Expedition Godesberger Bach

am 15. Juli 2026 | in Allgemein, ÜBENÜBENÜBEN³, übenübenüben³ | von | mit 0 Kommentaren

Im Rahmen ihres 6-monatigen Stipendiums übenübenüben³ in Bonn Bad Godesberg haben die Künstlerinnen Tina van de Weyer und Neja Häbler erkundet: Einen Stadtteil, der ihnen unbekannt war, darin eine Straße und nebenan einen Bach. Dieser wurde gemeinsam mit Nachbar*innen erforscht und neue Gegenden entdeckt. Der Blogbeitrag dokumentiert dieses Erkundung.

Der Godesberger Bach fließt durch den gesamten Stadtteil Bad Godesberg. Mal tritt er sichtbar zwischen Häusern und Gärten hervor, mal verschwindet er für lange Strecken unter Straßen und Gebäuden, bevor er schließlich in den Rhein mündet. Auch die Paul Kemp Straße kreuzt seinen Weg. Dort tritt der Bach nach seinem langen unterirdischen Verlauf unter der Bad Godesberger Innenstadt wieder ans Tageslicht.

Bei einer unserer Kemp-Küchen erzählt ein Nachbar, dass er als Kind manchmal dem Bachlauf gefolgt ist und so seinen Stadtteil erkundet hat. Seine Geschichte weckt sofort Interesse. Wie verläuft der Bach heute? Wo verschwindet er? Und bis wohin kann man ihm eigentlich folgen?

Noch am selben Abend entsteht die Idee einer gemeinsamen Exkursion. Schnell findet sich eine kleine Gruppe neugieriger Nachbarinnen und Nachbarn zusammen, die den Bach von seinem Verlauf im Stadtteil bis zu seiner Mündung in den Rhein erkunden will.

An einem sonnigen Frühlingstag ist es schließlich so weit. Nach einigen Regentagen zuvor beginnt die Natur gerade wieder auszutreiben. Unser Treffpunkt ist ein kleiner Parkplatz im Marienforst, an dem wir uns voller Erwartung zusammenfinden. Niemand von uns weiß zu diesem Zeitpunkt genau, was uns unterwegs eigentlich begegnen wird.

Mit Gummistiefeln, teils wasserdichten Hosen, Wanderstöcken, Helmen und besonders hellen Stirnlampen ausgerüstet wirken wir wie eine kleine Expeditionstruppe. In den Rucksäcken befinden sich Kameras und Aufnahmegeräte, denn wir wollen unsere Erkundung auch filmisch dokumentieren.

 

 

Vom Parkplatz aus über das hohe Gras einer angrenzenden Wiese erreichen wir das Wasser und steigen hinab in den Bach. Langsam setzt sich die Gruppe in Bewegung. Das Wasser glitzert zwischen frischem Grün, Vogelstimmen begleiten unseren Weg und immer wieder bleiben wir stehen, um genauer hinzusehen.

Unsere Füße suchen Halt im steinigen Bachbett, ohne dass wir erkennen können, ob der nächste Schritt ins Flache oder in eine tiefe Stelle führt. Wer keine Stöcke dabei hat, organisiert sich schnell aus dem Gebüsch welche, mit deren Hilfe wir den Untergrund erkunden können. Hinweise auf sichere Passagen werden weitergegeben, vor unerwarteten Vertiefungen wird gewarnt, hier und da wird eine Hand gereicht, um einen größeren Schritt zu bewältigen.

Auch die Landschaft verändert sich. Das versteckte, grüne Bachbett mit seiner üppigen Vegetation tritt zunehmend in den Hintergrund. Das Vogelgezwitscher wird leiser, während der Verkehrslärm der Stadt immer präsenter wird. Die Bebauung rückt näher an das Wasser heran, erste Brücken tauchen auf, Mauern und Häuser säumen den Bachlauf.

 

 

Mit der Nähe zur Stadt häufen sich auch die Fundstücke. Wir entdecken einen alten Reifen im Wasser, eine vom Strom ganz rund geschliffene Porzellanscherbe und ein Spielzeugauto. Immer wieder bleiben wir stehen, drehen die Objekte in den Händen und rätseln über ihre Herkunft. Manche Gegenstände sind dem Wasser wohl schon so lange ausgesetzt gewesen, dass kaum noch zu erkennen ist, was sie einmal waren.

Besonders verblüfft sind wir, als wir einen gültigen Reisepass samt Aufenthaltserlaubnis finden. Wenig später folgt eine russische Kreditkarte. Wie sind diese Dinge hierher gelangt? Und welche Geschichten verbergen sich hinter ihnen?

 

 

Während wir noch über diese Funde nachdenken und die ersten Gummistiefel schon vollgelaufen sind, stehen wir plötzlich am Rand der Innenstadt. Jetzt wird es ernst. Direkt vor uns liegt der Eingang des Kanalsystems, durch das der Godesberger Bach unter der Stadt hindurchgeleitet wird.

Niemand von uns weiß genau, was uns dort unten erwarten wird. Wie lang sind die Tunnel? Wird das Wasser ruhig bleiben? Welche Tiere leben dort? Es ist eine Schwelle ins Ungewisse, hinter der sich der weitere Verlauf des Baches unserem Blick entzieht.

Einige von uns hatten sich im Voraus umgehört und sind zuversichtlich, dass der Bach im Untergrund ruhig verlaufen wird. Trotzdem blicken wir alle mit einer Mischung aus Neugier und Respekt auf die dunkle Öffnung vor uns.

Wir beschließen, dass diejenigen, die die besten Taschenlampen haben, vorangehen. Die Übrigen folgen auf dem schmalen, trockenen Seitenstreifen entlang des Wassers.

Mit jedem Schritt entfernen wir uns weiter vom Tageslicht. Nach einer ersten Kurve verschwindet der Eingang hinter uns komplett. Das letzte natürliche Licht erlischt und plötzlich wird jede Lampe unverzichtbar. Es ist stockdunkel. Das Plätschern des Wassers hallt laut von den Betonwänden wider.

Von vorne werden Beobachtungen und Warnungen nach hinten weitergegeben: 

„Ein Gully!“ 

„Achtung, hier geht es runter!“ 

„Vorsicht, rutschig!“

Und immer wieder stellen wir uns dieselbe Frage: Wo sind wir gerade eigentlich? Unter der Fronhofer Galerie? Schon hinter dem Schauspielhaus?
Je tiefer wir in das Tunnelsystem eindringen, desto mehr verlieren wir die Orientierung zur Stadt über uns. Irgendwann kommen wir an einen Abschnitt, an dem klar wird: Wir sind nicht die Ersten, die sich in den Untergrund gewagt haben.

Die Tunnelwände sind übersät mit Schriftzügen, Figuren und großformatigen Bildern. Im Lichtkegel unserer Lampen tauchen plötzlich Gesichter auf, daneben aufwendig gestaltete Szenen, Botschaften und Zeichen. Über viele Meter reiht sich hier ein Kunstwerk an das nächste und verwandelt den unterirdischen Bachlauf in eine unerwartete Galerie. Wir tasten mit unseren Taschenlampen die Wände ab und betrachten die Graffitis mit ihren Details. 

 

  

Nach einer weiteren leichten Kurve (wir schätzen, dass wir inzwischen etwa zwei Kilometer im Untergrund zurückgelegt haben) zeichnet sich schließlich das Ende des Tunnels ab.

Blinzelnd und noch nicht ganz an das helle Tageslicht gewöhnt, treten wir wieder nach draußen. Einige Passantinnen und Passanten blicken uns irritiert entgegen. Wahrscheinlich bieten wir einen ungewöhnlichen Anblick: eine Gruppe mit Gummistiefeln, Helmen und Taschenlampen, die gerade aus einem Bachkanal geklettert kommt. Wir sind an der Paul Kemp Straße gelandet, genau dort, wo der Godesberger Bach wieder ans Tageslicht tritt.

Zeit für eine wohlverdiente Etappenpause. Direkt am Bach, haben zwei Gruppenteilnehmer in ihren Garten eingeladen. Dort werden wir mit kühler Limonade und einer köstlichen Gemüse Quiche empfangen, die eigens für unsere Expedition gebacken wurde. Nach den dunklen Tunneln, dem Hallen des Wassers und den vielen Eindrücken fühlt sich dieser Ort wie eine kleine Oase an.

 

 

Gut gestärkt setzen wir unseren Weg fort. Nun beginnt ein völlig anderer Abschnitt der Reise. Der Bach schlängelt sich durch das Villenviertel, vorbei an historischen Gärten und Gründerzeithäusern. Entlang schiefer Mauern, unter geschwungenen Brücken hindurch und vorbei an versteckten Uferbereichen folgen wir weiter seinem Lauf.

Immer wieder gibt es Neues zu entdecken: verwitterte Statuen, überwucherte Gartenelemente und prachtvoll blühende Bäume, deren Äste sich weit über das Wasser neigen. Nach den dunklen Betonwänden des Untergrunds wirkt dieser Abschnitt beinahe märchenhaft. Der Bach zeigt sich hier von einer ganz anderen Seite und eröffnet uns Einblicke in Orte, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben.

 

 

Nicht alle Begegnungen entlang des Bachlaufs verlaufen gastfreundlich. Ein Hausbewohner, der auf seiner Terrasse steht, macht große Augen, als er unsere kleine Gruppe unten an seinem Garten vorbei staksen sieht. Sichtlich irritiert kommt er zu uns herunter und will wissen, was wir dort eigentlich machen. Dass eine Gruppe von Menschen einfach so durch den Godesberger Bach läuft, scheint nicht in sein Weltbild zu passen. Lieber schnell weiter…

Unerwarteterweise wird das Bachbett nun immer tiefer. Nach und nach laufen auch die letzten Gummistiefel mit Wasser voll. Immer häufiger müssen wir kleine Klettermanöver unternehmen, um besonders tiefe Stellen zu umgehen. Gleichzeitig wird der Bach enger, die Böschungen steiler und das Vorankommen zunehmend mühsam.

Schließlich erreichen wir eine quer über den Bach gespannte Absperrung. Mehrere Kameras überwachen den Bereich. Dahinter beginnt das Grundstück eines privaten Anwesens, dessen Uferbereich für uns unpassierbar ist. Hier wird gezwungenermaßen unsere Route im Wasser unterbrochen.
Für die letzten vierhundert Meter müssen wir den Bach verlassen und einen Umweg nehmen. Zu Fuß geht es um das Grundstück herum bis zum Rheinufer und schließlich in den Leserpark, wo der Godesberger Bach in den Rhein mündet.

Nach vielen Stunden des gemeinsamen Unterwegsseins stehen wir schließlich am Ziel. Der Bach, dem wir einen ganzen Tag gefolgt sind, verschwindet hier im großen Strom. Glücklich und etwas erschöpft leeren wir unsere Stiefel aus, stehen am Rhein und genießen den Moment. Unterwegs haben wir weit mehr entdeckt, als nur den Verlauf eines Gewässers. Die Tour wurde zu einem kollektiven Erlebnisraum, zu einem gemeinsamen Abenteuer, das die Verbindung der Teilnehmenden untereinander nachhaltig veränderte.

 

 

Mit nassen Socken kehren wir schließlich in die Paul Kemp Straße zurück. Dort entwickelt sich unser Abenteuer schnell zum Gesprächsthema der folgenden Wochen. Es werden neugierige Fragen gestellt, Geschichten nacherzählt, Fotos herumgezeigt und am Ende steht schnell die Idee im Raum, die Bachwanderung ab jetzt einfach jedes Jahr zu machen.

Wenn wir auf unsere Expedition schauen, bleibt eine wesentliche Erkenntnis: Ein Ort ist nichts Feststehendes, sondern erschließt sich erst, wenn man gemeinsam losgeht, die Perspektive wechselt und genau hinschaut. So sind wir auch der Paul Kemp Straße begegnet. Statt nach einer einzigen Geschichte zu suchen, haben wir viele gesammelt, dokumentierte und erinnerte, alltägliche und außergewöhnliche. Aus diesen verschiedenen Schichten entstand nach und nach ein gemeinsames Bild, das nie abgeschlossen ist, sondern sich mit jeder Begegnung weiterentwickelt.

 

 

Für alle, die mehr sehen wollen, gibt es  ein Video, dass den Ausflug dokumentiert: Bachvideo

 

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