Fotos: Marquardt // Harmony Shanghai 2016

Die Nähe vor den Anderen

am 11. Mai 2020 | in Allgemein, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Menschen reagieren auf kaum etwas so direkt und unmittelbar wie auf körperliche, räumliche Nähe zu Anderen. In Zeiten des Corona-Kontaktverbots wird daher unsere räumliche Ordnung völlig auf den Kopf gestellt. Plötzlich kommen wir Fremden im Supermarkt näher als den eigenen Großeltern. Was macht das mit uns? Eine Annäherung aus der Tanzwissenschaft.

Es ist doch eigentlich ganz einfach. Wenn Menschen, egal welchen Alters, Geschlechts, Herkunft oder Fähigkeiten sich gemeinsam einen Raum teilen, kommen sie sich näher. Je nachdem, wie wir erzogen worden, wo wir aufgewachsen sind, oder welche Erfahrungen wir bereits mit Nähe und Distanz gesammelt haben, ist uns dieses „zusammen-sein unter vielen“ eher angenehm, oder unangenehm. Wenn nun diese Gruppe unterschiedlichster Menschen gemeinsam einen Raum betreten hat, stellen wir uns vor es sei eine große Turnhalle, und dann auch noch von jemandem-wir nehmen an von mir- aufgefordert wird, einen eigenen Platz im Raum einzunehmen, passiert das erste von einigen Phänomenen, die ich hier beschreiben mag. Die Gruppe wird laut, schaut sich nervös suchend um. Manche, die sich bereits kennen, bewegen sich aufeinander zu, um gemeinsam nebeneinander zu sein. Andere, die noch niemanden kennen, warten oft erst einmal ab, bleiben außen vor, stagnieren, prüfen, was passiert. Und immer, wirklich immer ist da dieser Platz zwischen mir und der Gruppe. „Place for Jesus“ wird dieser scherzhaft genannt. Ein „heiliger Raum“ zwischen dem, der anleitet und den Anderen. Die erste Hürde ist geschafft. Jeder hat einen Platz im Raum eingenommen.

Dann, gleich die zweite Aufforderung: „Stellt euch vor, der Raum ist ein Floß. Du musst den Platz zwischen dir und den Anderen nun so aufteilen, dass alle überall gleichmäßig verteilt sind.“ Je nach Alter meiner Teilnehmenden, wird diese Aufgabe ebenfalls noch mit Bravour gemeistert. Manchmal schneller, manchmal erst durch den erneuten Hinweis darauf, dass das „Floß an dieser Stelle sinken würde“. Aber, alle finden sich ein. Körperlich, räumlich wurde unser Platz fair und gerecht auf alle aufgeteilt, wenigstens hier. Die Übungen gehen weiter: alle bewegen sich jetzt durch den Raum. Erst langsam, dann etwas schneller, dann auf verschiedenen Ebenen. Hier und da wird gekichert, je nach Unsicherheitsgrad der Einzelnen und Stand dieser in der Gruppe kann diese Übung auch bereits völlig in die Hose gehen, da der Lärmpegel auf solche Höhen anschwillt, dass niemand mehr sein eigenes Wort versteht. Es wird laut und ich als Anleiterin muss also eingreifen, um Ruhe bitten, nochmal beginnen. Egal übrigens, ob bei studierten Erwachsenen, kleinen Kindern oder pubertierenden Jugendlichen.

Respektlos, nennen es die einen, „keine Lust auf diese Übung“ die anderen. Egal welchen Namen man diesem Moment geben mag, was dabei passiert, scheint mir von außen betrachtet, in der eigenen Praxis reflektiert und durch Theorie und Forschung bestätigt sehr klar: Menschen reagieren auf kaum etwas so direkt und unmittelbar wie auf körperliche, räumliche Nähe zu Anderen. Freunde lässt man nah an sich heran, aber Fremde? Vorurteile, Ängste, Sorgen, Rollenkonflikte, eigene Vorstellungen vom Selbst, all das wird gemischt, aufgewühlt, ja manchmal sogar in Frage gestellt und eventuell sogar revidiert, wenn wir uns mit anderen in einem Raum gemeinsam bewegen müssen. Dieser Raum muss übrigens nicht die Turnhalle sein. Er ist das Klassenzimmer, der Supermarkt, das Anstehen an der Schlange, unser Viertel, der Lebensraum, unsere Stadt und unser Land, auch unsere Kultur.

Immer da, wo sich Menschen begegnen, passieren Phänomene. Respekt kommt von lateinisch respicere: Zurückschauen und miteinbeziehen, Rücksicht nehmen. Es ist der Moment, in dem man mit den Anderen rechnet. Mein privater Raum, als weiße Europäerin ist der jener Sphäre, die mich ganz direkt- eine Armeslänge Abstand- umgibt. Kommt jemand diesem Raum näher, ist er entweder von mir dazu eingeladen oder gehört zu den Personen, die ich kenne. Wer mir ungefragt und plötzlich näher kommt, sich also selbstständig Zutritt in meine ganz direkte körperliche Nähe verschafft, den bezeichne ich als „Eindringling“ und empfinde dies als respektlos. Das mag zum Beispiel sein, wenn der Chef sich auf den eigenen Schreibtisch setzt, und dabei im schlimmsten Falle noch die Schulter tätschelt. Wenn ein Fremder auf offener Straße so nah an mir vorbei geht, dass ich von meiner Wegbahn „geschubst“ werde. Es ist aber auch der Einbrecher in meiner Wohnung, vielleicht sogar der laute Nachbar im Garten nebenan oder der Neue in der Klasse, der sich- ohne zu fragen- meinem Freundeskreis anschließt.

 

Fotos: Marquardt // Harmony Shanghai 2016

Im Jahr 2020 ist es nun längst keine Utopie mehr von einer bunten und vielfältigen Gesellschaft auszugehen. Wir sind diese Gesellschaft. Kolonialisierung, Kriege, Industrialisierung und Globalisierung haben uns gemischt. Es gibt daher also mehr Fremde als Bekannte in meinem direkten Raum, in meiner Nachbarschaft, in meinem Stadtteil. Und hier passiert es wieder: diese Unruhe, dieser Lärmpegel, der anschwillt, Stimmen, die lauter werden. Vorurteile, Ängste, Sorgen, Rollenkonflikte- vor allem das Bedürfnis zum Schutz des eigenen Raumes wird wieder größer. Problematisch, sicher, und unausweichlich, sich dieses Phänomens verantwortungsvoll anzunehmen. Aber eben auch: so normal, so menschlich, so klar.

In der Turnhalle würde es jetzt so weiter gehen: Die wirklich ganz bunt gemischte Gruppe von Menschen, die sich kaum kennen würde lernen, auch physisch in Kontakt zu treten, sich zu berühren. Sie würde sich gemeinsam bewegen, nicht nur durch den Raum, sondern in Relation zu einander und zu sich selbst. Sie würden eigenen Stärken kennen lernen: andere hochheben, von anderen gehoben werden. Im selben Moment mit der gleichen Intensität an Körperkraft mit allen im Raum das Gleiche tun. Vertrauen aufbauen und abgeben. Abstände zu Anderen einhalten und minimalisieren lernen. Aber vor Allem, würden alle ihren eigenen Raum besser kennen lernen. Verstehen wie kräftig, vielfältig, dynamisch und -in Anbetracht des großen Ganzen- wie unersetzbar jeder ist. Das Verhalten der Teilnehmenden verändert sich dann offensichtlich: sie schenken sich und allen plötzlich mehr Aufmerksamkeit, haben Achtung vor einander und vor dem gemeinsamen Prozess, identifizieren sich mit der Gruppe und mit den gemeinsamen Zielen, beziehen sich selbst und einander darin mit ein, schätzen Eigenes und Anderes mehr wert, und sind plötzlich motiviert, etwas gemeinsam zu erschaffen.

Somit ergibt sich aus Tanzwissenschaftlicher Praxis eine eigentlich ganz simple Erkenntnis: dass Werte einer Gesellschaft -wie der respektvoller Umgang miteinander- durch eine bewusst eingesetztes Manipulieren von Proxemik – der Auswahl von räumlicher Nähe die wir im Bezug auf Anderen treffen – verändert werden könnten. Respekt und Raum stehen in einem Verhältnis zu einander und beeinflussen sich. Diese Manipulation ist, positiv betrachtet, die Vermittlungsarbeit, die viele Kollegen und ich bei einem Tanzprojekt anstreben. Im Bezug auf Nähe und Distanz in Zeiten von Corona lässt sich nur erahnen, welches Ausmaß ein Kontaktverbot, eine von der Politik eingeforderte Distanz zu nahestehenden Personen, eine Minimalisierung von physischer Nähe auf uns haben wird. Schaue ich, wie schon zu Beginn der Überlegungen aus der Perspektive der Tanzpraktikerin und -wissenschaftlerin auf dieses Phänomen, dass uns zur Zeit alle betrifft, dann ist es, wie bereits angekündigt, „eigentlich ganz einfach“:

In der Turnhalle müssen nun alle, im gleichen Abstand zu den Anderen und von denen beobachtet eigene Bewegungen durch den Raum vorzeigen. So mancher blüht dabei auf und zeigt Engagement und einen eigenen starken Willen. Diese Personen erweitern dann sogar im Rahmen dieser Aufgabe ihr eigenes Bewegungsspektrum, zeigen Kreativität, Flexibilität und Bewusstsein den Anderen gegenüber, in dem sie ihr eigenes Auftreten vor Anderen bewusst in Szene setzen und dadurch sich selbst mit den Anderen in Relation bringen. Sie haben erkannt- bewusst als auch unbewusst- dass das eigene Sein oftmals schon ausreicht, um mit anderen in Kontakt treten zu können. Manche, sehr selten jedoch, widersetzten sich der Einladung, die sie als Anweisung empfinden und boykottieren ihre Teilnahme. Und dann sind da leider immer die vielen Anderen, die Mehrheit. Sie sind wie gelähmt, sie bewegen sich kaum und laufen, wenn schon, dann eher mit der Masse mit und das auch nur, weil ich es ihnen gesagt habe.

Im Verlaufe der Tanzpraxis motiviert mich die erste Gruppe, sicher. Von ihnen hole ich die Kraft, um auf die Anderen zu schauen. Die zweite Gruppe nehme ich ernst, probiere sie weiterhin zu motivieren und einzuladen, dabei zu sein. Doch hauptsächlich liegt mein Augenmerk darauf, alle diejenigen zu erreichen, die Mitlaufen. Sie probiere ich im Rahmen des Projektes so weit zu bringen, dass sie erkennen, wie wichtig sie in der Erreichung der gesetzten Ziele sind. Wie viel Platz sie doch eigentlich- jetzt schon- einnehmen dürfen und können, ohne viel zu verändern. Ich probiere sie so sehr zu fordern, sie so sehr aus ihrer Komfort Zone heraus zu holen, dass sie fast schon keine andere Chance mehr haben, als aus ihren alten Rollenbildern zu schlüpfen. Nicht um meinetwillen, zunächst mal nicht um ihretwillen, sondern im Auftrag der Kunst. Die Phänomene, die ich beobachten konnte- was passiert wenn Menschen ihre subjektiv wahrgenommenen körperlichen Grenzen überwinden, ihre Haltung, physische Relation zu anderen im Raum, zu Fremden bewusst und sichtbar und durch Berührung verändern- sind einzigartig. Es sind Phänomene, die zurückblickend, auch system-unrelevante Künstlern und Künstlerinnen noch weit über diese Kontaktlose Zeit von Corona hinweg nähren und tragen.

 

Fotos: Marquardt // Harmony Shanghai 2016

 

CV: Mia Sophia Bilitza, MA ist freischaffende Choreografin und Tanzmanagerin. Seit 2017 promoviert sie an der TU Dortmund zum Thema Respekt und Tanz im Fachgebiet Musik und Bewegung in Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung. Sie lehrt und arbeitet national und international mit einem Schwerpunkt auf Krisenregionen und Länder mit fehlenden demokratischen Strukturen.

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