Foto: Theresa Herzog

Frostige Zeiten: Rheydter Stimmen im Februar

am 18. Februar 2021 | in Allgemein, Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Was bedeutet partizipative künstlerische Projektarbeit in Pandemiezeiten? Was bedeutet es nach einem Projekt wegzugehen? Und was bleibt, wenn man wiederkommt? Mit herzlichem Dank an I., M. und U. (ehemalige Teilnehmende des Projektes Rheydter Resonanzen) für die offenen Gespräche.

Flashback 25. Oktober letzten Jahres: Es ist Finissage, trotz oder gerade wegen Corona in Zeiten in denen so viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens von Heute auf Morgen stillgelegt werden mussten und das Gefühl der Unbeständigkeit Vieles überschattet, war es umso wichtiger zumindest die Möglichkeit zu geben sich (vorerst) voneinander zu verabschieden. Seit Projektbeginn schienen die Corona-Maßnahmen und der für alle noch ungewohnte Klang der Pandemie im Hintergrund den Ton und Takt der Rheydter Resonanzen anzugeben. Da dieser Taktschlag natürlich nicht ignoriert werden konnte, sondern vielmehr als Basslinie mit aufgenommen werden musste, gelang es dem Projekt aber am Ende doch darauf aufbauend ein facettenreiches Stück zu komponieren.

Montag, 8.2.2021: Die beißende Kälte, die gerade meine Hände malträtiert, holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Mein letzter Aufenthalt an diesem Ort ist jetzt bereits über vier Monate her. Die Erinnerung an diesen Tag der Finissage ist allerdings noch überaus präsent. Die Schaufenster des Ladenlokals sind inzwischen von seinen neuen Inhabern befüllt worden, doch alle Lichter sind aus. Ich gehe hinüber zum Atelier unserer Nachbarn und hoffe dort vielleicht T. anzutreffen. Doch die Fenster und Türen sind geschlossen und verhangen. Keine Spur von ihm.

„Ist alles dicht!“, höre ich eine weibliche Stimme hinter mir rufen. Die ältere Dame zieht an mir vorbei, bleibt drei Meter vor mir stehen und blickt mich auffordernd an. Wir kommen direkt ins Gespräch und stellen beide fest, dass wir das schon erschreckend lange nicht mehr hatten – ein Gespräch mit einem „Fremden“. Ist das Zufall oder ist neben der physischen nun zunehmend auch die emotionale Distanz zwischen den Menschen bereits größer geworden? Ich bin dankbar für dieses spontane Gespräch.

Sie kannte unser Projekt bisher nicht, war nie da. Unter dem Schnee wo sie steht luken noch ein paar blaue Pflastersteine hervor. Was bleibt von einem Projekt wie den Rheydter Resonanzen, klingen sie noch nach? Sollten sie nachklingen, oder ist es richtig und sogar besser so, dass an diesem Ort außer ein paar blauen Pflastersteinen nichts mehr an unser Projekt erinnert?

Zeichnung Theresa Herzog

Heute ist M.´s Geburtstag. Wir treffen uns am Marienplatz, holen uns einen heißen Kakao im Backwerk, ihrem liebsten Café, und setzen uns in ein Buswartehäuschen gegenüber der Kirche. Seit man sich wegen Corona nirgends drinnen mehr treffen kann ist diese Bushaltestelle zu dem Ort geworden, wo sie sich ab und an mit einer Freundin trifft. Wenn die Kirche geöffnet ist trinken sie immer sonntags vor dem Kirchgang einen Kaffee zusammen, aber als selbst die Kirchen geschlossen wurden, fand auch dieses Ritual immer seltener statt. Sie erzählt, dass sie die aktuelle Zeit einfach so einsam mache. „Morgens gehe ich ein paar Stunden arbeiten und danach muss ich wieder in meine Einzelzelle. Ich fühle mich wie im offenen Vollzug.“
Als ich sie frage, was sie sich wünscht, erzählt sie mir, dass sie ja überhaupt nicht viel brauche, aber sie möchte ihre Kollegin einfach fragen können, ob sie nach der Arbeit noch einen Kaffee trinken. Und sie möchte ihre Familie, ihre Kinder nach all den Monaten endlich wiedersehen. „Ich bin so viel allein.“, sagt sie.
Und sie will nicht immer nur von Krankheit sprechen und davon, was alles schlecht ist, aber seit Corona gibt es irgendwie nicht viel Anderes. Überall scheinen Ängste und Depressionen wieder mehr geworden zu sein. Die ganzen über Jahre hart erarbeiteten Strukturen einfach weg.
Die Freunde fehlen. Alles ist zu. Selbst die Kirche war so lange zu. Die Weihnachtstage seien ihr vorgekommen wie vier Monate.
Wir sitzen lange in dieser Bushaltestelle und M. erzählt von guten Zeiten und von Groschenromanen. Sie liest sie so gerne, trotz oder gerade weil sie irgendwie alle gleich aufgebaut seien und man das Ende meistens ohnehin schon kennen würde. Wir fragen uns, ob das vielleicht auch das Problem der jetzigen Zeit ist: Seit Monaten leben wir mit neuen Verboten und Regeln, aber wir wissen nicht wo das hinführt und wie das Ende aussieht. „Irgendwie gibt es kein Licht am Ende des Tunnels.“, sagt sie.

M. kam jede Woche in unser Ladenlokal, immer samstags. Als ich sie frage, ob etwas von dem Projekt geblieben sei, schweift ihr Blick ab in Richtung der mit Schneematsch bedeckten Straße. „Die ganzen Kinder mit denen wir auf der Straße gemalt haben und vor allem diese drehende, strahlende Lampe und wie Angela mit uns gesprochen hat…“, fängt sie an zu erzählen. Sie berichtet, dass sie sich in dem Workshop von der Künstlerin Angela Ljiljanić direkt gesehen und verstanden gefühlt hat, obwohl sie ja im Grunde nur über dieses Licht, die Dreammachine, gesprochen hätten. Überhaupt sei das Ladenlokal einfach immer eine Anlaufstelle gewesen, zu der man hinkommen und sich austauschen konnte oder nicht, aber sie war eben da. „Das hat mir einfach so gutgetan.“, sagt M. und nimmt noch einen Zug von ihrer Zigarette.

Zeichnung Theresa Herzog

„Mehr Action!“, sagt U. ganz keck als ich sie frage, was sie sich wünscht nach diesen ganzen, viel zu langen Monaten in denen immer wieder und nach und nach all die Veranstaltungen, Begegnungsstätten und Gruppen an denen sie sonst immer teilnimmt geschlossen und abgesagt werden mussten. U. ist eine sehr aktive Dame, die sofern nichts im Wege stand an fast allen Workshops der Rheydter Resonanzen teilgenommen hatte. In ihrer Wohnung hängen heute einige Erinnerungsstücke: Eine der Rheydter Collagen, ein Bild vom großformatigen Malen mit Haushaltsgegenständen und einige der digitalen, abstrakten Arbeiten als Foto.
Auch sie erzählt von dieser nun fehlenden Sicherheit diese „Anlaufstellen“ zu haben, wo man einfach hingehen konnte. Besonders auffällig war für sie an diesem Projekt der Resonanzen, dass sie bei vielen von den Workshop-Angeboten zunächst überhaupt nicht verstanden hätte, warum sie das jetzt machen sollte. Warum mit einer Klobürste am Stock malen oder auf Pfannen und Waschtrommeln einschlagen? Aber irgendwie war es dann doch oft nicht nur eine Herausforderung, sondern ein Erlebnis. Und besonders das künstlerische Arbeiten am IPad hätte sie schwer beeindruckt. Da habe sie so richtig gemerkt, dass sie einfach mal machen könne, einfach ausprobieren und es hat keine schwerwiegenden Auswirkungen auf Irgendetwas oder Irgendwen.
U. erzählt mir noch etwas. Obwohl sie im Grunde kein großes Problem damit habe so viel allein zu sein, fühle sich das Alleinsein in diesen Zeiten doch irgendwie einsamer an. Ausgerechnet in dieser verunsichernden Zeit brauche man jemanden oder etwas, der einen spüren lässt, dass man da ist. „Wie soll man das sonst spüren, in einer Zeit in der alles dicht ist und man einander nicht begegnen kann?“, fragt sie.

Draußen fliegt die schneebedeckte Landschaft an mir vorbei. Gegen den düsteren, dunkelblauen Himmel strahlt sie hell. Es ist so kalt dort draußen. Ich bin auf dem Weg zurück in meine warme Wohnung nach Köln. Da draußen sind gerade so viele Menschen, die alleine sind und die es sich zuhause nicht gemütlich machen können. Alle äußeren Umstände scheinen grad vorrangig daran zu arbeiten, dass dies so bleibt oder sogar noch schlimmer wird. Es gibt im Moment keinen „normalen“ Arbeitsalltag mehr, es gibt keinen „normalen“ sozialen Umgang mehr. Oder?

Müsste eine Gesellschaft nicht ausgerechnet in solchen Zeiten, die zudem so leicht von Angst dominiert werden, vor allem darauf achten, dass wir nicht auch unser Gemeinschaftsgefühl verlieren? Müsste nicht alles darangesetzt werden, dass nicht die physische Distanz, sondern die zwischenmenschliche Nähe uns durch diese turbulenten Zeiten navigiert?
Bei den „Rheydter Resonanzen“ war es wichtig, ausgerechnet in dieser Zeit vor Ort zu sein, physisch, künstlerisch präsent zu sein und eben jenen Menschen, auch wenn es nicht Hunderte waren, eben jenen einzelnen Personen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, dass es immer noch die Möglichkeit gibt gemeinsam über Kunst Welt zu betrachten und in eine Austausch miteinander zu treten. Und letztlich sind dabei auch die Hygienebestimmungen „egal“, im Sinne davon, dass sie natürlich eingehalten werden müssen, aber sie auch während Workshops eingehalten werden können. Auch wenn es ungewohnt ist, sich nicht direkt nebeneinander zu setzen, einander nicht richtig sehen und berühren zu können – für Teilhabe müssen wir nicht einander die Hand halten. Denn die Kunst bietet so vielseitige, vielschichtige und einzigartige Zugänge Welt zu begreifen und in der Welt zu sein. Dafür stand und steht exemplarisch das Projekt als temporärer Möglichkeitsraum.

Ich muss schmunzeln bei dem Gedanken an die hitzige Diskussion zwischen Musiker Harald „Sack“ Ziegler und M. – darüber, was denn nun „schöne Musik“ sei. Sie waren sich absolut uneinig. Sie kamen bis zum Ende des Tages zu keinem Konsens, aber in einen Austausch über künstlerischen Ausdruck, über Musik und ihre Interpretation, an den sich auch M. noch gut erinnerte. Und sollte es nicht auch genau um solchen Austausch in unserer partizipativen Projektarbeit gehen – insbesondere in Zeiten einer weltweiten Pandemie?

Ob physischer Kontakt möglich ist oder nicht, aber sofern er verboten ist wahrscheinlich umso mehr: Es geht darum, inhaltlich involviert und berührt zu sein. Partizipative Kunstprojekte bieten andere Dimensionen von Nähe. Dabei kann die Kunst als Katalysator dienen, durch den Teilhabe auch zur gegenseitigen Teilgabe werden kann.

Dennoch bleibt die Frage, was davonbleibt. Sind es Fotos in der Wohnung, sind es Erinnerungen, ist es Nichts oder etwas ganz Anderes?

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