzstraße den Borsigplatz. Sie ist schwarz gekleidet, hat neongelbe Turnschuhe an und trägt neben der schwarzen Umhängetasche einen roten Teppich geschultert.
Vor der Pizzeria „Casa mia“ legt sie den Teppich ab, gibt ihm einen leichten Kick mit der Fußspitze, so dass er sich entrollt, und nutzt mit einer kurzen Bewegungssequenz den zwei auf zwei Meter entstandenen Raum in einer Mischung aus Yogamatte und Gebetsteppich.

Während die Frau Meter um Meter rund um den Borsigplatz zieht, gibt es allerlei zu hören und zu beobachten.
Das am Borsigplatz übliche Verkehrschaos mit zu schnellen, drängelnden Autos bahnt sich den üblichen Weg über viel zu oft rot werdende Ampeln. Zu langsam fahrende Vordermänner und -frauen machen schlechte Stimmung. Dabei sollen gerade am vergangenen Wochenende zwei Kinder von einem Hochzeitspärchen angefahren worden sein. Was für ein Chaos!

Die Bürgersteige sind voll mit Menschen, die von werweißwo nach werweißwohin eilen und wer weiß schon so genau, ob Eile geboten wäre. Viele sind bepackt mit Plastiktragetaschen, einige sind in ein vom Mobiltelefon übertragenes Gespräch verwickelt, die meisten scheinen gar nicht zu sehen, wer und was um sie herum ist – und warum schon gar nicht.
Hinter den Schaufenstern der Läden beobachtet man geschäftiges Treiben. Türen gehen auf, zu, Schwätzchen in der Glastürschleuse.
Es ist kalt, die Luft ist leicht feucht, auch wenn es nicht regnet.

Die Frau mit dem roten Flauscheteppich hinterlässt alle zwei Meter ein Papierschiffchen mit der für viele Leute verwunderlichen Frage „Was ist Dein nächster Schritt?“, und außerdem eine ganze Reihe von Menschen, die bei der Frage stutzen, andere auf sie aufmerksam oder einfach nur der Schiffe wegen schimpfen. Die Frau bringt nichts aus der Ruhe. Im gleichen ruhigen Tempo geht sie jeden Schritt bewusst, jede Bewegung ist klar gesetzt, ihre Handlung ist konzentriert und doch bekommt sie genau mit, was um sie herum passiert. Wahrnehmend, jedoch nicht reagierend, zeichnet sie einen Kontrast zum umtriebigen Borsigplatz.

Eines scheint den Umtriebigen, die die Frau wahrnehmen, gemein: Sie halten kurz inne. Ein Moment des Wunderns, ein Moment der Irritation, ein Moment des sich Aufregens über Dinge, die nicht da sein dürfen, weil man sie nicht versteht oder weil man eben schlechte Laune hat und nicht um den Teppich herumlaufen möchte. Was auch immer es ist, für einen klitzekleinen und bei manchen auch einen etwas größeren Moment lang wird der Alltagstrott, die Standardeile, das Sinnieren oder Grübeln über wasoderwenweshalbundwielangauchimmer unterbrochen.
Ein roter Teppich mit einer blonden Frau und ein Papierschiff, die sich den Raum nehmen, den Leuten ungefragt und frech einen Moment stehlen, sie zum Innehalten zwingen; die eine Reaktion, eine Positionierung einfordern.

So kann man einen Mann beobachten, der ein Schiff vom Boden aufhebt, liest und es schließlich auf das Aktionsschild der Pizzeria steckt. „Was ist Dein nächster Schritt?“ steckt nun auf Pizza Fungi und Spaghetti Carbonara. Dieser Passant berichtet, dass er nach Hause geht. Nicht am Borsigplatz sei das, aber er gehe zu Fuß.

Koffer werden über die Teppichrolle gehoben, Fahrräder drumherum bugsiert, große Schritte darüber gemacht und auch mal ein Kopf eingezogen, als der Teppich in der Luft gedreht wird. Den Teppich betritt außer der Frau niemand.

Ein Radfahrer nutzt die Schiffchen als Einladung für einen Slalom.

Gleich danach schnuppert ein großer Hund an einem Schiff, dann am nächsten und schnappt schließlich ein drittes, um es im Maul bis zur Frau mit dem Teppich zu tragen und es ihr zurückzubringen. Das hast Du fein gemacht!

Zwei Passanten:

„Frau – Kopf kaputt!“
„Wie bitte?“
„Frau – Kopf kaputt, Kopf kaputt!“
„Nein, ich glaube nicht.“
Langes ungläubiges Hinterherstarren, schließlich: „Kopf kaputt. Krank, oder?“
„Ich glaube, es geht ihr ganz gut.“
Weiter ungläubiges Starren, schließlich: „Kriegt die Geld dafür? Geld? Geld?“
„Keine Sorge, ich glaube schon!“
„Krank … krank …“
Weiteres Starren, Kopf schütteln, Prutteln in einer unbekannten Sprache.

Eine Geschäftsfrau kommt aus ihrem Laden, schaut der Frau hinterher, lächelt, spricht mit einem Mann. Beide betrachten das ruhige und stete Treiben der Frau – eine ganze Weile stehen sie da, reden leise, lächeln. Als der Geschäftsfrau kalt wird, kehrt sie in ihren Laden zurück, der Mann geht weiter.

Die Frau wird angesprochen, doch sie reagiert nicht.

„Was machst Du da?“

„Verstehst Du kein Deutsch?“

„Welche Sprache sprichst Du?“

„Englisch vielleicht?“

„Do you speak English?“

„Hello?“

„Verstehst Du nichts?“

„Welche Sprache sprichst Du denn?“

Die Frau spricht mit den Augen und mit ihrem Körper. Doch das Lächeln, das sie für den Fragenden übrig hat, scheint er nicht zu verstehen, gibt er doch nach einer Weile frustriert auf und scheint etwas verärgert, ob der Unfreundlichkeit, keine verbale Antwort erhalten zu haben.

Ein Pärchen nimmt sich ein Schiff, liest und legt es auf einer Bank ab, schauen der Frau noch mal kurz zu und gehen dann weiter.

Während die Frau in gleichbleibender Ruhe den Zebrastreifen überquert, schauen sich zwei Frauen an, die Augen verdrehend; sie müssen in ihrem Auto nun warten, bis die Meditations-Gebetsmixtur auf dem Teppich ein Ende findet. Dennoch scheinen sie die ungewöhnliche Zwangspause mit Fassung zu tragen und achten bei der Weiterfahrt durchaus darauf, dass das Schiffchen nicht zu Schaden kommt.
Während sich die beiden Damen im Auto vorbeigequetscht haben, bleibt die Folge-Autoinsassin stehen, betrachtet das Geschehen mit großem Interesse, lässt die Scheibe runter zum Gespräch und die Autos hinter sich Autos sein. „Macht ihr so was öfter? Wo kann man mehr von euch sehen? Was steht auf den Schiffchen?“ – „Was ist Dein nächster Schritt?“ – Hm, schwierige Frage, die sich so am Zebrastreifen wartend eben mal nicht so leicht beantworten lässt!
Sie wartet noch, bis das Schiffchen auf dem Zebrastreifen fotografiert wurde, fährt dann ganz, ganz langsam um die Kurve und schaut dabei noch dem Treiben der Frau nach.

Ein Handwerker in weißem Overall kommt aus einem leerstehenden Laden. Er ruft: „Manuela, schau mal“. Eine Frau im Friseurladen schiebt einen Vorhang zur Seite und betrachtet eine Frau im Mantel, nickt, lächelt ihr zu. Der Handwerker gibt Handzeichen. Das sei nicht, weswegen er sie gerufen habe und nickt mit dem Kopf nach rechts, schließlich entdeckt sie die Frau auf dem roten Teppich. Die Frau im Mantel muss zur Seite gehen, da ein kleiner Laster in den mit Farbeimern abgesteckten Parkbereich einbiegen möchte. Die Frau steht noch immer lächelnd am Fenster ihres Friseurladens, der Handwerker filmt mit seinem Handy.

Zwei Kinder kommen mit ihrer Mutter. Sie sehen die Schiffchen, schauen, tanzen um sie herum. Doch die Mutter zieht sie weiter. Die Kinder blicken von Schiffchen zu Schiffchen, mit nach hinten verbogenen Köpfen, bis sie den Borsigplatz verlassen.

Viele schauen der Frau mit dem Teppich einfach nur hinterher. Gruppen diskutieren lautstark in unterschiedlichen Sprachen. Gleichgültig, jedoch immer mit einem winzigen Irritationsmoment, versuchen manche, das Ungewohnte zu ignorieren.

Die Frau bemerkt, wie die Autofahrer und Beifahrer sie betrachten.

Um 17.06 Uhr kehrt die Frau zum Ausgangspunkt zurück, rollt vielleicht zum 60. Mal ihren Teppich ein, schultert ihn, biegt in die Oesterholzstraße ein und ist verschwunden.

Was bleibt ist eine Spur aus Papierschiffchen, die niemand mitzunehmen wagt, die getreten, geschupst oder umfahren werden. Manche wurden aufgehoben und woanders positioniert, andere schlicht zertreten, wieder andere wurden vom Wind weggetragen. In den seltensten Fällen wurden sie gelesen. Mitgenommen gar nicht.

Einen Tag später sind nur noch ganz vereinzelt Schiffe zu finden. Doch die Frage, die mit ihnen auftauchte, bleibt – präsent oder unterbewusst; die Menschen entscheiden sich aktiv zu einem Schritt oder lassen sich treiben, retrospektiv vielleicht als richtig oder falsch bewertet, vielleicht wird aber auch nie darüber nachgedacht.

„Was ist Dein nächster Schritt?“

Foto: Guido Meincke

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