Foto: Anne-Katrin Bicher

Hausbesuch Fotobuch: Wenn Kunstvermittlung nicht erst mit der Eröffnung beginnt

am 17. Mai 2018 | in Allgemein, Perspektive Umbruch, Welt im Umbruch | von | mit 0 Kommentaren

„Welt im Umbruch“ eröffnet am 26.5. in Kassel, doch wir sind schon mittendrin im Austausch mit den Kasselerinnen und Kasselern. Seit April reisen wir regelmäßig auf „Hausbesuch“ in die documenta-Stadt. Wen wir dabei besuchen und weshalb Kassel unser diesjähriger Standort ist, erfahren Sie hier.

Zum Abschluss der dreijährigen Trilogie des mobilen Fotobuch-Projektes „Welt im Umbruch“ fiel die Wahl auf den Standort Kassel. Die Stadt ist seit 1959 vor allem bekannt als Austragungsort der documenta, der weltweit größten Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Dass Kassel seit einer Dekade auch alljährlich Anziehungspunkt der internationalen Fotobuchszene ist, hat sich unter den Kasselerinnen und Kasselern bislang dagegen wenig rumgesprochen. Daher freute es uns umso mehr, als im Herbst 2017 das Fotobookfestival Kassel anlässlich seines 10. Jubiläums Interesse an einer Kooperation mit „Welt im Umbruch“ zeigte.

Unsere Erfahrungen an den ersten beiden „Welt im Umbruch“ Standorten Rostock und Duisburg deckten sich mit der Einschätzung des Festivalleiters, Dieter Neubert, dass das Fotobuch als künstlerisches Ausdrucksmittel auch in einer Stadt mit einem Fotobuchfestival einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Für uns ein Grund mehr, gerade deswegen in die Stadt zu gehen und den Austausch über das Fotobuch in erster Linie mit den Menschen, die in Kassel leben, zu suchen und darüber hinaus mit den Teilnehmenden des internationalen Festivals: den Fotografinnen und Fotografen, Verlegerinnen und Gestaltern von Fotobüchern. Bei „Welt im Umbruch“ können in diesem Sommer alle diskutieren, welches Potential das Fotobuch als Erzählform in Zeiten gesellschaftlicher oder individueller Umbrüche für jeden einzelnen haben kann. Und wie mehr Menschen das Fotobuch als Kunstform erfahren können.

Soweit also zu unserer Motivation, die fünf „Welt im Umbruch“-Schiffscontainer dieses Jahr in die documenta-Stadt zu bringen, dessen Kulturamt uns in der Kommunikation vor Ort kompetent zur Seite steht. Seit Herbst letzten Jahres bereiten wir uns auf die neue Station vor und sind sehr gespannt, wem wir in Kassel begegnen werden.

Wie werden sich unsere Erfahrungen dort mit denen an den beiden vorherigen beiden Standorten unterscheiden oder ähneln? Welche Themen greifen die Teilnehmenden in ihren Fotobüchern auf, was beschäftigt sie und welche Fotos bringen sie mit? Das sind einige der Fragen, die wir uns am Anfang jeder Planungsphase von „Welt im Umbruch“ stellen. Antworten hierzu finden wir jedoch nicht erst mit Eröffnung der Ausstellung, sondern kommen darüber schon einige Monate zuvor mit den Kasseler Bürgerinnen ins Gespräch.

Den geeigneten Rahmen für den ersten Kontakt bieten dabei unsere „Hausbesuche“. Sie sind ein Angebot an interessierte Organisationen aus dem Bereich Soziales, Bildung, Kunst und Kultur, das Programm von „Welt im Umbruch“ und die ersten Fotobücher während eines persönlichen Besuches von uns näher kennenzulernen. Im Gepäck haben wir dann statt des Arztkoffers einen Rollkoffer voller Fotobücher, „Dummies“ (Fotobuch-Unikate, die in den Workshops entstanden sind), Programmflyer und seit Neuestem unseren Film-Trailer der das „Warum“, „Was“ und „Wie“ von „Welt im Umbruch“ von A-Z anschaulich macht.

Jeder Hausbesuch ist anders: Manchmal tauchen wir tief ein in die Welt der mitgebrachten Fotobücher oder beginnen bereits über Themen für neue „Dummies“ mit den Gastgeberinnen zu sprechen. Oder wir scrollen uns schon durch die Smartphone-Fotoordner von Gruppen, die an der Teilnahme an einem Fotobuch-Workshop interessiert sind. Das sind mal ältere Menschen, mal Junge, mal Alteingesessene, mal frisch Zugewanderte, mal Familien, mal Hundebesitzer, mal Arbeitssuchende und ab und zu auch Hobbyfotografinnen.

Anfang April waren Markus Schaden, Kurator und Direktor des PhotoBookMuseum, und ich unterwegs zu den ersten Hausbesuchen in Kassel. Der Frauentreff Brückenhof empfing uns herzlich im 5. Stock eines gefühlt zehnstöckigen Hochhauses. Die Brückenhofsiedlung ist eine große Neubausiedlung aus den 1960er und 1970er Jahren: Hochhaus an Hochhaus, mal in die Länge gezogen, dann bis zu 44 Metern in die Höhe gebaut, reihen sich aneinander. Dazwischen wächst viel Grün und es ziehen sich lange Gehwege. Seit 25 Jahren engagieren sich in der Siedlung Frauen haupt- und ehrenamtlich im Frauentreff Brückenhof, einem Verein zur Förderung stadtteilbezogener Frauenbildung. Etwa 15 dieser Frauen sind heute auf Einladung der Koordinatorin Birgit Hengesbach-Knoop zum Hausbesuch gekommen und möchten mehr über die Angebote von „Welt im Umbruch“ erfahren. Wir spüren gleich die Energie und das Interesse im Raum: „Wie können unsere Frauen mitmachen?“ (…) „Endlich mal kein Kochprojekt!“ (…) „Die Kinderbetreuung ist für die viele natürlich eine Herausforderung bei zweitägigen Workshops, aber wir bekommen das hin!“

Mitarbeiterinnen Olga Lebedeva, Hodan Mohamed, Julia Herrspiegel, Janine Volkhausen (v. links)des „Frauentreff Brückenhof“, Foto: Anne-Katrin Bicher

Fotobücher aus der Ausstellung, Andrea Diefenbachs „Land ohne Eltern“ und Yves Gellies„HumanVersion“ zirkulieren um den Tisch, ebenso wie einige Fotobuch-Dummies. In unserem Austausch über die Allgegenwart der Fotografie, die persönlichen Foto-Archive, die jeder auf dem Smartphone mit sich trägt, die privaten wie globalen Umbrüche, gepaart mit den Informationen über das diesjährige Programmangebot und dem Projekt-Trailer nimmt „Welt im Umbruch“ Gestalt an. Die Frauen meinen, es sei nun klarer, was ein „mobiles Fotobuch-Projekt“ sein kann und sind sich sicher, dass sich die verschiedensten Anwohnenden aus dem Stadtteil mit rund 52 Nationalitäten dafür interessieren werden. Die Koordinatorin des Familientreffs reserviert gleich zwölf Plätze im Kinder-Workshop. Ein paar Tage später erreicht uns die Anmeldung von zehn Frauen aus Brückenhof. Der Funke ist übergesprungen und wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit im Sommer!

Wieder in der Innenstadt gehe ich als nächstes ins „Malala“, ein offener Treff für Mädchen bis 25 Jahre. Diese Zweigstelle des Mädchenhauses Kassel macht die unterschiedlichsten Angebote für junge Frauen in Kassel: von der Hausaufgabenhilfe, über Mädchenfußball zum allwöchentlichen „Young and Queer“ Abend. Wieder haben sich viele Frauen und Mädchen an diesem Spätnachmittag Zeit genommen, sich mit mir über „Welt im Umbruch“ zu unterhalten. Das Interesse ist groß. Sie werden es weitererzählen und ich bekomme eine Einladung, noch einmal wieder zu kommen. Die nehme ich gern an und bin schon jetzt gespannt, wen ich vor der documenta-Halle im Mai wiedersehen werde. Vom „Malala“ bis zur Halle ist es nur ein Katzensprung.  

Unser Tag endet mit einem Besuch im Kasseler Kunstverein. Markus Schaden wartet dort schon auf mich, gemeinsam mit Andrea Schulze-Wilmert vom Vereinsvorstand. Die Ausstellung hat bereits geschlossen, aber wir bekommen dennoch einen Einblick in die Räume, erfahren etwas über die aktuell gezeigten Ausstellung „UNLUST PRINZIP“ und stoßen auf viel Lust und Begeisterung für die Kunstvermittlung im Kasseler Kunstverein. Die fast ausschließlich ehrenamtlich engagierten Vorstands-Mitglieder des Vereins sind auch in diesem Feld engagiert. So wurde 2016 das „Discovery-Team“ ins Leben gerufen, ein Kunst- und Kulturvermittlungsangebot für geflüchtete und einheimische Kinder und Jugendliche. aAußerdem ist am 17. Mai die aktuelle Ausstellung im wahrsten Sinne „Anlaufstation“ des öffentlichen Angebotes „When Sport meets Art“, bei dem man sich nicht entscheiden muss zwischen Fitness oder Kunst. Beides gibt es gratis und unter freiem Himmel. „Wie bei „Welt im Umbruch““, denke ich und freue mich auf den Fotobuch-Sommer in Kassel.

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