Foto: Sarah Heuser

„Anders tun“: Vom Partizip Perfekt zum Partizip Futur

am 18. Dezember 2015 | in Allgemein, Dialog und Teilhabe, Offenes Forum | von | mit 1 Kommentar

Der Kurator und Kulturberater Dr. Johannes Stahl berichtet vom Symposium „ANDERS tun … anders TUN“ der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und der Alanus Hochschule über Teilhabe in der Kunst, an der Kunst und durch die Kunst.

„Partizipation und Teilhabe in der Kunst gibt es in vielen Spielarten – sozial, politisch, gesellschaftlich engagiert. Das gemeinsame Symposium der Alanus Hochschule und der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft thematisiert und hinterfragt das Selbstverständnis dieser künstlerischen Ansätze: Wie können die Künste zur Teilhabe an sozialen Prozessen beitragen? Was legitimiert ihren Anspruch des ANDERS Tuns? Wie ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Gesellschaft, zwischen dem ästhetischen und dem sozialen Bereich zu denken?“ So hieß es in der Ankündigung.

Wer ein Symposium besucht, erwartet üblicherweise einen konzentrierten Erfahrungszuwachs, vor allem durch Impulse der anderen TeilnehmerInnen, aber auch durch das konstruktive Gespräch untereinander. Bereits die sprachliche Herkunft des Worts Symposium aus dem Griechischen verspricht viel, unter anderem auch Partizipation: Zusammenliegen, Beisammensitzen, Gelage, und dann ja irgendwie auch Teilnahme und Teilhabe, möglicherweise beteiligt werden oder mitmachen. Wenn das in einer Hochschule wie der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft stattfindet, auf einem zu erklimmenden Hügel oberhalb von Alfter bei Bonn, lädt ein herausgehobener Ort das zu Erwartende zusätzlich auf – zumal einige der dort Lehrenden sich jeweils äußern würden. Allerdings sollte man sich eine solche Programmfolge weder als Manifest einer kollektiv fest gelegten Lehrmeinung vorstellen noch als kaleidoskopartiger Werbeblock der Hochschule. Eher geht es um den Versuch, über ein Thema in den Austausch zu geraten – sei es im wechselseitigen Eingehen der Vortragenden auf das von anderen Gesagte, in den Gesprächen der traditionell immer zu kurzen Pausen oder gar auf nächtlichen Spaziergängen, bevor das Gästehaus der Hochschule der Nachtruhe dient. Bei unvollständigen Besuchen wie dem meinen – bleibt dann noch der innere Dialog, der mit der Nachlese eventuell gemachter Notizen und den eigenen Erfahrungen anderswo weitergeht.

Anders
Der Ruf nach Alternativen aller Art ist ein beliebtes Element aller Fortschrittsszenarien. Er setzt etwas häufig Einleuchtendes voraus: dass der gegenwärtige Zustand änderungsbedürftig ist. Allerdings bringt er damit auch stets den Vergleich als methodische Möglichkeit in Anschlag und bestätigt damit eine verbreitete Denkart. Wie stark jedoch wirklich auch bewusst in Alternativen gedacht wird, könnte ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal verschiedener gesellschaftlicher Bereiche sein: im Gegensatz zur Juristerei etwa vergewissern sich gerade Künstlerinnen und Künstler keineswegs immer an bestehenden Sichtweisen und Urteilen (Präzedenzfall), Methoden, Regeln oder Vorschriften (Grundgesetz). Im Gegenteil: gerade von KünstlerInnen erwartet man möglicherweise am ehesten eine undogmatische Haltung. Dann muss dieser subjektive Ansatz nicht notwendigerweise an wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Konventionen verankert sein, sondern eben anders. Ob das dann „erfrischend anders“ (unter diesem Suchbegriff lohnt eine eigene Netzrecherche!!!), verstörend, linkshändig, „etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich“ (Paul Klee) oder aber gewollt anders wahrgenommen wird, ist keineswegs ausgemacht. Aber man erwartet von der Kunst im Gegensatz zum Serienauto, dass eine Symphonieaufführung, ein gemaltes Bild oder ein Gedicht jedesmals anders ist. Ob sich dahinter auch der in Konsumszenarien verfestigte Wunsch nach dem Neuen verbirgt, eine anthropologisch begründete natürliche Neugier oder das, was Musil im Gegensatz zum Wirklichkeitssinn „Möglichkeitssinn“ nennt, soll einmal dahin gestellt bleiben. Unideologisch kann es jedoch kaum zugehen, wenn man fragt: Warum überhaupt denn nun anders?

Tun
„10. Ideen allein können Kunstwerke sein. Sie sind Teil einer Entwicklung, die irgendwann einmal ihre Form finden mag. Nicht alle Ideen müssen physisch verwirklicht werden.“ Auch wenn Sol LeWitt in seinem Manifest „Sätze über konzeptuelle Kunst“ (Zeitschrift: Art-Language, Mai 1969) das künstlerische Handeln keineswegs notwendigerweise im Fertigen eines materiellen Objekts sieht, behält auch Nina Hagens Liedzeile recht: „Irgendwie muss man was tun“ (Auf’m Rummel, aus dem Album Unbehagen, 1979). Ob nun dieser faktische Imperativ moralisch begründet ist („Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“), tagesaktuell („Jetzt müssen wir handeln“) oder perspektivpolitisch (Kinder, Erde, letzter Baum …), führt zwar wahrscheinlich zu jeweils unterschiedlichen Handlungsstrategien, aber in der grundsätzlichen Akzeptanz des Agieren-Müssens ist man sich einig.

Was wäre denn das Gegenteil dieses Tuns: Nicht-Tun, Nichtstun oder Sein lassen? Eine zweite Frage wäre ebenfalls zu stellen: Könnte auch das wie auch immer begründete Gegenteil von Tun eine Kunst sein? (Immerhin gibt es eine Diskussion darüber, ob das Schweigen Marcel Duchamps überbewertet ist. Der Meister hatte die Kunstwelt ja viele Jahre im Glauben gelassen, er produziere nicht mehr, wohl gerade um seine Produktion zu schützen.)

Partizipation
„Der Starke ist am mächtigsten allein“ will Wilhelm Tell wissen – auf die Gefahr hin, als kämpfender Selbstmordattentäter zu enden. Dass er dann den Impuls gibt zur Schweizer Verfassung, die sich bewusst kollektiv versteht (Basisdemokratie!), ist eine der Lehren in Schillers Drama. Dabei lohnt es darüber nachzudenken, warum, wo und zu welchem Zeitpunkt sich das individuelle Heldentum und die Partizipation der Vielen verbinden – nicht zuletzt, wenn es um künstlerische Prozesse geht, und insbesondere, wenn diese auch selbst mit sozialen oder politischen Verhältnissen umgehen. Die Frage kehrt in den Vorträgen des Symposiums spätestens dann wieder, wenn die künstlerisch Handelnden Vorbilder, Beispiele oder Impulse geben, (offene) Fragen stellen oder unvorbereitete Situationen ansteuern.

Auch die Frage nach dem Zeitpunkt hat es in sich. Egal ob Drucklegung, Denkmalenthüllung, Vernissage oder Uraufführung: Spätestens dann steht die künstlerische Form in der Welt. Damit ist sie der Rezeption ausgesetzt – und frei nach Marcel Duchamp – ihrer Vervollkommnung durch das Publikum. Man wird diese zweite Bauphase des Kunstwerks Partizipation nennen dürfen. Aber geht das auch früher?

Bürgerbeteiligungsverfahren bei Bau- und Planungsprozessen sind in dieser Hinsicht mehrfach interessant. Zum einen definieren sie eine Norm demokratischer Willensbildung, um für die mitunter ungewohnten Strategien und Formen zu werben, um einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens herzustellen und nicht zuletzt um schwerwiegende Planungsfehler zu umgehen. Zum anderen ist bei ihnen jedoch einiges umstritten. Wann ist der günstigste Zeitpunkt: beim frühest möglichen Zeitpunkt der Planung oder dann, wenn man schon etwas sehen kann, – oder mehrfach und immer wieder? Überhaupt: Natürlich gibt es Rahmenbedingungen, die vieles von dem einschränken, was eine „offene“ Bürgerbeteiligung an Offenheit verspricht. Nicht zuletzt diskutiert man, inwieweit eine demokratische Mehrheit und die versammelte Expertise wirklich sinnvoll zusammen gehen können. Ganz grundlos sind die Experten ja nicht zu ihrem Status gelangt. Und selbst wenn sie ihr Expertenwissen nicht kommunizieren können, besteht Grund zu der Annahme, dass sie gut begründet handeln und – im Gegensatz zum beteiligten Publikum – einen Ruf zu verlieren haben.

Was wirklich richtig ist und nach der Regel der besten Praxis akzeptiert wird, ist damit methodisch zwar halbwegs klärbar, aber eben auch nur halb. Übrigens sind demokratische Mehrheiten manipulierbar, und Experten auch.

Kunst
Im Symposium „Anders tun“ machten nun verschiedene Einlassungen über künstlerisches Denken und Handeln klar, dass das Spektrum partizipativer Projekte weit aufgefächert ist. Dabei entwickelten sich schon in der Typologie der Vorträge Anzeichen recht unterschiedlicher Positionen. Werkstattberichte, Vorlesungen, Interaktionsszenarien oder orchestriertes Miteinander: Schon die mediale Aufbereitung des Geäußerten ist ein Lehrstück, denn es muss Inhalte in Form bringen.

In den Vorträgen selbst wurde dann auch klar, wie stark die Frage nach dem „anders tun“ an der eigenen Person und ihrer Methodik ankert. Die (teilweise selbst so formulierten) Rollenbeschreibungen der Vortragenden machten dann auch ein Spektrum auf. Da gab es den klassischen Komponisten („ich schreibe die Partitur, andere führen sie aus“), den im philosophischen Dialog Fragenden (der bekannterweise immer mit einem pädagogischen Vorsprung ausgestattet ist), den aus einem gut verankerten seitlichen Haltepunkt am Thema Hebelnden, den aus dem Fußball bekannten Spielertrainer, den gelernten Provokateur und gewiss auch den klassischen Hofnarren, neben dessen Unterhaltsamkeit in aller Regel auch die Frage entsteht, wie weise er (oder man selbst) in Wirklichkeit ist. Mitunter kann sich das mit der räumlichen Situation reiben: Im mehr oder weniger als klassischer Zuhörer- und Zuschauersaal eingerichteten Raum ist der Besucher auf Tafel, Leinwand und Vortragenden hin orientiert. Auch wenn alle „Teilnehmer“ heißen, ist nicht immer klar, wer welches Teil nimmt oder bekommt – ob sie oder er es wirklich mitnimmt und wie weit dann die Teilhabe reicht. Da ist es schon ganz wichtig, die Adressen festzuhalten.

Die anderen
Eine grundlegende Frage in den Vorträgen war jeweils, in welchen sozialen Szenarien diese künstlerischen Projekte unterwegs waren. Auffallend: Ein ganz typisches gutbürgerliches Kunstpublikum war meistens nicht dabei. Wenn überhaupt Regeln der Kunst in Frage standen und nicht die völlige Andersartigkeit der jeweils herbeigeführten Situation bereits für sich überzeugte: um eine fachliche Auseinandersetzung im umschlossenen Terrain bildender Kunst ging es zunächst nicht. Vielmehr trafen die künstlerisch Agierenden die mit ihnen Interagierenden eher in deren Alltag. Damit kommt es zu einer Art Tausch zwischen Situationen: Die Künstlerinnen und Künstler begeben sich in erklärtermaßen fremde Orte und Umstände und verleiten die mit ihnen Interagierenden dazu, bestimmte Normen und Selbstbeschränkungen gemeinsam mit ihnen zu überschreiten. Dieses Sprengen von Handlungsrahmen fördert spannungsreiche Szenarien und Erkenntnisse zutage.

Zunächst: Die Partizipanten können viel mehr als sie von sich erwartet haben – und auch mehr als das, was von außen erwartet wurde. Aber es geht um eine jeweils unterschiedlich strukturierte Begleitung dieser Entfaltungsprozesse. Damit stehen nicht nur alle möglichen (kunst-)pädagogischen Strategien im Raum. Zwischen behutsamer Begleitung und gegebenenfalls Veränderung eigener gestalterischer Handlungsweisen, der methodischen Anleitung, dem vorübergehenden Rollentausch oder der provokativen Konfrontation existieren eine ganze Reihe von Möglichkeiten und deren Mischungen. Auch die Gepflogenheiten des zwischenmenschlichen Umgangs und wie Künstlerinnen und Künstler darauf eingehen, ist nicht nur als vertrauensbildende Maßnahme von Belang, sondern eine Formfrage, die künstlerisch hoch relevant sein kann.

Dann: In zahlreichen Szenarien ging es mit den Grenzüberschreitungen auch um emanzipative Akte. Nicht selten spielt dann eine oft unterschiedlich zustande gekommene Repression eine Rolle. Aber am Wegesrand lauern Gefahren: dass wieder einmal die Künstlerinnen und Künstler in die nicht einlösbare Rolle als Weltretter geraten, dass ihnen, nicht aber den Partizipanten das Recht auf „anders tun“ eingeräumt wird, und nicht zuletzt, dass sich künstlerische Arbeit und Freiheitsstreben einmal eben nicht reimen.

Schließlich: Was ist nach dem Projekt? In nur wenigen Fällen hat sich die geschaffene Ausnahmesituation als Regelfall etablieren können und ein Freiraum ist auf Dauer entstanden. Was bleibt, ist neben gut gemachten dokumentierenden Fotos und Filmen die Erinnerung an Möglichkeiten, die zumindest einmal bestanden haben. Und es besteht die Gefahr, dass die Aufgabenteilung zwischen Projekt und Dokumentation nicht klar wird.

Partizipative Kunst ist mit Brecht „das Einfache, das schwer zu machen ist“. Eine entscheidende Frage dieses Symposiums könnte sein, ob ein Produkt aus diesen exkursiven Schleifen in die Partizipation den Weg zurück in das Regelsystem bildender Kunst finden kann. Und, ob die jeweilige Partizipation Elemente enthält, die als besonderes Qualitätsmerkmal auch für Kunst gelten kann, die zunächst überhaupt nicht als partizipatives Geschehen gedacht war.

Immerhin unterscheidet man grammatikalisch das Partizip Perfekt und das Partizip Präsenz. Im Lateinischen und im Litauischen gibt es auch ein Partizip Futur.

 

Über den Autor:
Dr. Johannes Stahl ist freischaffender Kurator, Kulturberater und Autor.

Foto oben: Sarah Larissa Heuser

Eine Antwort zu „Anders tun“: Vom Partizip Perfekt zum Partizip Futur

  1. dea bohde sagt:

    Kluger Beitrag von Johannes Stahl !!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »