Resonanzschale. Foto: Teresa Grünhage

Im Raum der Stille – Der Lärm der Zeit

am 27. November 2019 | in Allgemein, Neuland, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Am 15.11.2019 wurde der „Raum der Stille“ der LVR-Klinik Mönchengladbach eröffnet, dessen künstlerische Einrichtung durch die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft gemeinsam mit Patient*innen der LVR-Klinik Mönchengladbach erfolgte. Ruth Gilberger, Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft hielt folgende Eröffnungsrede:

Eigentlich sollten im Raum der Stille keine Reden geschwungen werden, sondern er fordert geradezu auf, innezuhalten und zu hören: auf den Raum, auf sich selbst und auf die anderen.

Als ich von dem Pflegedirektor Jochen Möller gefragt wurde, ob ich mir den Raum anschauen könnte, war ich mit meiner Künstlerkollegin Stefanie Klingemann hier. Wir beiden fühlten: dem Raum fehlt eine Mitte, die eine Einladung zum Miteinander gestattet – zum Mitsichselbstsein und zum Mitanderensein.

Raum der Stille. Foto: Ruth Gilberger

In meiner Doppelrolle als Künstlerin und Vorständin einer Kunststiftung, die Teilhabe an Kunst und Kultur für alle einfordert, begann es in mir zu arbeiten, ohne dass es einen konkreten Auftrag gab. Zuerst realisierten wir das große partizipative Projekt „Landschaffen“ im Park der Klinik mit Patientinnen und Patienten und alle Interessierten – eine sehr gemeinschaftliche Erfahrung, die mich mit dem Klinikalltag, den Menschen dort und mit ihren Geschichten, die auch immer Geschichten unserer Gesellschaft sind, sehr verbunden haben.

Und wie so häufig geschehen die Inspirationen nicht am Schreibtisch und nicht auf Knopfdruck, sondern in Zeiten der Muße (oder auch der Langeweile), weil nur hier, in diesen Zwischenzeiten, es Freiräume gibt für Kreativität oder einen Imperativ. In Südengland war ich in kleinen Kirchen von Sitzkissen fasziniert, die erstaunliche Motive trugen: Weinflaschen, ein Golfloch mit Flagge, Gartengeräte aber auch Tiere, Blumen und Ornamente in allen handwerklichen Qualitäten. Ich folgerte: die Menschen in den Kirchen haben sich ihre Kissen mit dem gestaltet, was ihnen im Leben wichtig zu sein scheint oder ist – und so erzählten die Kissen auf ihre Weise viel über diejenigen, die sie im wahrsten Sinne besitzen. In Marrakesch fand ich dann sehr schöne Bodengestaltungen, die in ihrer abstrakten Ornamentik immer in der Mitte von einem Brunnen gehalten waren (und ich hörte auch, dass die ursprüngliche Gestaltung des Raumes der Stille auch ein Mosaik vorsah). Von den Schalen des Brunnens ging es zu den Messingschalen in den Souks und ich begann darüber nachzudenken, eine Schüssel mitzunehmen und abzuformen mit Papier – einer Technik, mit der ich jahrelang Dinge in Skulpturen transformiert habe. Eines Abends standen wir auf dem Balkon, wir hörten dem Muezzin zu und plötzlich sah ich, welche Schüssel ich als Form benutzen wollte: sie hingen überall an den Balkons und den Dächern in allen Größen: Satellitenschüsseln, die ja die Funktion haben, Signale zu bündeln und weiterzugeben.

Mitten in Marrakesch wusste ich plötzlich, was ich gerne dem Raum der Stille mitgeben wollte: Eine Resonanzschale in der Mitte, die sowohl empfängt wie auch sendet und in der sich alle Gedanken und Gefühle sammeln können und auch wieder ausströmen. Und bestickte Sitzkissen, die dazu einladen sollen, sich niederzulassen und es im wahrsten Sinne des Wortes „nicht so hart“ zu haben.

Mir war klar, dass ich das nicht alleine gestalten möchte, sondern mit Patientinnen und Patienten der Klinik – den sie werden diejenigen sein, für die dieser Raum gedacht ist. Und ich wusste, dass ich Hilfe brauche: ich kann weder sticken noch nähen, d.h. ich kann auch keinem sagen wie es gehen soll.

Wunderbarerweise fand ich die Unterstützung die das Projekt brauchte und die möchte ich namentlich nennen: meine Kolleginnen Teresa Grünhage und Stefanie Klingemann, Dorothea Koecken für die Assistenz und die ersten Kissen, bevor das Projekt wirklich begann, Luisa Verbocket für das Nähen der Kissen und Rosa Schneider für die konstante Mitarbeit im Projekt. Ebenso der Ergotherapie für die Geduld, dass die Abformung der Schüssel viel länger dauerte als erwartet und auch die Stickstube Ressourcen geschluckt hat. Jochen Möller danke ich für das Vertrauen, das er persönlich meinem Vorhaben entgegengebracht hat und dem Ethikforum ebenfalls, die auch einstimmig sagten: mach mal – wir vertrauen dir und der Kunst.

Sitzkissen von R.S. Foto: Teresa Grünhage

Die Ergebnisse sehen Sie hier an den Wänden und auf dem Boden und es gibt gleich noch Zeit und eine kleine künstlerische Intervention, um sie einzuweihen: diese künstlerische Raumgestaltung lädt zur Benutzung ein, sie ist variabel und individuell gestaltbar und vor allem: sie gehört Ihnen!

Ich möchte schließen mit einem kleinen Zitat aus dem Buch „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes, der das wie folgt beschreibt:

„Kunst gehört allen und niemanden. Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit.

Kunst gehört denen, die sie erschaffen, und denen, die sie genießen.

Kunst gehört ebensowenig dem Volk wie der Partei, wie sie einst dem Adel und den Mäzenen gehört hatte.

Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.

Kunst existiert nicht um der Kunst willen.

Sie existiert um der Menschen willen.

Aber um welchen Menschen willen und wer bestimmt das?“

Das bestimmen in Zukunft Sie alle. Ich danke Ihnen.

Klang Performance. Foto: Teresa Grünhage

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