Foto: Angelika Sinn

Nach-Klang

am 25. September 2019 | in Allgemein, Neuland, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Wir schreiben in einem öffentlichen Raum, in Rheydt, in der Fußgängerzone, in einem ehemaligen Ladenlokal. Ein Kommen, ein Gehen, immer wieder frage ich nach Namen, stelle mich vor, erkläre, um was es hier geht: Dinge literarisch zum Klingen bringen. Auf der Empore, an einem langen Tisch, direkt neben der Klanginstallation von „sculpturetones“ wollen wir schreibend Neuland entdecken.

Hat jemand einen Gegenstand mitgebracht, der für ihn oder sie eine Bedeutung hat? Niemand? Dann schaut mal in euren Taschen nach, in euren Jacken. Gibt es dort etwas von Bedeutung? Oder etwas, dem wir Bedeutung verleihen können?

Alle werden fündig. Maja hat ihre rosafarbene Tasche dabei, die sie von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Lotta trägt ein Geschenk ihrer Freundin, ein Armband, auf dem ihr Name steht. Hermann-Joseph zeigt uns ein Allround-Werkzeug, das er von seinem verstorbenen Bruder erhalten hat. Und Doro hat eine kleine Stoffmaus vor sich liegen, die man öffnen kann und aus deren Innerem ein Spielzeug-Tiger aus Plastik und ein blauer Stein zum Vorschein kommen.

Glückssymbole. Talismane. Erinnerungsstücke.

Rupert legt Stifte und Pinsel auf den Tisch, mit denen er noch vor circa einer halben Stunde an Kunst-Plakaten gearbeitet hat. Diese Tätigkeit habe ihm viel bedeutet, sagt er. Luisa hat eine weiße Steppdecke mitgebracht, zerschnitten und in den meterlangen bunten Teppich eingewebt, der im Laufe des Neuland-Projektes entsteht. Nun ist die Decke nicht nur Teil dieses Textilkunstwerkes, sondern bekommt zudem noch in einer Geschichte einen literarischen Nachhall.

Mohammeds Hosentaschen sind leer. Er erzählt uns aber von einem roten T-Shirt, das er als Vierjähriger von seiner Oma geschenkt bekommen hat, zum Abschied, weil er mit seiner Familie den Irak verlassen musste. Das Shirt liegt immer noch in seinem Schrank, sagt er, obwohl es ihm mittlerweile viel zu klein ist.

Jede/r beschreibt seinen Gegenstand, schreibt eine kleine Geschichte dazu oder ein paar lyrische Zeilen. Dann wird getauscht. Die Gegenstände bekommen eine weitere literarische Dimension, erscheinen plötzlich, durch die Augen der anderen gesehen, in einem neuen Licht.

Mich erstaunt die Selbstverständlichkeit, mit der die eine oder der andere einfach loslegt, ohne Scheu anscheinend und recht selbstbewusst. Aber auch Zweifel muss ich immer wieder ausräumen – der Drill der Schule steckt in jeder und jedem, einige haben Angst, Fehler zu machen. Doch bei unserem literarischen Schreiben sind Grammatik und Orthografie zunächst mal nebensächlich, an den Texten kann später noch gefeilt werden.

Literarisches Schreiben ist Kunst! Diesen Satz wiederhole ich oft. Wie beim Malen oder plastischen Gestalten, erkläre ich, geht es um die Bilder, Geschichten und Erinnerungen, die man im Kopf mit sich herum trägt. Die wollen wir Wort für Wort aufs Papier bringen. Und das gelingt!

Einige sind selbst erstaunt über das Ergebnis, wundern sich über ihre poetischen Formulierungen, die wie aus dem Nichts zu kommen scheinen.

Ich freue mich über die Offenheit, mit der manche Teilnehmer/innen über ihre Lebensumstände sprechen. Die persönlichen Gegenstände werden nicht nur zur Inspirationsquelle für eine künstlerisch-literarische Arbeit, sondern auch zum Anlass genommen für Gespräch und Austausch. Zunächst kommt das Erzählen, dann das Schreiben, anschließend das Vorlesen in der Runde.

Noch mehr Dinge werden mitgebracht: ein selbstgefertigtes Kunstobjekt aus Pappmaché, das Foto von einem kleinen weißen Hund, ein geschlossenes Rohr, in dem sich etwas verbirgt, von dem wir nichts wissen dürfen, eine blaue Dose mit Nähnadeln, die schon der Urgroßmutter gehört hat. Und so entstehen immer mehr Texte: narrative, beschreibende, poetische. Jede/r findet in der doch recht kurzen Zeit seine eigene Stimme und bringt damit die Dinge zum Klingen.

Zur Finissage lesen wir ein paar der Texte vor, Rupert präsentiert seine handschriftlich übertragenen Poems auf DinA-3-Blättern, einige Texte der anderen Teilnehmer/innen werden – getippt, gedruckt und aufgehängt – Teil der Klanginstallation und tönen und schwingen so in den Köpfen der Leser/innen weiter.

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