Hilary Jeffrey (Posaune) und Michael Vorfeldt (Prototyp Käseglockenspiel) beim Klangerzeugen, Foto: Janina Janke/unknown spaces

Einige resümierende Eindrücke von Michael Vorfeldt zum letzten Musiklabor in Rüdersdorf

am 18. April 2019 | in Allgemein, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Der Klangkünstler Michael Vorfeldt reflektiert seine Erfahrungen aus dem Musiklabor, zu dem er und seine Kolleginnen und Kollegen von unknown spaces mit Patientinnen und Patienten der Immanuel Klinik in Rüdersdorf zusammengearbeitet haben:

Hätte ich unmittelbar nach dem Musiklabor meine Gedanken niedergeschrieben, so wären sie sicherlich ziemlich emotional geprägt gewesen. Bei unseren Sessions mit den verschiedenen Gruppen gab es nämlich immer wieder sehr berührende, bewegende, aber auch in vielerlei Hinsicht überraschende Momente.

Nun, mit einigem Abstand, fällt es mir deutlich leichter, einige Eindrücke und Erfahrungen resümierend aufzuschreiben.

So habe ich z.B. bei all den verschiedenen Zusammenkünften mit den sehr unterschiedlichen Gruppen den Eindruck gewonnen, dass unsere musikalische Arbeit aus der Rolle des beruhigenden, entspannenden oder gar meditativen etc. – eine Funktion, in die Musik meines Erachtens schnell und gerne in einem wie auch immer gearteten Klinikkontext hineingedrängt wird – heraustreten konnte.

Im Gegenteil – Musik, Klang und auch Geräusch konnten in all ihren Facetten und somit auch in durchaus scharfer, ja manchmal sogar in aggressivere Weise, als Ausdrucks- und Gestaltungsmittel verwendet werden.

Es durfte auch mal laut, schrill, chaotisch, ja sogar „unangenehm“ werden.

Musik war somit nicht auf die Rolle von Harmonie und Wohlklang reduziert (Fähigkeiten, die ich sehr an Musik schätze und auf keinen Fall missen möchte), vielmehr konnte sie auch in unserem Musiklabor ein extrem vielfältiges, künstlerisch gestaltetes Medium sein. Vom Wohlklang bis hin zum schrillen Geräusch, vom getragenen Tempo bis hin zum frei rhythmischen Spiel war extrem vieles vertreten, was Musik zu bieten hat. Die damit verbundene weite Palette von klanglichen Möglichkeiten war nicht nur akzeptiert, sondern auch immer wieder gewünscht. Sei es bei der Umsetzung von Partituren – zumeist Übertragungen extremer psychischer Erfahrungen in eine grafisch kompositorische Form – oder sei es bei spontanen Klangaktionen, immer wieder betrat die dabei entstandene Musik akustische Extrembereiche.

Hinzu kam aus meiner Sicht, dass es, insbesondere bei Gruppenaktionen, häufig zu einer außergewöhnlichen Intensität kam, die ich in den meisten Situationen nicht für möglich hielt. Ausgangspunkt dieser in der Gruppe stattfindenden Aktionen war z.T. auch ein zuvor stattgefundenes und auf ein Individuum bezogenes Arbeiten, wie z.B. die Herstellung der Partituren. Eine für alle spürbare Dynamik entwickelte sich jedoch am deutlichsten in verschiedenen gemeinsamen Aktionen. Sei es bei der Umsetzung der grafischen Partituren, die nicht aus Noten bestehen, sondern aus Gezeichnetem, sei es bei inhaltlich klar umrissenen oder völlig freien Klangaktionen, immer wieder zeigte sich, zu welch intensiven Erlebnissen Musik uns als kollektive Erfahrung und beim gemeinsamen Machen führen kann.

Michael Vorfeldt an der „Langsaite“, Foto: Janina Janke/unknown spaces

Spannend fand ich dabei auch immer wieder die unter Ausnutzung des gesamten Raums stattfindenden Klangaktionen, bei denen sich alle frei mit dem jeweiligen Musikinstrument (Klangerzeuger) im Raum bewegen konnten. Musik als Gruppen- und Raumerfahrung. Zeit, Raum, Aktion und Interaktion wurden zu zentralen Elementen einer gemeinsam gestalteten musikalisch / akustischen Situation.

Und dann gab es auch stärker performative Elemente, wie z.B. das Arbeiten mit Sprache, aber auch das Bespielen einer „Langsaite“, ein quer durch den Raum, also ca. 12 Meter langer, extrem dünner Stahldraht, der mit Hilfe von Drahtseilspannern auf Zug gebracht wurde. Mittels Piezo-Tonabnehmer abgenommen und verstärkt, wurde jede Art von Berührung des Drahtes – sei es ein vorsichtiges Entlangstreichen mit den Fingern oder ein kraftvolles Anreißen des Drahts mit der ganzen Hand – unmittelbar als klangliches Ereignis wahrnehmbar. Feinste wie auch kraftvolle Bewegungen wurden durch die entsprechenden Schwingungen der Langsaite auf eine akustische Ebene transformiert. Es entstand die erste Version eines Instruments, das in extremer Form Körper-Aktion und Klang miteinander verbindet. Auch hier wieder für mich sehr faszinierend die Begeisterung für die Symbiose von Klang, Bewegung und Raum.

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