Rheinpanorama am Ufer von Wesseling. Foto: Lisa James.

Wesseling, was verbindet dich?

am 10. Juni 2025 | in Aviso Relation, Relationen | von | mit 0 Kommentaren

09.04.2025

Schlüsselübergabe

der schlüssel steckt –

er dreht sich und öffnet: eine tür.

Drinnen liegen Staubschichten auf allerhand Ladenflächen. Der Raum ist hell, obwohl die vielen LED-Lichter aus sind. Und der Raum ist leer, einzig die rote Kasse auf der blaugrauen Theke sticht hervor – schwer wie eine Schreibmaschine. Sonja dreht an den Hebeln der alten Kasse, die Zahlen rasten ein, dann drückt sie den letzten Hebel runter und es rattert. Das macht dann 904,25 €, sagt sie zu Theresa. Ganz schön viel, sagt Theresa. Ein Betrag wie das heutige Datum. Das ist kein Zufall, es ist der Startschuss von Aviso Relation [2025].

 

 

Die Montag Stiftung für Kunst und Gesellschaft startet ein neues Projekt in Wesseling – von Mai bis September 2025 gestaltet sie gemeinsam mit eingeladenen Künstler*innen und den Leuten vor Ort eine Zeitung. Es wird eine besondere Ausgabe: Sie bündelt Geschichten von gemeinsamen Erfahrungen und Austausch in Wesseling. Sie erzählt, was Wesseling verbindet.

Was verbindet mich mit Wesseling? Ich stehe im Geschäft und schaue mich um. Bemerke die blauen Stempelspuren in einer hölzernen Schublade unter der Ladentheke. Die vielen Regale, die darauf warten, gefüllt zu werden. Gut beleuchtet sind sie, waren einst Flächen zur Warenpräsentation für einen kleinen Baumarkt und dann ein Geschäft mit Küchenutensilien. Bald werden sie mit gemeinsamen Erinnerungen gefüllt werden, mit Texten und Bildern und Objekten. Hinter der Ladentheke kann man die Eingangstür gut sehen für potenzielle Kundinnen. Die Schaufenster lassen viel Licht rein und Blicke raus, zu den Passantinnen, auf die Straße, zum Weg Richtung Rhein. Aus den Augenwinkeln bemerke ich eine Bewegung und schaue in die hintere Ecke des Raums. An die Decke ist ein halbkugeliger Spiegel montiert. Ein Konvexspiegel, ich sehe meine verzerrte Spiegelung im Metall zu mir zurückblicken, mit verbogenen Regalen und der Theke um mich herum. Ein Sicherheitsspiegel, lese ich später nach, für Ladengeschäfte zur Beobachtung von Personen.

 

 

pipipipipip – ich verlasse das Geschäft und schaue von außen auf den Schriftzug: p a l m b u s c h  steht außendran. Ein Schriftbild wie ein Scrabble Spielzug. An den Natursteinfliesen – ist es Trosselfels oder Muschelkalk? – klebt noch ein Rest rot, ein ausgewaschenes Graffiti, unlesbar. Auf dem Boden vor dem Geschäft liegt ein blau-weiß-gestreiftes Bonbonpapier: vivil, lese ich. VIL VIVIL VI — SIN AZUCAR    SANS SUCRES.  BEZ SECERA   SENZA ZUCKHERO.  ONDER SUIKER.  OHNE ZUCKER   SUGAR FR. Das Bonbonpapier bewegt sich nicht, es ist ein sonniger Tag, windstill. Auf der Straße vor dem Geschäft bewegt sich viel – ein Bus fährt vorbei, ein weißer Transporter, Autos. Verschiedene Menschen gehen dort lang, eine Mutter mit Kind, eine ältere Frau mit Rollator, Leute mit Wanderstöcken. Werden sie bald durch diese Ladentür gehen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich gehe ein Stück. Es ist das erste Mal, dass ich in Wesseling bin. Obwohl ich nur 15 Minuten entfernt wohne, war ich noch nie hier, ich fahre immer in die andere Richtung. Auf der Wiese blühen Gänseblümchen, unzählbar viele, von weitem sieht es so aus, als hätte es geschneit. Am Ufer ist ein Café. Ein Fähnchen flattert im Wind: ES GIBT EIS, steht drauf, rot und unterstrichen. Binnenschiffe fahren den Rhein entlang, sie transportieren Güter. In der anderen Richtung endet der Weg. Mein Blick fällt auf schwere Industrie – der größte Raffinerie-Standort Deutschlands, einer der größten in Europa. „Rund 3.000 Menschen produzieren hier Diesel- und Ottokraftstoffe, Kerosin, Heizöl sowie Produkte für die chemische Industrie“ lese ich im Internet. Ich muss an Leverkusen denken, nicht weit davon, in Langenfeld, bin ich aufgewachsen. Auch dort ist die Industrie präsent – nachts leuchtet das Bayerkreuz über der Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Rückweg fällt mir ein blaugrünes Poster auf einem Stromkasten auf. Ich gehe näher dran. Es ist eine abstrahierte Landschaft: Blauer Himmel und grüne Hügel. „Grüße aus West Devon“ steht dort drauf. West Devon, denke ich, das kommt mir bekannt vor. Es ist ein Poster zu einer Städtepartnerschaft von Wesseling mit der englischen Stadt Taverstock. Was für ein Zufall – meine englische Tante ist erst letztes Jahr dort hingezogen. Wer hätte gedacht, dass mich eine Verbindungslinie von Wesseling zu meiner englischen Familie zieht?

Und was verbindet euch mit Wesseling? Kommt vorbei und erzählt, was euch bewegt – schließlich ist es ein partizipatives Kunstprojekt. Die Öffnungszeiten des Ladenlokals – für die nächste Zeit ein Redaktionsbüro, ein Newsroom – sind mittwochs, donnerstags und freitags jeweils von 14 bis 18 Uhr. Anmerkungen und Fragen gerne via: posteingang-mkg@montag-stiftungen.de

 

nachtrag

ich schreibe meiner englischen Tante:

A new project I’m involved in is in „Wesseling“ near Cologne — its partner city is West Devon, Tavistock GB“ — isnt that where you live now?? xxx                            [15:53]

Yes! When we get home (next month) we will try and find the „twin town: Wesseling“ sign! What is the project? xxxx                        [18:10]

 

Text und Fotos: Lisa James.

Über Lisa James:

Für die Montag Stiftung dokumentiert sie das Projekt Aviso Relation [2025] auf künstlerische Art und Weise und versucht, die Stimmung vor Ort in Bild und Text einzufangen.

Lisa James ist Medienkünstlerin und Autorin in Köln. Lyrik und Prosa erschienen u.a. in den Literaturzeitschriften die horen, DAS GEDICHT oder ’apostrophe. Sie war Finalistin des 31. open mike am Haus für Poesie, Berlin und zu Gast bei verschiedenen Formaten für Literatur und Performance, wie den unruly readings im Orangerie Theater oder dem auftakt festival im gold+beton. Ihre Arbeiten waren unter anderem in der Temporary Gallery (Köln), im weltkunstzimmer (Düsseldorf) oder westwerk (Hamburg) zu sehen. / Instagram: @lunautin

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