Foto: Bruno Weiß

„Aus dem Lehm gegriffen“

am 09. Januar 2018 | in Allgemein | von | mit 0 Kommentaren

Ein plastischer Bericht aus Leipzig von Marianne Cebulla über ein Theaterstück mit dem ältesten Material der Welt.

Sonntagvormittag. Um Punkt 11 Uhr öffnen sich die Türen des Theatersaales im Leipziger Westflügel. Bis auf einen kleinen Tisch, auf dem sich ein ausgerollter Klumpen Lehm befindet, der von einem einzelnen Scheinwerfer angestrahlt wird, und zwei Lautsprechern, ist die Bühne leer. Fast schon verloren wirkt der kleine Arbeitsbereich in der ehemaligen Lagerraumhalle mit ihren acht Meter hohen Decken. Automatisch suchen die Augen nach weiteren Ablenkungsmöglichkeiten, versteckten Requisiten, zeitgemäßen Videoleinwänden oder sonstigem Theaterzauber. Doch da ist nichts. Nur der prominent ins Licht gerückte Lehm.

Noch bevor die Frage „Wie spannend kann das denn werden?“ zu Ende gedacht wurde, erscheint ein Mann auf der Bühne. In aller Ruhe rückt er seinen Arbeitshocker zurecht und begrüßt sein junges Publikum mit einem breiten Grinsen. Als erstes wird den kleinen ZuschauerInnen das Arbeitsmaterial vorgestellt: Rund, flach, dick, dünn, lang, riesengroß und fast unsichtbar kann es sein. Aus einem winzigen Stück kann plötzlich eine ganze Landschaft entstehen.

Foto: Bruno Weiß

Und so erscheint in Sekundenschnelle ein reißender Fluss, an dessen Ufer ein ganzer Wald beim Wachsen zu beobachten ist. Kaum konnte man den Schwan bewundern, der ganz majestätisch seinen Platz auf dem Gewässer einnimmt, kommt schweren Schrittes ein Drache angestapft, der in seinem Riesenhunger den Schwan nebst Wald und Fluss verschlingt. Nach der erfolgreichen Drachenerlegung befreit der herbeieilende Jäger aus dem Bauch seiner ungeheuren Beute zuerst Schneewittchen und den Froschkönig, bevor noch weitere Märchenfiguren auf den Lehmboden purzeln. Gebannt verfolgen die ZuschauerInnen, wie die wunderschöne Prinzessin Lilofee in ihrem Blumengarten ihren Verwandlungstrick zum Besten gibt, bei dem sie sich in einen Apfelstrudel verwandelt. Zeitgleich verwandelt sich der Mann am Lehm in einen Sternekoch und zeigt in „Kochen mit Lehm“ Rezeptideen für ein perfektes Sonntagsmenü.

In diesem Schöpfungseifer geht es in dem rund 45-minütigem Kunst-Abenteuer „Aus dem Lehm gegriffen“ des in Nürnberg ansässigen Bildenden Künstlers und Theaterschaffenden Joachim Torbahn weiter. Unter der Regie von Tristan Vogt wird das Publikum von einer phantastischen Welt in die nächste geführt. Die alles Vorherige zerstörenden Weltuntergänge sind dabei so nahtlos in das Spiel eingebaut, dass keine Endzeitstimmung aufkommt. Alles wird zu Nichts bevor es wieder zu Allem wird. Durch die Möglichkeit, als ZuschauerIn direkt den Prozess des Entstehens beobachten zu können, ist auch die eigene Vorstellungskraft gefragt und alle werden gemeinsam Teil der nächsten Phantasie, die sich aus dem fußballgroßen Lehmklumpen bildet. Und in diesem Sinne versammelt sich das junge Publikum nach Stückende um den nun nicht mehr verloren wirkenden Arbeitstisch, um selbst ihre eigenen Lehmwelten zu bauen.

 

Ich kann mir ein ähnliches Kunst-Abenteuer auch sehr gut für eine ältere Zielgruppe (Teenager oder Erwachsene) vorstellen. Die Besonderheit besteht in eben dem direkten Beteiligungsprozess, den man als ZuschauerIn eingeht. Und automatisch wird die eigene Spielfreude und Phantasie angeregt.

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