Foto: Ruth Gilberger

Landschaffen – ein Kunstprojekt zum Mitgestalten mit sieben Tonnen Ton

am 23. August 2018 | in Landschaffen, Perspektive Umbruch | von | mit 0 Kommentaren

Zum Konzept des Projektes. Von Ruth Gilberger

Haben Sie gerade ein Deja-vu der besonderen Art:  sieben Tonnen Ton in einer psychiatrischen Klinik? Gab es ein solches Projekt der Stiftung nicht schon einmal  –  nur woanders?

Von der „Mitmachstadt“ zu „Landschaffen“: Weiterentwicklung eines Konzeptes

Foto: Eberhard Weible

Bei der „Mitmachstadt“ handelt es sich ursprünglich um ein Konzept der Gruppe Leutwerk aus den 1980er-Jahren, das sich explizit künstlerisch und politisch mit einer demokratischen Stadtentwicklung und -gestaltung auseinandersetzte und das von der UDK Berlin im Rahmen des Studienganges „Kunst im Kontext“ 2015 im Bereich kultureller Bildung wiederbelebt wurde.

Im Jahr 2016 wurde dieses Konzept für die Durchführung des Stiftungsprojektes „Mitmachstadt Düren“ adaptiert und über drei Monate in der Landesklinik Düren umgesetzt. Ziel war es, möglichst viele Menschen (Patientinnen und Patienten, Angehörige, Klinikpersonal, Bürgerinnen und Bürger Dürens) durch die Mitgestaltung einer Stadt aus Ton aktiv einzubeziehen und dadurch die Möglichkeit zu Kommunikation und Austausch, sowie die Öffnung des Ortes hin zu den Menschen zu erreichen. Während der Realisation des Projektes mit ca. 500 Besuchenden (meistens Patienten der Klinik) entstand so eine individuelle und gemeinschaftliche Gestaltung einer (sur)realen (Stadt)landschaft, wobei (politische) Aspekte von Architektur und Stadtentwicklung in den Hintergrund traten So entstand der Titel des jetzigen Projektes, der sich wiederum auf das Konzept des Projektes bezieht: Land – schaffen, d.h. Welt gestalten.

Landschaffen: Eine plastische Versuchsanordnung

Landschaffen ist dabei weniger im Sinne einer Geste der Vereinnahmung (Landscaping als Inbesitznahme von Landschaft) zu verstehen, sondern eher in einer Aufforderung zur kreativen, d.h. gestalt-gebenden Handlung. Damit enthält Landschaffen einen menschheitsimmanenten Handlungsimpuls zur Umwandlung von Natur in Kultur (mit allen möglichen Nebenwirkungen und Auswirkungen) – Landschaffen wirkt in jedem Fall als transformatorischer Prozess, der nicht nur den Raum, sondern auch die Raumgestaltenden verändert. Insofern ist der Begriff „Landschaffen“ kein rein ästhetischer, sondern auch ein politischer, spiegelt er doch immer die Gesamtheit einer „gemachten“ Landschaft zwischen Realität und Handlungsmöglichkeiten.

Dazu der Diplom-Geograf Prof. Dr. Gerhard Stiens in seinem Buch „Gegen den Verfall lebensweltlicher Landschaften“, 2009 (S. 321):

„Ästhetisch sind Natur und Landschaft nur als „Empfindungsraum“ wahrnehmbar, nur vom „Leibstandpunkt eines Subjekts“ her zugänglich. Landschaft hat – schon als Landschaftsbild – KEINE festlegbare Gestalt, obwohl erlebte Landschaft selbstverständlich durch materielle Dinge ausgewiesen ist, die aus dem Bereich der Natur und der kulturellen Artefakte stammen….

Zu den Naturdingen kommen im Landschaftserleben aber außerdem die sogenannten „Halbdinge“, die – etwas in Form von Wind, Licht, Wärme, Nebel etc. zu einer lebendigen Wechselhaftigkeit in der Erscheinung der Natur- wie Kultur-Dinge in der Landschaft führen. Die besagten „Halbdinge“ unterscheiden sich von den „Naturdingen“ dadurch, dass sie verschwinden und wiederkommen; zum anderen dadurch, dass sie spürbar wirken und betroffen machen, ohne dass sie tatsächlich als Ursache hinter dem Einfluss stehen, den sie ausüben, vielmehr die Wirkung selbst darstellen.

Eingeschrieben in de Landschaften sind immer die Spuren vergangener Zeiten, die von Menschen und deren Sprachen zeugen.“

 

Foto: Ruth Gilberger

Die Besonderheit des Ortes

Die Erfahrungen mit der Durchführung der Mitmachstadt in Düren auf dem Gelände der Landesklinik des LVR zeigten, dass die (historische) Ausgrenzung und Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen den Ort nachhaltig prägen – die Platzierung des Projektes auf dem Gelände der alten Forensik (also der Verwahrung strafunmündiger Täter) war, (obwohl neu inhaltlich gefasst mit dem Werkhaus5), doppelt negativ konnotiert, nicht (einfach) nach außen zur Stadtgesellschaft hin zu öffnen.

Das Konzept der LVR Klinik in Mönchengladbach als einem gemeindenahen psychiatrischen Krankenhaus mit einer historisch gewachsenen flächendeckenden dezentralen Versorgung von Patientinnen und Patienten seit den 70er-Jahren bietet nun mit dem Klinikpark einen offeneren und öffentlichen Raum, an dem alle eingeladen sind, an dem Projekt teilzunehmen und für sich und in Kommunikation mit anderen Freiräume zu öffnen. Ziel des Projektes ist, über die gemeinsame künstlerische Gestaltung im öffentlichen Raum, dem „Landschaffen“, zur Inklusion von Menschen mit psychischer Erkrankung in die Gesellschaft beizutragen.

Teilhabe und Teilgabe

Die offene Konzeption von „Landschaffen“ setzt dabei sowohl auf das Material Ton als dem ältesten plastischen Material der Welt wie auf die spezifischen Fähigkeiten der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, ihre eigene, ganz spezifische Versuchsanordnung realisieren und modifizieren zu können.

Ihre Rolle im Projekt ist dabei vielfältig: Mentor, Begleiterin, Impulsgeber, Initiatorin, Provokateurin, Solist, Kollaborateur… Und die Verantwortung der Stiftung ist die fachliche und menschliche Begleitung des Gesamtprozesses, vielleicht vergleichbar mit einem Dirigenten, der die Qualitäten der einzelnen Instrumente in einen Gesamtklang verwandelt, der durchaus auch Soli und Pausen aufweisen kann.

Dabei ist das Vertrauen in die Selbsttätigkeit des Menschen (d. h. in der Annahme des Anderen als Mündigen), eine intrinsische Motivation, die den meisten künstlerischen Prozessen zugrunde liegt. Und Zeit ist als qualitative Dauer entscheidend: So können Beziehungen (zwischen den Akteuren) entstehen, die Teilhabe sehr umfassend möglich machen: Durch das Teilnehmen gibt der Teilnehmende auch wieder einen sehr spezifischen Teil (seiner Zeit, seiner Kraft, seiner Gestaltung, seiner Kommunikation) in den Gesamtprozess zurück und wird so zum Teilgeber. Damit kann er aktiv Wirklichkeit gestalten und Möglichkeiten gewahr werden, die neue Sichtweisen eröffnen.

Durch das gemeinsame Arbeiten an dem Projekt und in dem Projekt kann eine Gemeinschaftlichkeit entstehen, die durchaus im Sinne von Beuys „sozialer Plastik“ gelesen werden kann.

Und ohne zu viel vorwegzunehmen: Die erste Projektwoche hat genau dies so deutlich gemacht: Kommen Sie und werden Sie Teil!

Foto: Ruth Gilberger

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