Für ihre Masterarbeit in Kultur Ästhetik Medien erforschte Evi Blink ihre eigene Neugier und hielt die Suche nach ihr in vier Skizzenbüchern fest. Im Rahmen des Photoszene Festivals 2025 „Photography and Feelings“ ludt sie dazu ein, gemeinsam in ihre künstlerische Recherche einzutauchen. Wie zeigt sich die Neugier? Und wie sichtbar ist eine Suche nach ihr für andere? In diesem Beitrag beschreibt Evi in Fragmenten ihre künstlerische Recherche.
„Meine eigene Neugier empfinde ich als ein fragiles Gerüst. Sie schwankt und bebt, weitet sich aus, verästelt und verwebt sich. In diesem Zustand ist meine Offenheit für Begegnungen, Erfahrungen und das Entdecken von Zufälligkeiten am intensivsten. Diese Neugier gleicht einem treibenden Driften, kann sich zu einem Springen von einem Punkt zum nächsten entwickeln.
Ohne Richtungen auszuschließen, nimmt sie Geschwindigkeit auf, bis ich irgendwann keinen Zweifel mehr habe, welchen Weg sie gehen will. Plötzlich platzt etwas aus ihr heraus – etwas Neues, das alles andere um eine neue Achse kreisen lässt. Es mag so klingen, als wäre meine Neugier ohne mich auf ihrer eigenen Entdeckungsreise unterwegs. Doch tatsächlich ist es eine Suche, die nur mit mir funktioniert. Nur dann, wenn ich einen Teil der Verantwortung abgebe und dem, was mir begegnet, den maximalen Raum gebe, sich auszubreiten. Meine Neugier lässt sich nicht lenken. Sie ist eitel und stur. Sie verschwindet ohne Ankündigung, wenn ich ihr zu viele Vorschriften mache oder versuche, sie in eine bestimmte Richtung zu zwingen. Dann verliere ich meine Aufmerksamkeit.“ (Evi Blink, Auszug)

Bild 005. Foto: Evi Blink
Gibt es ein Ergebnis, nach dem ich gesucht habe? Das Bild 005 ist vielleicht eines. Zumindest kann ich feststellen, dass meine Suche nach Neugier begleitet war von Wiederholungen, Zufällen, Begegnungen, Überraschungen, Randbeobachtungen, Irritationen und Entdeckungen. All diese Fragmente ergaben eine Struktur, die nicht linear, sondern in sich verwoben wuchs.
Die Achse, um die ich mich drehte, war eine Erbse. Eine Erbse, die vor 3500 Jahren auf Santorini verschüttet wurde, als ein Vulkanausbruch die minoische Kultur heimgesucht hatte.
Meine Recherche führte mich auf einer Reise im Zickzack an der Erbse vorbei zu Menschen, die mich in ihr Leben einluden, ihre Geschichten teilten, mich begleiteten und ohne die ich nichts gefunden hätte.
Diese intensiven Begegnungen mit Menschen, die eine tiefe Erfahrung mit dem traditionellen und zeitgenössischen Fava-Anbau verbindet, prägten meine Beschäftigung mit meiner eigenen Neugier sehr.
„Visiting is not an easy practice; it demands the ability to find others actively interesting, even or especially others most people already claim to know all too completely, to ask questions that one`s interlocutors truly find interesting, to cultivate the wild virtue of curiosity, to return one`s ability to sense and respond – and to do all this politely!“ (Haraway, 2016, S.127)
Ruth sitzt mir gegenüber auf der grünen Ateliercouch. Es ist schon ein paar Monate her, dass wir uns trafen, um über Neugier in künstlerisch-ästhetischen Prozessen zu sprechen. Damals hoffte ich, von KünstlerInnen wie ihr, Methoden zu erfahren, um neugierig zu bleiben. Ihre Antwort auf meine Frage nach ihrer Methode:
„Dinge anzuschauen, als sähe man sie zum ersten Mal (Villem Flusser) – als phänomenologische Annäherung an Dinge, Materialien, Orte, Zeiten und Verbindungen. Dazwischen: Beharrlichkeit, Disziplin, Humor und die Offenheit, das Unwägbare, das Unmögliche, das Neue und das Scheitern daran zuzulassen. Aber eigentlich ist das mehr eine intuitive Strategie als eine Methode… (ich glaube, ich mag keine Methoden).“
(Ruth Gilberger, 2024)
In Vorfreude auf die Skulptur eines Vulkans fand ich mich in Ruths Atelier plötzlich auf einer Insel wieder.
Über die „intuitive Strategie“ habe ich lange nachgedacht. Erst viel später, als meine Bücher voller Notizen, Skizzen und Bilder waren, konnte ich sie erkennen: Neugier im künstlerisch-ästhetischen Prozess initiiert nicht nur – sie transformiert sich und erhält sich dadurch im besten Fall selbst.
Auf meiner Suche trat eine Strategie zutage, die sich in einer Improvisation mit Unwissen steigerte. Alles, was ich nicht fand, ließ mich inszenieren, improvisieren und ohne konkretes Ziel agieren. Erst dadurch konnte ich die Neugier finden.
Heute auf der grünen Couch erwarte ich Besuch von Menschen, die vielleicht eine andere Sicht auf ihre Neugier haben, als die, die ich kennengelernt habe.
Ich habe mich entschieden, meine Suche in einer chaotischen Ordnung offenzuhalten. Meine Gedanken, Bilder und Fragmente hängen und liegen im Raum – zum Aufpicken und Weiterdenken. Wo sie passen, können sie angeheftet und kommentiert werden.
Ich freue mich über die ersten Gespräche. Wir reden über Kündigungen und Zukunftspläne, Fotografie und Wahrnehmung, über visuelle Tagebücher als Mittel für ein entschleunigtes, intensives Erleben der Geschehnisse.
Doch etwas wird vermisst: die vielen schönen Fotos, die eine Besucherin auf meiner Website gesehen hatte.
Es ist nicht einfach, einen eigenen Prozess für andere zugänglich zu machen. In diesem Versuch das Material zu öffnen und als Angebot für Gespräche zu nutzen liegt meine Auffassung von künstlerischer Forschung und von einem Dialograum mit weiteren Fragen.
Wie kann eine neugierige Suche zu einer gemeinsamen werden, die (bitte) niemals endet?