Foto: Guntram Walter

50 Menschen – Eine Ausstellungsperformance von Rolf Dennemann

am 11. November 2015 | in Allgemein | von | mit 1 Kommentar

Die Verweildauer eines Ausstellungsbesuchers vor einem Kunstwerk beträgt durchschnittlich nur 11 Sekunden, hat eine Museumsstudie des Kulturwissenschaftlers Martin Tröndle ergeben. Aber wie lang ist die Zeit, wenn das Exponat ein lebendiger Mensch ist? Bei einer Ausstellungsperformance im Theater im Depot in Dortmund waren am vorletzten Wochenende ganz unterschiedliche Reaktionen der Besucher zu beobachten.

In der langen Halle der ehemaligen Straßenbahnhauptwerkstatt stehen 50 schwarze Hocker. Auf jedem liegt ein rundes Schild mit einer Nummer. Aufgestellte Mikrofonständer, zwischen denen sich ein rotes Band spannt, umgrenzen den mittleren Teil der Halle, in dem sich die Hocker befinden. Noch ist der Zutritt für die Besucher nicht gestattet. Da betritt der Ausstellungsmacher die Halle und erklärt, die Ausstellung werde gleich eröffnet. Nach und nach betreten Menschen den Raum durch eine Seitentür, gehen zielstrebig auf einen für sie bestimmten und nummerierten Platz. Es sind junge Menschen, Menschen mittleren Alters, Menschen in einem Rollstuhl, Senioren; Menschen aus der Bevölkerung. Ihr Blick ist fokussiert. Sobald sie ihren Platz erreicht haben, frieren ihre Körper sitzend oder stehend in einer alltägliche Pose ein.

Die Ausstellung ist fertig „aufgebaut“. Die Werke stehen an der richtigen Stelle, das Licht ist genau ausgerichtet, in einer Ecke steht ein Kartenständer mit Informationen zu den einzelnen Exponaten, die Besucher sind bereit. Mit einem Getränk in der Hand kann der erste Ausstellungsrundgang beginnen. Die Besucher strömen in den mittleren Bereich des Raumes. Ausgestattet mit der roten Eintrittskarte, auf deren Rückseite ein favorisiertes Exponat angekreuzt werden kann, werden die ausgestellten „Werke“ nun genauer betrachtet: 50 Menschen, jeder ein Individuum mit einer einmaligen Körperhaltung und Erscheinungsbild, mit einzigartigen Blicken und Gesten. Flüsternd und ein wenig schüchtern bewegen sich die Besucher durch den Raum. Die „Werke“ werden im Vorbeigehen betrachtet, fast niemand bleibt länger als ein paar Sekunden vor einem der ausgestellten Menschen stehen und betrachtet ihn in seinen ganzen Details.

Wie nehmen mich die Exponate wahr?

In einem Museum mache ich mir nie Gedanken darüber, was das Gemälde oder die Skulptur von mir denkt, oder wie sie oder es sich fühlt, wenn ich nur wenige Zentimeter vor ihnen stehe, um ein Detail wahrzunehmen. Hier ist bereits der Blick, den ich über einen fremden Körper genauer gleiten lasse, ein seltsames Gefühl der Distanzüberschreitung, der direkte Blick in die Augen meines eingefroren stehenden Gegenübers eine Überwindung. Während ich an der Nr. 11 vorbeigehe, bemerke ich, dass mir der Blick dieses Ausstellungsexponates folgt. Am Kartenständer greife ich direkt zur entsprechenden Karte, um die Werkbeschreibung zu lesen. Die Beschreibung umgreift ganz wesentliche Aspekte: Name, Wohnort, Emailadresse, Beruf, Hobbies, Größe, Gewicht und Haustiere. Dass dort „Drei Kellerasseln unterm Blumentopf“ als Haustiere angegeben sind, macht das Exponat umso interessanter.

Das Beobachten des Beobachters

Das Gefühl, dass nicht ich diejenige bin, die beobachtet, sondern eher die Exponate, die mich beobachten, beschleicht scheinbar auch ein paar andere Besucher, die nach und nach lieber den Blick vom Rand der Halle auf den Ausstellungsraum bevorzugen, anstatt weiter durch den Raum zu spazieren. Distanziert beobachten und umkreisen sie aus der Ferne ihr Lieblingsexponat. Die Atmosphäre des Ausstellungsraums, die zu Beginn der einer verträumten Straßenszene mit Schaufensterbummel glich, wird plötzlich unruhiger. Die Menschenexponate fangen an, sich langsam zu bewegen, zu drehen, ihren Hocker zu umkreisen. Eine Soundcollage, die abwechselnd aus verschiedenen Lautsprechern zu hören ist, scheint ihre Bewegungen zu takten. Pfeifen, Melodien und Gesprächsfragmente der Exponate über ihre persönlichen Interessen und Ansichten eröffnen eine weitere Wahrnehmungsebene auf das Ausstellungsgeschehen. Plötzlich werden wir Besucher aufgefordert von unseren sicheren Randplätzen in die Mitte des Ausstellungsraumes zurück zu kehren. Jeder solle für eine Minute stehen bleiben und sich nicht mehr bewegen. Die Rollen werden gewechselt. Die Besucher werden zu Exponaten und die Exponate zu Besuchern. Ein Spiel mit Perspektivwechseln, bei dem die Besucher zu den eigentlichen Performern des Abends werden.

Sammeln und Gesammelt werden

„Das Ziel von Facebook ist es Freunde zu sammeln“ tönt es aus einem Lautsprecher über mir. Mittlerweile stehen die Exponate wieder an ihrer Stelle und die Besucher flanieren weiter durch den Raum. Zehn Karten aus dem Kartenständer befinden sich bereits in meinen Händen, mehrere Kreuze auf der Eintrittskarte markieren meine „Favoriten“, meine „Likes“. Nach welchen Kriterien ich sie ausgewählt habe, weiß ich selber nicht so recht. Da spricht mich eine junge Frau von der Seite an: „Entschuldigen Sie, ich bin gerade erst hier angekommen. Wissen Sie, was ich hier machen kann? Also, wie ich dort eine Nummer werde? Kann ich mich da einfach zustellen?“

„Wir sind Schaufensterpuppen“ ertönt es derweilen aus dem Lautsprecher über mir und eine Bewegung geht durch die Menschenskulpturenreihen. Langsam fängt jede Skulptur an, sich in ihrem eigenen Bewegungsmodus zu bewegen. 50 individuelle, fast monotone Bewegungen. Jeder tanzt für sich allein. Die Besucher beobachten von den Seitenrändern. Manche wippen im Takt der Musik mit. Plötzlich tanzt eine Skulptur durch die Reihe, umwirbelt andere, die in einer Pose eine Weile einfrieren und dann nach und nach den Raum verlassen.

Du bist ein Kunstwerk!

Der Regisseur Rolf Dennemann lud für seine Ausstellungsperformance 50 Menschen ein, Teil des Kunstwerkes zu werden. Seine Idee war es, mit diesem Projekt zu zeigen, welche Möglichkeiten es gäbe, Ausstellungen anders zu gestalten und die Bevölkerung, um die es geht, miteinzubeziehen. Einbezogen wurden sowohl Menschen aus der Bevölkerung Dortmunds, die sich für eine Teilnahme als „Exponat“ bei Dennemann gemeldet hatten, als auch die Besucher des Abends als Rezipienten auf eine unerwartete Art und Weise. Als „Menschenkunstwerke“ nahmen viele Bewohner der Dortmunder Nordstadt/Borsigplatz teil, die Dennemann im Rahmen des Gewinnerprojektes faktor kunst 2013 „Public Residence: Die Chance“ kennengelernt hatte.

Weitere Informationen zu 50 Menschen.

Foto oben: Guntram Walter

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