Fotos: Reinhard Schneider

Atelierbesuch – die MG_Artfriends und Gäste bei Christiane Behr in Mönchengladbach

am 23. Oktober 2019 | in Neuland, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Die MG_Artfriends des Museumsvereins Mönchengladbach richten sich mit ihren Angeboten speziell an junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren, die sich mit ihrer Neugier auf Kunst und Kultur im Museumsverein organisieren möchten. Mit unterschiedlichen Veranstaltungen öffnen sie einen Raum für kulturelle Teilhabe und Begegnung – so wie am Donnerstag Christiane Behr, eine der eingeladenen Künstlerinnen des Projektes „Neuland“, die in ihrem Atelier über ihr auf der Hauptstraße realisiertes Projekt „Neuform“ berichtete und zur Diskussion einlud. Eine Aufzeichnung von Ruth Gilberger.

Christiane Behr im Atelier vor ihrer Fotodokumentation. Foto: Melanie Söllner, MG_Artfriends

Guten Abend, schön dass heute so viele Leute da sind, das freut mich sehr.

Ich würde gerne über mein Projekt berichten, „Neuform“, das im Rahmen des von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft initiierten Projektes „Neuland“ auf der Hauptstraße in Rheydt stattfand. Einige von euch waren ja vor Ort. Dies war im wahrsten Sinne „Neuland“ für mich: mich im öffentlichen Raum integrativ und partizipativ mit meiner Kunst zu bewegen.

Wie ich dazu gekommen bin? Ich wurde der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft von zwei Seiten vorschlagen – vom Kulturbüro und über Barbara Schwinges vom Quartiersmanagement Rheydt.

So haben wir uns zusammengesetzt und den Vorschlag entwickelt, ausgehend von meinen Raum- und Wandinstallationen eine solche im öffentlichen Raum zu gestalten. Als Material wurde schnell klar, dass es sich um ein Recyclingprodukt handeln sollte. Verarbeite ich doch schon seit Ende meines Studiums Recycling-Materialien – erst aus praktisch-monetären Gründen, aber auch aus Gründen der Lagerung und des Handlings. Meine früheren Arbeiten aus Wachs waren aufwendig und schwer. Auf der Suche nach neuen Materialien stieß ich auf die Firma Stopps, die auch im Museumsverein engagiert ist und die ein Recyclingunternehmen besitzt. Wunderbarerweise bin ich auf einen Werkstoff gestoßen, den ich schon in früheren Arbeiten benutzt habe: nämlich Styropor.

Fotos: Reinhard Schneider

Über einen Sammler, der bei Remondis tätig ist, bin ich dann in Bochum an einen ganzen Wagen massiver Styroporplatten gekommen, die ich mit meinem Mann in einem großen Transporter abgeholt habe. Die Styroporplatten waren dabei schon an sich sehr spannend: nicht nur von ihrer Materialität, sondern hinsichtlich ihrer Benutzungsspuren wie Teer, Fußspuren, Einritzungen, Abbrüche, die von einem Vor- und Eigenleben der Platten zeugten.

Trotz der Entwürfe von mir, die dann folgten, war das eigentlich Interessante an dem Projekt, dass es total ergebnisoffen war – und das betraf nicht nur mein Projekt, sondern auch euren Teppich, der ja aus mitgebrachten Materialien verwoben wurde. Ihr wusstet ja nicht, wieviele  Menschen welche Stoffmengen bringen und ob sie dann auch mitmachen.

Meine ganzen ursprünglichen Fassadenentwürfe waren von vielen Änderungen betroffen, weil meine ursprünglichen Planungen doch nicht so einfach durchzuführen waren aus vielerlei Gründen. Doch dann ergab sich das Angebot über die Wirtschaftsförderung, die relativ beschädigten Außenvitrinen an dem Gebäude an der Ecke der Hauptstraße, in dem auch die Rollbrettonion ist, zu nutzen. Das fand ich dann nicht nur für meine Arbeit ziemlich spannend, sondern auch hinsichtlich der Idee der Stiftung, dass alle vor Ort entstanden Arbeiten miteinander in Beziehung gebracht werden sollten. Der Teppich, der von Teilnehmenden aus mitgebrachten Textilien gewebt wurde und sich dann im Laufe des Projektes in den öffentlichen Raum quer über die Hauptstraße ergoß, war dabei ein zentraler Punkt, an dem man sich einbringen konnte.

Fotos: Christiane Behr

Richtig in das Projekt hineingeschnuppert habe ich dann durch die Teilnahme an dem Tape-Workshop des Essener Künstlers Tim Cierpiszewki, der mit weißem Klebeband ein abstraktes Muster mit verschiedenen Teilnehmenden auf dem Pflaster der Hauptstraße und auch darüber hinaus verklebte: sozusagen Tape Art als Straßenmalerei. Hier habe ich versucht, durch Mitmachen mich in das Muster und in die Arbeit mit den Menschen vor Ort einzufühlen.

Die Gestaltung der Eingangstür der Rollbrettunion mit Tapeart zu einer weißen Fläche war zwar ein gelungener künstlerische Eingriff, aber wir mussten ihn dann doch abends wieder auf Anweisung des Ordnungsamtes entfernen – es gab nur eine Genehmigung für den Boden, nicht für die angrenzenden Fassaden. Deshalb durfte ich für meine Arbeit auch nicht die Fassade benutzen, sondern nur die Vitrinen, zu denen dann eine weiße Markierung aus Klebeband hinführte, die ich mit Tim abgesprochen, hatte ebenso wie Markierungen, in die ich dann die Platten einfügen wollte. Das hat schon ganz gut zusammengepasst und veränderte auch meine Ursprungsidee, eigentlich mit den Teilnehmenden (Passanten, Anwohnende, Kinder und Jugendliche von der Hauptstraße und Zufallsinteressierte), die Styroporplatten farbig zu gestalten und dann fest an einer Fassade zu montieren.

So entstand die Idee, die Styproporblöcke mobil zu nutzen und in den Tape-Teppich von Tim zu integrieren, allerdings nur durch Auflage und nicht von vorneherein als Gemeinschaftsarbeit. Vielmehr kristallisierte sich durch die Arbeit auf der Straße heraus, dass sich die geometrischen Blöcke sehr gut in einem bestimmten Rhythmus auf der Hauptstraße verteilen ließen. Auch verteilten die Anwohnenden dann die Platten wieder neu und damit war die Hauptstraße gesperrt – Rettungsweg für die Feuerwehr natürlich ausgenommen.

Was mich sehr gefreut hat, war die rege Teilnahme der unterschiedlichsten Menschen – auch der angrenzenden öffentlichen Plätze. Und es war erstaunlich, welch verborgene künstlerische Talente dabei zutage traten.

Gestapelte gestaltete Styroporblöcke im Atelier. Foto: Ruth Gilberger

Am Blumensonntag, dem 8. September 2019 war dann das große Finale: Der Teppich wurde ausgerollt, alle Styropor-Module ausgelegt und alle Exponate vorgestellt – die Hauptstraße wurde zu einem großen künstlerischen Ort, der für viel Aufsehen und positive Resonanz sorgte.

Auch der Abbau gestaltete sich anders als erwartet: Wir transportierten die Platten einfach auf dem Auto meines Mannes und mussten zur Freude von vielen Anwohnenden der Hauptstraße mehrfach hin- und herfahren, denen solche undogmatischen Transportunternehmen nicht fremd sind und die sehr amüsiert zusahen.

Die Erfahrungen aus diesem Projekt haben mich sehr motiviert, weitere Projekte im öffentlichen Raum zu realisieren. Dabei hat mich besonders die Modularität und Beweglichkeit der Styropormodule begeistert, die sehr monumental-skulptural sind, wenn man sie aufeinanderschichtet. Ich habe sie natürlich nicht allein gestaltet, sondern mit den Teilnehmenden zusammen. Und auch wenn man so die Einzelbeiträge nicht sieht – sie bleiben trotzdem räumlich flexibel und können auch in anderen räumlichen Situationen gezeigt werden. Hier zeigt sich ein Grundprinzip meiner künstlerischen Arbeit: meine Arbeiten, sowohl die kleineren wie die großen, sind für die Wand konzipiert, passen sich aber den unterschiedlichen räumlichen Situationen an – damit möchte ich im öffentlichen Raum gerne weiterarbeiten.

Aber was mich auch getragen hat und wofür ich mich bedanken möchte, ist das Vertrauen der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, einen ergebnisoffenen künstlerischen Prozess zu ermöglichen und den Freiraum zu bieten, mit der eigenen Arbeit „Neuland“ zu betreten.

 

 

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