Partizipative Kunst? Ein Widerspruch in sich? Eine Entdeckungsfahrt.

am 13. April 2015 | in Dialog und Teilhabe, Offenes Forum | von | mit 0 Kommentaren

Dass die Überschrift zu diesem Beitrag eine Frage ist, ist gewollt. Und es werden noch viele weitere Fragen folgen – selten mit bereits befriedigenden Antworten. Als Ruth Gilberger, Vorständin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, das dritte Offene Forum an der Alanus Hochschule mit ihrem Vortrag beschloss, ging es ihr eben darum, erst einmal die wichtigen Fragen zu stellen.

Nachdem circa 30 Kunstschaffende aller Sparten über drei Semester hinweg in dem öffentlichen Veranstaltungsformat Offenes Forum mittels Vorträgen und Performances ihre partizipativen Ansätze und Strategien vorgestellt hatten, macht es sich Ruth Gilberger zur Aufgabe, diese in eine Systematik zu überführen – in eine „Matrix für Partizipation in der Kunst“, sozusagen.

Um dieses noch nicht scharf umrissene Themenfeld zu bearbeiten, bedient sie sich einer bildlichen Sprache mit Anklang an die Begrifflichkeit der Seefahrt und der skulpturalen Präsenz von zwei unterschiedlichen Schiffsmodellen, die als Formen der Navigation ein wissenschaftlich effizientes Fahren und ein künstlerisches Driften durch das noch undurchdringliche partizipative Gewässer symbolisieren. Sie sticht metaphorisch in See, um diese anhand von verschiedenen Fragen zu erkunden und verbal zu kartografieren:

  • Welcher Begriff von „Kunst“ wird hierbei gattungsspezifisch und übergreifend verwendet?
  • Wie verschiebt sich die Auffassung von Autor und Rezipient?
  • Welche ästhetischen und welche kommunikativen Strategien kommen zum Einsatz?
  • Wie sieht es aus mit der Bewertbarkeit gesellschaftlicher Beiträge in und durch die Kunst und mit ihrer Wirksamkeit?

Als Navigationshilfen wirft Ruth Gilberger drei Bojen aus, die plastisch gestaltete erste Anhaltspunkte, Fixpunkte bieten sollen: der Ort, die Akteure und die Strategien. Sie sind die Startpunkte, um zu beschreiben, was Partizipation in der Kunst sein und leisten kann:

  • Lassen sich Gelingens- und Störfaktoren für partizipatorische Prozesse benennen? Warum funktioniert was in welchem Kontext?
  • Welche qualitativen Parameter machen es sinnvoll, künstlerische Prozesse in die Gesellschaft zu integrieren? Gibt es dafür benennbare Faktoren?

Mit diesen Fragen zielt Ruth Gilberger dabei nicht nur auf die Erkundung, eine Beschreibung oder Definition der partizipativen Kunst, sondern auch auf ihre Einbettung in den Kontext der Kunst allgemein. Ist das, was sie mit ihren Fragen versucht zu umschreiben und zu bestimmen – die partizipative Kunst –, ein Teil der Kunst oder verdient sie diese Auszeichnung gar nicht? Kann sie Kunst sein, wenn sie Fragen nach Strategien, Bewertbarkeit und Wirkung stellt? Ruth Gilberger sagt ja. Und partizipative Kunst hat besondere Potenziale:

„Partizipative Prozesse zielen auf die Erweiterung von Handlungs- und Möglichkeitsspielräumen aller Beteiligten; künstlerische partizipative Prozesse zielen deshalb zuallererst auf die Erweiterung von ästhetischen Handlungs- und Möglichkeitsspielräumen.

Solche Formen von Partizipation zielen also auf Empowerment und Selbstermächtigung von schon vorhandenen Potenzialen, und gehen nicht von einer defizitären Ausgangssituation per se aus.

Das Potenzial der Künste in ihren Wechselwirkungen und ihrer Wirksamkeit in der Gesellschaft hat so ihren spezifischen, manchmal unberechenbaren, ergebnisoffenen, gestaltenden und verändernden Charakter, der möglichst vielen Menschen zuteilwerden soll.“

Mit diesen Prämissen navigiert und driftet sie zwischen den drei Bojen des Orts, der Akteure und der Strategien entlang und schafft es, die ersten Umrisse des unentdeckten Landes zu Papier zu bringen. Bis das Ziel einer qualitativen und topologischen Karte der partizipativen Kunst allerdings erreicht ist, werden noch einige weitere Erkundungsfahrten nötig sein. Mitfahrende sind ihr herzlich willkommen!

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