Foto: Stefanie Klingemann

Partizipation für alle!?

am 15. Januar 2018 | in Allgemein | von | mit 0 Kommentaren

Die Künstlerin Stefanie Klingemann untersucht mit ihrer Ausstellung Participation in der „werft5“ in Köln die Möglichkeitsräume von Teilhabe. Da Partizipation als ein Leitprinzip der Stiftungsarbeit gilt, lohnt sich eine Auseinandersetzung mit den Fragen, die hier während der Ausstellung vom 13.12. bis 17.12.2017 aufgeworfen wurden und das Team der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft mit ihrer Expertise bereichern werden: Stefanie Klingemann übernimmt die Elternzeitvertretung von Teresa Grünhage!

Eine festlich gedeckte, lange Tafel ziert das Ausstellungsbild. Porzellan, Wein, Trauben und Nüsse schmücken eine weiße Tischdecke. Am Ende der Tafel ein Buffettisch. Der Titel der Ausstellung: „Stefanie Klingemann – Participation“. Ansonsten lassen sich auf der Webseite der „werft5“ keine weiteren Informationen zu dieser Veranstaltung finden.

Was erwartet mich?

Was wartet auf mich als Besucherin? Handelt es sich um eine Einladung zum Essen? Erwartet mich dieser gedeckte Tisch, werde ich mit der Künstlerin zu Abend essen oder mit anderen Besuchenden gemeinsam speisen?

Ankommen

Die „werft5“ befindet sich direkt am Kölner Rheinufer. Das Eintreten in den Ausstellungsraum erfolgt über einen roten Teppich. Dann die Überraschung, die Ent-täuschung: die Tafel ist zwar tatsächlich Bestandteil der Ausstellung, aber sie ist nicht mehr üppig gedeckt. Sie ist bereits „leer gegessen“, man findet hier nur noch etwa 40 benutzte Teller und dreckiges Besteck, Essensreste, halbleere Weingläser. Die Stühle sind nicht herangeschoben. Man sieht: Hier saß jemand, hat gegessen, getrunken, ist aufgestanden, gegangen.

Der Buffettisch ist nur noch in Form eines Fotos an der Wand zu sehen.

Automatisch stellen sich Gefühle ein: Bin ich vielleicht zu spät gekommen? Habe ich das Essen verpasst? Wo sind die anderen Gäste? Warum bleibt für mich nichts übrig?

Wer macht(e) mit?

Foto: Stefanie Klingemann

„Participation“, der Titel der Ausstellung: Partizipation, Teilhabe, take part. Ist das hier dann nicht ein Widerspruch? Ich kann ja gar nicht mehr teilnehmen. Hier ist etwas passiert und ich als Besucherin war nicht dabei. Auf den zweiten Blick wird mir auch klar, dass der rote, ausgelegte Teppich nicht etwa zum Tisch führt, sondern genau zur gegenüberliegenden Seite, auf der sich ein weiterer Ausgang befindet: welcome to go. Bin ich überhaupt erwünscht? Als Besucherin empfinde ich Unwohlsein, bin konfrontiert mit meiner unerfüllten Erwartung.

„Der Name Participation spielt mit dem Überstrapazieren des Begriffs der Partizipation. Er scheint schon länger ein Trend zu sein. Ich denke, es ist wichtig, ihn auch kritisch zu reflektieren, damit er nicht all zu gefällig wird“, erklärt die Künstlerin Stefanie Klingemann.

Das Abwesende, oder das, was nicht zugänglich ist

So regt das, was man als Besucherin hier eben nicht bekommen hat – ein gemeinsames Mahl und freundliche Gesellschaft – eben genau dazu ein, den Begriff der Partizipation zu hinterfragen. Wie ist das eigentlich, wenn man nicht mitmachen kann, wenn man kein Teil von etwas ist? Wenn gesellschaftliche Strukturen ausgrenzen, wenn strukturell diskriminiert wird, obwohl gleichzeitig die Behauptung gilt, alle Menschen seien gleich und hätten die gleichen Rechte?

Kennen wir das nicht aus den letzten Jahren?

Der öffentliche Diskurs wurde zunächst von der „Willkommenskultur“ geprägt: ein reich gedeckter Tisch, an dem für alle Platz sei. Zunehmend wird dieser Diskurs heute von Forderungen nach einer „Leitkultur“ dominiert, tut mir leid, wenn du dich nicht anpassen kannst oder willst, dann bist du bei uns nicht erwünscht – kein Platz für dich am Tisch. Gerade im Dezember, dem Monat der reich gedeckten Tafel und des Zusammenkommens, entsteht somit gleichzeitig auch ein Raum der Einsamkeit, der Isolation, der nicht nur individuell oder familiär bedingt sein kann, sondern eben auch gesellschaftlich. In Stefanie Klingemanns Ausstellung öffnet der Moment der nicht-erfüllten Erwartung den Raum dafür, die Repräsentationsmechanismen der vermeintlich inklusiven Gemeinschaft und gesellschaftlichen Teilhabe zu hinterfragen.

Foto: Stefanie Klingemann

Ein weiteres Exponat der Ausstellung ist ein aus dem 3D-Drucker stammendes Replikat einer Ein-Euromünze. Die Münze zeigt auf der einen Seite Die Aufschrift „1 Euro“, doch statt des bekannten Aufdrucks der Rückseite zeigt diese Münze auf der 2. Seite eine leicht veränderte Version der 1. Seite, nämlich den Aufdruck „10.000 Euro“. Was für den einen 1 Euro wert hat, mag für die andere Seite gleich 10.000-fachen Wert haben, oder sind 10.000 Euro gar nur noch einen Euro wert? Hier wird also mit dem Wert des Geldes gespielt. Wie wahrhaftig dieses Spiel werden kann, zeigt jedoch die „Eurokrise“, in der Länder wie Griechenland ihren wirtschaftlichen Stellenwert verlieren und damit einhergehend auch ihre politische Wertigkeit sowie internationale Anerkennung einbüßen. Wirtschaftlichkeit scheint das Credo von Menschlichkeit zu sein, wenn eine kulturelle Abwertung von Ländern erfolgt, die sich auf dem internationalen Markt nicht behaupten können: Abwertungen von „Südländer_innen“ und verallgemeinernde kulturelle Essentialismen wie „die sind ja alle…“, schlagen dann gerne zu. Auch hier fungiert Gemeinschaft nicht partizipativ, sondern exklusiv: Andere Systeme bekommen eine andere Wertigkeit und werden unterschiedlich wertgeschätzt. Es gibt keinen Platz an der Tafel für die (sogenannten) Anderen.

Ausschlüsse in und durch Kunst und Kultur

Die Tafel mit Essensresten erinnert nicht nur durch ihre morbide Ästhetik an ein Stillleben, denn auch hier spielen Vergänglichkeit und Zeitlichkeit eine große Rolle: Wäre ich eher da gewesen, hätte ich vielleicht mitessen können. Doch ich wusste nicht, dass man eher hätte da sein sollen. Daher hat die Tafel, die ja in einem Kunstkontext, einem Ausstellungsraum steht, nun einen Werkcharakter, auf den man mit ehrfürchtigem Abstand reagiert. Erinnert mich das als Besucherin nicht an die klassischen Museumausstellungen? Das Credo hier stets: still betrachten und rezipieren.

Foto: Stefanie Klingemann

Aber was, wenn andere Menschen es gar nicht erst ins Museum bis zur Werkbetrachtung schaffen? Wenn sie die kulturellen Codes, die ihnen die Möglichkeit des Museumsbesuchs eröffnen, nicht kennen, da sie gar nicht die nötige Bildung, Sprache oder Zeit hatten, diese zu erlernen? Oder wenn deren Inhalte kulturell exklusiv sind, da immer nur der eine, nämlich der westliche Kontext, bedient wird?

Dann verpassen Menschen die reich gedeckte Tafel womöglich nicht nur an diesem Abend, sondern immer und immer wieder: Kunst und Kultur bleiben unerreichbar.

Akteur_innen im Feld von Kunst und Kultur bleibt hier die Möglichkeit, in diese klassischen Kunstschemata zu intervenieren, den Werkcharakter und die ausschließlich stille Rezeption der Besuchenden zu durchbrechen, kulturelle Codes zu entschlüsseln: Teilhabe zu ermöglichen. Stefanie Klingemanns „Participation“ fordert hier jedoch zur Vorsicht auf und zur achtsamen Intervention: Teilhabe schön und gut, aber man läuft immer in Gefahr, Ausschlüsse zu reproduzieren und nur eine scheinbare Partizipation zu ermöglichen. Wenn man gemeinschaftlich arbeiten will, sollten den verschiedenen Akteur_innen auch Raum für divergente Meinungen und Herangehensweisen gegeben und ein ergebnisoffener Prozess gewährleistet werden. Bedenken sollten alle Akteur_innen von Kunst und Kultur, das despotische Versuchsanordnungen gerade im Spielfeld der Kunst gegenläufige Folgen haben: Unsicherheit, Ehrfurcht, Angst und Abneigung – schließlich ist der historische Begriff von Kunst in der Alltagswelt immer noch ein exklusiver, autoritärer und vor allem elitärer. „Participation“ verdeutlicht, reflektiert und parodiert die scheinbare Partizipation. Nun liegt es an allen gesellschaftlichen und kulturellen Akteur_innen, aus dieser Tafel wieder eine reichlich gedeckte zu machen – die erreichbar ist, mit Stühlen für wirklich alle.

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