Foto: Todor Joe Musev

Servicewüste Kunst

am 10. Dezember 2025 | in ÜBENÜBENÜBEN³ | von | mit 0 Kommentaren

Der folgende Text entstand im Rahmen des Stipendiums übenübenüben³ MG, einem Praxismentoring der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft in Kooperation mit dem Städtischen Kulturbüro Mönchengladbach. Todor Joe Musev verbrachte hierfür sechs Monate in Mönchengladbach-Rheydt, um gemeinsam mit der Künstlerin Katze Greeven partizipative künstlerische Prozesse im öffentlichen Raum zu erproben. Der Blogbeitrag dokumentiert persönliche Beobachtungen, künstlerische Herangehensweisen und Erfahrungen vor Ort und bietet einen Einblick in die Arbeitsweise der gemeinsamen „Agentur für was im Raum steht“.

6:30 Uhr Ankunft, Mönchengladbach Hauptbahnhof. Ich kam eben mit dem Nachtbus aus Halle an und lasse meine Blicke über das Gelände am Bahnhof schweifen. Nasse Sandhügel auf der Baustelle, leere Büroflächen zu vermieten, leuchtende LED-Schilder am Kiosk, daneben ein Polizeiauto, weiter hinten der hellrote Sonnenaufgang. Die verwitterte Martiniwerbung an der Hauswand gegenüber des Busbahnhofs erzählt von einer vergangenen Zeit. Die Straßen breit. Hier rollen Reifen, keine Straßenbahn. Auf dem Weg zum Maria-Lenssen-Garten zeigt sich Rheydt verschlafen, fast überrascht, als hätte es nicht erwartet, so früh Besuch zu bekommen. Das Ordnungsamt schlurft durch die Straßen und weckt ein paar schlafende Tauben. In wenigen Stunden startet das Kennenlerntreffen mit der Montag Stiftung und den anderen Bewerber:innen. Ich halte mich solange mit einem Kaffee wach und schaue über den menschenleeren Marktplatz, dann hoch zur Kirchenspitze – wo ist sie hin? – und frage mich, ob das wohl der Ort ist, an dem ich bald sechs Monate leben werde.

Einige Wochen später treffe ich Katze in Berlin. Seit wir uns in Rheydt kennengelernt haben, ist das unser erstes Wiedersehen, sowie der Beginn einer besonderen Freundschaft und abenteuerlichen Zeit. In Rheydt angekommen heißt es dann: Üben! Aber was eigentlich und wie? Schon in der Schule hieß es üben. Für den Test, für die Note, ja, für was nochmal? Im Gitarrenunterricht immer das gleiche Lied. Üben. Solange, bis man nicht mehr darüber nachdenkt, was man macht, sondern es in den Fingern spürt und spielen kann wie im Schlaf. Üben, üben, üben. Laufen, Lesen, Schreiben, Kochen, Lieben, Malen, Schauen, Zuhören, lustig sein, Auto fahren und Kippen drehen. Kein Meister ist je vom Himmel gefallen. Dann im Studium weiterüben. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn zum Üben gehört Scheitern und wer will schon scheitern, wenn doch das Gelingen bewertet wird und schließlich etwas gelingen muss.

Wenn mich das ungeduldig machte, suchte ich bald nach einer Abkürzung und wollte schnell mit der Arbeit fertig werden, noch bevor ich sie überhaupt anfing. Schluss mit Üben, vor dem Üben! Aber so lief es dann auch wieder nicht. Ich musste feststellen: Die fertigen Bilder waren oft die langweiligsten und die lebendigsten waren die, die aus dem Experiment oder einem Unfall heraus entstanden.

In Rheydt habe ich das Üben auf eine Weise zum Prinzip gemacht, wie ich es im Studium selten geschafft habe. Hier habe ich mich ernsthaft getraut loszulassen, frei nach dem Motto: Nichts muss Kunst sein, aber alles kann und dann wird sie auch meistens. Das klingt vielleicht abergläubisch, aber ich denke, Kunst lässt sich eben nicht bestellen. Sie entsteht dort, wo man ihr Zeit gibt und aufhört, sie zu erwarten.

Zum Üben gehörte für Katze und mich auch: sich nicht zu ernst zu nehmen, auf Ungeplantes mit Humor und Geduld zu reagieren und sich zu trauen, in neue Rollen zu schlüpfen. Nicht nur unsere Arbeit, auch uns selbst haben wir als Übungsfeld verstanden. Während der sechs Monate haben wir unseren künstlerischen Kleiderschrank stetig erweitert und je nach Projekt unterschiedlichste Rollen eingenommen. Wir traten auf als Reporter:innen, Trödelhändler:innen, Choreograf:innen, Schlagerstars, Wahrsager:innen, Schützenkönig:innen, Kirmesanimateur:innen, Hausmeister:innen, Konditor:innen und nostalgische Nachbar:innen. Noch im ersten Monat gründeten Katze und ich die „Agentur für was im Raum steht“, unser gemeinsames Kunstprojekt, unter dessen Namen wir in Rheydt von April bis September 2025 partizipative Aktionskunst im öffentlichen Raum und auch im Maria-Lenssen-Wohnheim realisierten. Zum Abschluss des Stipendiums verabschiedeten wir uns mit der kleinsten Rheydter Kirmes, einer Kunstaktion, auf der wir gemeinsam mit den Anwohner:innen 7000 E-Scooter auf den Marktplatz schütteten, sowie einer Fahneninstallation im Maria-Lenssen-Garten, die in Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn entstand.

Eine Woche nach unserem Umzug zeigte ich Katze das Foto der Rheydter Kirchenspitze auf meinem Handy. Wie durch ein Wunder war sie wieder aufgetaucht. Wir feilten gerade an unserem Agenturtext und fragten uns, was wir als Kunstagentur eigentlich anbieten und ob wir eine bestimmte Arbeitsphilosophie haben. Wir entschieden uns für die folgenden Zeilen: Unser Horizont: Die Servicewüste Kunst. Denn welchen Service kann die Kunst schon leisten? Wir sagen: Ja! Die Agentur für was im Raum steht liefert nicht ab, sondern mit Ihnen gemeinsam. Die Servicewüste Kunst ist ein offenes Experimentierfeld mit ihren eigenen Grenzen und Gesetzen. In ihr blüht, was Sie nicht bestellt haben!

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