Schreiben am Schreibort

am 02. September 2019 | in Neuland, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Bevor ich schreiben konnte, schrieb ich mit Begeisterung in ausrangierte Kalender und Notizbücher. Das Aufschlagen der in Kunstleder gebundenen Bücher, das Zücken eines Kugelschreibers, und schließlich die gewichtigen Notizen, die ich machte, entsprachen einem Prozess, wie ich ihn gut 40 Jahre später erneut erleben und beobachten durfte: während des Schreibspiels im Schreibort.

Damals gehörte ich zur Liga der Schreibenden, obwohl ich gar nicht schreiben konnte. Aber ich schrieb genauso kompetent, wie es die Erwachsenen taten. Dieses Schreiben war ein Spiel, ich imitierte eine Tätigkeit, die mich faszinierte, und also übte ich sie aus. So einfach war Schreiben.

Dann kam die Einschulung und ich lernte das richtige Schreiben. Und damit verbunden lernte ich auch Fehler zu machen. Es gab die Rechtschreibung und Grammatik und es gab Noten und Bewertungen. Schreiben wurde zu einer ernsten und öffentlichen Angelegenheit, die ich beherrschen sollte und an der mehrere Menschen beteiligt waren. Mein Schreiben wurde überwacht. Über dessen Erfolg entschieden andere. Diese Tätigkeit hatte kaum noch etwas mit der Freude zu tun, die ich zuvor erlebt hatte. 

Aber ich blieb dran. Hier die Schule, mit ihren Vorgaben und Noten, dort das Schreiben mit seinen Momenten der Selbstvergessenheit und Freude. Ich schrieb und schrieb, und es wundert mich noch heute, dass meine Noten im Fach Deutsch so konsequent mittelmäßig bis schlecht blieben. Aber das verdarb mir nicht die Freude am Schreiben.

Als wir im Jahr 2016 den Schreibort ins Leben riefen, konnte ich meine Erfahrungen mit dem Schreiben für die Begleitung aller, die bei uns schreiben wollten, nutzen. Mit dem Schreibort schufen wir einen Ort des Träumens und des Gedanken-laufen-Lassens, verbunden mit der Hoffnung, dass die darin Schreibenden das Spielangebot entdecken und nutzen würden.

Viele Kinder erleben das Schreiben als etwas Besonderes. Eine neue Welt tut sich auf, eine faszinierende Möglichkeit entsteht, Dinge festzuhalten, die zuvor ‚nur’ gemalt oder mit Worten beschrieben werden konnten. Manchen Kindern geht das Schreiben nicht so leicht ‚von der Hand’, wie das Malen, denn Schreiben wird erlernt, ist eine Kulturtechnik, die sich nicht von selbst ergibt. Über das Gelingen wachen andere, und nicht selten wird das Schreiben, kaum dass man es gelernt hat, zum Verfassen von Straftexten missbraucht. (Das klingt nach einer längst überholten Pädagogik aus vergangenen Tagen, wird aber nach wie vor in Schulen als Mittel der Sanktionierung eingesetzt.) Dem gegenüber steht das Schreiben im Schreibort, das ein Spiel sein darf und soll. Hier zählt allein die Freude am Tun. Es wird weder sanktioniert, noch bewertet, verglichen oder kritisiert. 

Um den Schreibenden eine möglichst sichere Ungestörtheit zu ermöglichen, archivieren wir deren Texte. Niemand kann etwas dazu sagen, allein die Schreibenden wissen darum. Dieses Schreiben nährt sich aus der Freude am Zeichen setzen und ist selbstmotiviert. Aus diesen Gründen betreiben wir den Schreibort. Er soll ein Ort der Schreibfreude sein!

Noch heute fülle ich ein Notizbuch nach dem anderen, und mittlerweile habe ich in diesem Tun meine kindlichen Begeisterung in Teilen zurück erlangt. Ich schreibe, was mir gerade in den Sinn kommt. Das ist nur selten zusammenhängend und geordnet, sondern eher ein mit Worten festgehaltenes Blitzlichtgewitter meines Hirns. Wenn ich im Schreibort schreibe, wird dieses Tun um die Anwesenheit von anderen Schreibenden erweitert. Das lässt eine Atmosphäre der Konzentration, Stille und Selbstvergessenheit entstehen, die durch die Mitschreibenden flankiert und gehalten wird. 

Die Frage nach der Motivation der Schreibenden ist vor diesem Hintergrund leicht zu beantworten: Wer schreibt, tut es freiwillig. Niemand wird gezwungen, keiner gibt inhaltliche Anweisungen, und wer fertig ist, legt den Stift beiseite und hört auf.

Dieses Schreiben geschieht im Schreibort. Es ist freiwillig, lustvoll und spielerisch.

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