Foto: Eva Caroline Eick

Rheydter Lichter – Überlegungen zu künstlerischer Kunstvermittlung

am 20. Juli 2020 | in Allgemein, Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von | mit 1 Kommentar

Im Mai und Juni 2020 erleuchteten ungewöhnliche Installationen die abendliche Rheydter Innenstadt: Die Mönchengladbacher Künstlerin Christiane Behr schuf in ihrer künstlerischen Intervention‚ Rheydter Lichter‘ durch den gezielten Einsatz tragbarer kleiner Lichtquellen und den sich alle 14 Tage auftürmenden Müllsäcken temporäre Installationen.

Anstatt diese künstlerische Intervention aus Verpackungsabfällen und diffusem Licht allein umzusetzen, lud Behr Teilnehmende ein, mit ihr bei einem abendlichen Spaziergang – und unter Einhaltung von genügend Abstand – die auffallenden Objekte gemeinsam zu realisieren. Die so entstandenen temporären Installationen setzten die regelmäßig das Stadtbild prägenden Anhäufungen von Müllsäcken in ein sprichwörtliches anderes Licht; sie ästhetisieren die alltäglichen Objekte in ihrer Form und Transluzenz. Gleichzeitig verweist die Künstlerin damit auf das Material und seine Eigenschaften und zudem auf das anhaltende Müllproblem in Städten. In Ermangelung nachhaltiger Lösungen für Verpackungsmaterialien und die Verschwendung wertvoller Rohstoffe, wird Abfall kurzerhand zur Kunst mit skulpturalen Charakter erklärt. Der innovative Umgang mit Materialien und die Einbeziehung von Co-ProduzentInnen zeichnet auch andere Arbeiten Christiane Behrs aus, sodass ihr Beitrag zur Initiative “Rheydter Resonanzen“ der Montag Stiftung für Kunst und Gesellschaft als Ausgangspunkt für neue Überlegungen zu einer zeitgenössischen künstlerischen Kunstvermittlung dienen soll.

Künstlerische Kunstvermittlung unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von anderen Formen der Kunstvermittlung, beispielsweise der Kunstpädagogik, welche Kunst zur Verfolgung pädagogischer Zielsetzungen einsetzt und methodisch auf künstlerische Vorgehens- und Produktionsweisen zurückgreift. Kunsthafte Vermittlung kann als „Fortsetzung von Kunst“ [1], als kritische Methode zur Aneignung von Kunst und darüber hinaus verstanden werden. Von ihr geht seit den 1990er Jahren auch bedingt durch einen Wechsel im Denken über institutionalisierte Kunstvermittlung und Vermittlung als werkimmanenter künstlerischer Strategie eine starke Wirkkraft auf die Theoriebildung und Praxis der zeitgenössischen Kunstvermittlung aus. Ein Prinzip, auf dem diese Form der Vermittlung basiert und wodurch sie sich in ihren Absichten zum Beispiel stark von der Kunstpädagogik unterscheidet, ist vornehmlich die Aufgabe der Zweckorientiertheit zugunsten der Vermittlung des Werkes, seiner inhaltlichen und formalen Aspekte oder des Schaffensprozesses.

Künstlerische Vermittlung setzt zudem oftmals auf die bewusste Einbeziehung anderer Personen als Rezipierende, Partizipierende oder Co-ProduzentInnen. Darin eingeschlossen ist zumeist ein prozessorientiertes Vorgehen, welches auf Freiwilligkeit der beteiligten AkteurInnen und deren Mitwirkung im Entstehungsprozess setzt, was allerdings auch ein gewisses Konfliktpotential nicht immer vollkommen ausschließen kann. Wenn letzteres in institutionalisierter Vermittlung auch durchaus zum Problem werden kann, man denke an Verweigerung oder Boykott eines vermittlerischen Ansatzes, sind Konfliktualität und Verhandlung bei der künstlerischen Kunstvermittlung insbesondere im öffentlichen Raum konstitutionelle Bestandteile des Prozesses [2].

In Forschung und Praxis gelten die oben beschriebenen Charakteristika bereits als erprobt und vielfach bestätigt. Ein alter Hut, wenn man so will. Was kann zeitgenössische Kunstvermittlung im Jahr 2020 also noch leisten, wo lassen sich Innovation und Erneuerung finden? Ein mögliches Beispiel stellt Behrs Intervention in der Rheydter Innenstadt dar. Wie bereits gezeigt, erfordert künstlerische Kunstvermittlung bisweilen die Mitwirkung anderer am Werk. Was aber, wenn Personen unwissentlich, vielleicht sogar unfreiwillig, zu KollaborateurInnen werden? Im Falle der ‚Rheydter Lichter‘ schafft die Künstlerin die Idee zum Werk und stiftet den Rahmen seiner Realisierung. Entscheidender Faktor: BewohnerInnen werden automatisch zu KollaborateurInnen. Denn sie liefern im Vorfeld das benötigte Material der Intervention, sind währenddessen ZeugInnen der Aktion und schließlich DokumentarInnen und KommentatorInnen des Geschehens.

Die Künstlerin schafft durch die temporäre Intervention im öffentlichen Raum eine bewusste Störung des Stadtbildes. Sie fordert eingeübtes Sehen und Verhalten heraus – in diesem Falle eher das Übersehen der überall verteilten Müllberge – und schafft Aufmerksamkeit für ein Problem, dessen wir uns im Alltag meist nicht sind. Die Aktion und zeitweilige Veränderung der Innenstadt sensibilisiert Beteiligte und Umstehende für Fragen zur Stadtgestaltung und nachhaltiger Ressourcenverwendung. Christiane Behr überlässt sowohl die Entscheidung über das Material als auch die Deutungshoheit am Werk den Beteiligten und schafft mit ihrer Intervention dadurch den direkten Brückenschlag zwischen Kunst und Alltag. Kunst wird plötzlich unvermittelt, sie betrifft und involviert einjeden, ohne dass man sich ihr zu entziehen vermag.

 

Foto: Eva Caroline Eick

 

Literatur:

Gangl, Christian; Morawek, Katharina: Geschichte als Konfliktzone. Plattform

Geschichtspolitik, in: Jaschke, Beatrice; Sternfeld, Nora (Hrsg.): Educational Turn.

Handlungsräume der Kunst- und Kulturvermittlung (ausstellungstheorie & praxis, Bd. 5),

Wien/Berlin 2012, S. 171-175.

Maset, Pierangelo: Aussichten aus der Peripherie. Über Kunstvermittlung im Allgemeinen und

Kunstcoop im Besonderen, in: Neue Gesellschaft der Bildenden Künste (Hrsg.): Kunstcoop.

Künstlerinnen machen Kunstvermittlung, Berlin 2002, S.142-153.

[1] Maset 2002, S. 147.

[2] Vgl. Gangl/Morawek 2012, S. 175.

Eine Antwort zu Rheydter Lichter – Überlegungen zu künstlerischer Kunstvermittlung

  1. Vielen Vielen dank an Eva Caroline van Eick für den Text!!!! Und natürlich Vielen Vielen dank an Die Montag Stiftung für die Möglichkeiten!! Und das veröffentlichen👍👍👍👍❤️

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