Nach Abschluss von ÜBENÜBENÜBEN³ fragen sich Tina van de Weyer und Neja Häbler welche Werkzeuge dazu beigetragen haben, dass die wertvollen Begegnungen ihres Projekts passieren konnten und geben uns Einblicke in ihre Methoden.
Wie lassen sich Räume schaffen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen?
Diese Frage begleitete uns während unserer gesamten Zeit im Projektraum in der Paul Kemp Straße. Wir starteten ohne fertiges Programm und ohne festgelegte Zielgruppe.
Viel mehr wollten wir offen Erkunden, welche Themen und Geschichten den Ort und die Menschen prägen. Durch Beobachten, Ausprobieren, Zuhören und Reagieren.
Was daraus entstehen würde, wussten wir zu Beginn selbst nicht. Gerade in dieser Offenheit lag der Ausgangspunkt unserer künstlerischen Arbeit und die Hoffnung, mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen und gemeinsam Formen des Austauschs und der Teilhabe zu entwickeln.
Schnell merkten wir, dass Begegnungen selten einfach passieren. Sie brauchen Anlässe. Sie brauchen Sichtbarkeit. Und manchmal brauchen sie auch ganz konkrete Werkzeuge.
Im Laufe des Projekts entwickelte sich eine kleine Sammlung solcher Werkzeuge. Manche waren eigens gebaut, andere improvisiert. Einige erfüllten praktische Funktionen, andere wirkten eher symbolisch.
Sie bauten Schwellen ab, machten neugierig, luden zum Mitmachen ein und halfen dabei, aus einer Straße einen gemeinsamen Handlungsraum werden zu lassen.
Die Westen
Bei unseren Aktionen trugen wir beigefarbene Westen mit neonpinken reflektierenden Taschen. Sie waren Arbeitskleidung, Erkennungszeichen und performatives Element zugleich.
Die Westen machten uns im öffentlichen Raum sichtbar und zeigten: Hier findet etwas statt. Gleichzeitig halfen sie uns, bewusst in Rollen zu treten, die zu Beginn noch ungewohnt waren und die wir im Laufe des Projekts immer wieder erprobten und einübten: die der Gastgeberinnen, der Künstlerinnen im öffentlichen Raum und manchmal auch die der Performerinnen.
Gerade bei Aktionen außerhalb des Projektraums gaben uns die Westen eine gemeinsame Präsenz. Sie machten aus zwei Einzelpersonen ein erkennbares Team und unterstützten uns dabei, unsere Haltung im öffentlichen Raum zu finden: Wie treten wir auf? Wie gehen wir auf Menschen zu? Wann beobachten wir im Hintergrund, wann laden wir ein und wann werden wir aktiv Teil einer Situation?
So wurden die Westen zu mehr als funktionaler Kleidung. Sie halfen uns, eine gemeinsame Rolle zu entwickeln und diese im öffentlichen Raum sichtbar und erfahrbar zu machen.

Der Wagen
Ein von uns entwickelter und gestalteter Wagen war der mobile Begleiter des Projekts. Mit seinen neonpinken Akzenten war er im Straßenraum kaum zu übersehen und wurde schnell zu einem wiedererkennbaren Element unserer Arbeit.
Sein Aufbau bestand aus multifunktionalen Elementen: einer Bollergaren-Unterkonstruktion auf der ein Steck- und Stapelsystemen aufgebaut war: Kisten, die als Stauraum für Arbeitsmaterial dienten, Hocker zum sitzen, eine Arbeitsfläche zum Auslegen und Schreiben sowie einem großen Sonnenschirm. Dieser machte den Wagen gut sichtbar, spendete an heißen Tagen Schatten oder wurde bei Dunkelheit beleuchtet.
Der Wagen transportierte Werkzeuge, Essen, Getränke, Fundstücke und künstlerisches Material. Vor allem aber ermöglichte er uns, den Projektraum zu verlassen und mit unseren Aktionen an anderen Orten im Stadtteil präsent zu sein. Der Wagen machte unsere Arbeit beweglich und brachte sie dorthin, wo Menschen zusammen kamen und ihn zu einen kleinen temporären Aufenthaltsort machten.
Bei der Kemp Nacht wurde der Wagen selbst Teil unserer künstlerischen Inszenierung: Als mobile Projektions-Station warf er Bilder auf die umliegenden Hausfassaden und verband so alte Archivbilder mit dem Ort, an dem sie entstanden waren.
Der Wagen war damit nicht nur ein funktionales Transportmittel, sondern er wurde zum flexiblen Arbeitsraum und sichtbaren Erkennungszeichen. Als offene Anlaufstelle zeigte er uns, dass Beteiligung nicht an einen festen Ort gebunden sein muss, sondern dort entstehen kann, wo Menschen sich aufhalten. Er fungierte als räumlicher Ankerpunkt mitten im Geschehen, von dem die Aktionen ausgingen und um den herum sich das Gespräch entfalten konnte.

Das Schaufenster und der Leuchtkasten
Unser Projektraum verfügte über eine große Schaufensterfront. Sie wurde zu einer wichtigen Schnittstelle zwischen Innen und Außen und machte unsere Arbeit auch für Menschen sichtbar, die nicht gezielt zu einer unserer Aktionen kamen.
Besonders der Leuchtkasten, den wir im Schaufenster installierten, entwickelte sich zu einem wichtigen Kommunikationsmittel. Wir starteten mit der Frage „Was bedeutet Reisen für dich?“ und richteten den Blick zunächst nach außen, auf das Unterwegssein, das Aufbrechen und die Welt jenseits des eigenen Alltags. Im Verlauf des Projekts veränderte sich unsere Perspektive. Aus dem Gedanken des Reisens wurde die Neugier auf den unmittelbaren Wirkungsort und die Frage: „Was ist deine Geschichte über die Paul Kemp Straße?“
Diese Entwicklung spiegelte auch unsere Arbeitsweise wider. Je länger wir vor Ort waren, desto stärker rückten die Straße, ihre Geschichte und die Menschen, die hier leben, in den Mittelpunkt. Das Erkunden begann nicht mehr in der Ferne, sondern direkt vor der Tür unseres Projektraums.
Die Frage auf dem Leuchtkasten, stellten wir auch noch mal auf Postkarten, die in unseren pinken Briefkasten geworfen werden konnten. Ebenfalls produzierten wir ein Plakat, auf dem wir uns und den Projektkontext vorstellten sowie zu anstehenden Aktionen informierten und einluden.
Viele Begegnungen nahmen mit einem Blick durch die Scheibe und einem kurzen Stopp mit einer spontan erzählten Erinnerung ihren Anfang. Menschen blieben stehen, schauten in unseren Raum und lasen die Fragen oder Plakate für anstehende Aktionen. Auf diese Weise entstanden erste Kontakte oft ganz beiläufig und ohne die Schwelle ind den Projektraum betreten zu müssen.
Das Schaufenster wurde so zur Ausstellungsfläche, zum Informationsort und zur Einladung zugleich. Die Frage des Leuchtkastens „Was ist deine Geschichte über die Paul Kemp Straße?“ wurde zum Leitfaden unserer Erkundung. Sie lud Vorbeigehende dazu ein, kurz innezuhalten sowie die Straße und ihre persönliche Verbindung dazu wahrzunehmen. So entstand ein erster Gesprächsanlass, der den Raum für Geschichten, Fragen und Begegnungen öffnete.

Die Kemp Küche und die Tischdecke
Einmal im Monat, immer am letzten Mittwoch, verwandelte sich die Kemp Insel, eine kleine erhöhte Rasenfläche gegenüber unserem Projektraum, in einen Treffpunkt für ein gemeinsames Abendessen.
Das Konzept war bewusst einfach: Wir kochten einen großen Topf Nudeln, bereiteten Limonade zu und entwickelten für jeden Abend einen thematischen Impuls, eine künstlerische Aktion oder einen Workshop. Die Nachbarinnen und Nachbarn konnten nach Feierabend vorbeikommen und mussten lediglich eigenes Geschirr und Besteck mitbringen.
So entstand ein Treffpunkt in der Nachbarschaft, der sich gut in den Alltag integrieren ließ. Menschen kamen spontan nach der Arbeit vorbei, nahmen Platz, aßen, kamen miteinander ins Gespräch und teilten ihre persönlichen Geschichten.
Im Mittelpunkt stand eine lange Tafel mit einer Tischdecke aus Papier. Für jede Kemp Küche gestalteten wir diese passend zum jeweiligen Thema mit Zeichnungen, Fragen, kleinen Spielen und Rätseln. Die Tafel schuf eine festliche und einladende Atmosphäre und gab zugleich Impulse, um sich und seine Perspektive einzubringen.
Während des Abends waren alle eingeladen, die Tischdecke mit farbigen Stiften weiterzuzeichnen, Gedanken festzuhalten oder eigene Spuren zu hinterlassen. So entstand mit jedem Treffen ein neues gemeinschaftliches Bild. Persönliche Notizen, Zeichnungen und Erinnerungen überlagerten sich mit den sichtbaren Spuren des gemeinsamen Essens: Soßenflecken, Limospritzern und weiteren Zufälligkeiten. Die Tischdecke wurde dadurch zu einem kollektiven Werk und zu einem Dokument des gemeinsamen Abends. Sie hielt nicht nur die Themen und Gespräche des Abends fest, sondern auch die Atmosphäre des gemeinsamen Zusammenseins.
Die lange Tafel war dabei weit mehr als ein Ort zum Essen. Sie schuf einen Rahmen für Austausch auf Augenhöhe und machte es leicht, miteinander in Kontakt zu kommen. Viele Ideen für weitere Aktionen, Recherchen und gemeinsame Erkundungen entstanden genau hier. Entscheidend war auch, dass sich die Einladung ganz natürlich in den Alltag integrieren ließ. Direkt nach der Arbeit und mit der Aussicht auf ein gemeinsames Abendessen konnten viele das Angebot trotz Beruf und täglicher Verpflichtungen wahrnehmen und Teil des Projekts werden. Mit der Zeit wurde die Kemp Küche so zu einem wiederkehrenden Treffpunkt. Die regelmäßige Begegnung schuf Vertrauen und machte es möglich, dass aus ersten Gesprächen gemeinsame Vorhaben und neue Verbindungen entstanden.

Die Schilder
Wann immer wir zu einer Aktion, einem Workshop oder einer gemeinsamen Erkundung einluden, kündigten wir dies mit neonpinken Schildern an. Sie wurden zu Wegweisern im Straßenraum und machten sichtbar: Hier darf man aufmerksam werden und mitmachen.
Statt klassischer Veranstaltungsankündigungen trugen die Schilder poetische Titel wie Sammeln und Sonnen, Schwimmen und Schöpfen oder Stille an der Schranke. Diese Slogans hoben sich bewusst von gewöhnlicher Werbung ab und erzeugten einen künstlerischen Impuls im Stadtraum. Sie gaben ein kleines Rätsel auf, das Platz für eigene Gedanken und Assoziationen ließ. Genau diese Offenheit regte die Vorstellungskraft an, weckte das Bedürfnis nachzufragen und wurde so zum Auftakt für Gespräche.
Mit der Zeit entwickelten sich die leuchtenden Tafeln zu einem vertrauten Zeichen unserer Arbeit. Viele Menschen näherten sich zunächst über eine solche Überschrift, bevor sie den Schritt in den direkten Austausch wagten. Der Hinweis, dass alle Angebote kostenlos und offen für alle waren, nahm zusätzlich die Scheu und machte deutlich, dass weder Vorkenntnisse noch Voranmeldungen nötig waren.
Die Schilder fungierten damit als weit mehr als reine Informationsträger. Sie unterbrachen die alltägliche Routine, schafften Aufmerksamkeit und eröffneten erste Zugänge zu unseren Formaten.

Unser Werkzeugkasten der Partizipation
Keines dieser Werkzeuge hätte für sich allein funktioniert. Erst im Zusammenspiel mit den Menschen vor Ort wurden sie lebendig und wirksam. In einem dynamischen, ortsspezifischen Prozess wie unserem Projekt in der Paul Kemp Straße gaben sie uns Orientierung und eine verlässliche Infrastruktur. Sie halfen uns, sichtbar zu werden, unterschiedliche Rollen einzunehmen, niedrigschwellig zu kommunizieren und Begegnungen zu ermöglichen. Gerade dieser Rahmen gab uns die Freiheit, inhaltlich offen zu bleiben und unsere Arbeitsweise immer wieder an den Ort und die Menschen anzupassen.
Die Zeit in der Paul Kemp Straße hat uns gezeigt, wie entscheidend Sichtbarkeit, Regelmäßigkeit und Präsenz für den Aufbau von Vertrauen sind. Erst wenn im öffentlichen Raum erkennbar wird, dass ein Ort offen für Geschichten, Ideen und Begegnungen ist, entsteht die Bereitschaft, sich einzubringen und ihn mitzugestalten.
Ebenso hat sich bestätigt, dass Beteiligung dort entsteht, wo Menschen sich willkommen fühlen und ohne Voraussetzungen teilnehmen können. Oft waren es nicht die großen Veranstaltungen, sondern unsere Einladungen, die den Anfang machten: ein gemeinsames Essen bei der Kemp Küche, ein Blick ins Schaufenster, ein poetisches Schild am Straßenrand oder eine zufällige Begegnung, aus der ein Gespräch entstand. Aus diesen ersten Kontakten entwickelten sich Beziehungen, gemeinsame Erkundungen und neue Projekte.
Rückblickend verstehen wir unsere Werkzeuge deshalb weniger als fertige Methoden, sondern vielmehr als Einladungen. Sie schaffen Situationen, in denen Menschen miteinander in Kontakt kommen können, ohne dass der Ausgang bereits feststeht. Unsere Arbeitsweise besteht nicht darin, Beteiligung zu organisieren, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen sie entstehen kann. Genau darin liegt für uns das Potenzial partizipativer Kunst.
Im Sinne von ÜBENÜBENÜBEN³ war auch unsere eigene Arbeitsweise ein fortlaufender Prozess des Erprobens. Wir haben Werkzeuge entwickelt, verändert und verworfen, Formate angepasst und unsere Haltung immer wieder hinterfragt. Wie viel Struktur braucht ein offener Prozess? Wann geben wir Orientierung und wann treten wir bewusst einen Schritt zurück? Wann wird aus einer künstlerischen Intervention ein gemeinsames Projekt? Viele Antworten haben wir erst im gemeinsamen Tun gefunden.
Die Erfahrungen aus der Paul Kemp Straße begleiten uns weit über das Stipendium hinaus. Unser Werkzeugkasten ist deshalb keine Sammlung fertiger Methoden, sondern eine Sammlung von Hilfsmitteln und Erfahrungen. Es erinnert uns daran, dass jeder Lebensraum andere Fragen stellt und jede Nachbarschaft ihre eigenen Geschichten mitbringt. Unsere Werkzeuge bleiben dieselben, doch ihre eigentliche Wirkung entfalten sie erst im Dialog mit den Menschen vor Ort.
Aus diesem gemeinsamen Prozess ist schließlich auch das Kempendium entstanden, eine künstlerische Dokumentation unserer Zeit in der Paul Kemp Straße. Es versammelt Geschichten, Fotografien, Zeichnungen, Erinnerungen und Beobachtungen und macht sichtbar, was in sechs Monaten gemeinsamer Praxis mit den Nachbarinnen und Nachbarn gewachsen ist. Es versteht sich nicht als Abschluss des Projekts, sondern als Einladung, weiterzulesen, weiterzuerzählen und den eigenen Blick auf den unmittelbaren Lebensraum neu zu schärfen.
Bei Interesse kann das Kempendium per E Mail unter godesbrief@web.de bestellt werden.

