Im Rahmen des Projektsstarts von Lost&Found in Ludwigshafen, stellt Lehrlogopädin, Stimmtherapeutin und Künstlerin Wiltrud Föcking in ihrem Essay die kommunikative Funktion des „Schluchzen“ zentral, sowohl als Ausdruck in Momenten der Trauer sowie als neurophysiologische Funktion des menschlichen Körpers.
Jetzt verschwinden die Wörter [und die] Stimme klingt so entschieden.¹
Wenn die Worte verschwinden, weil sie getrennt sind von dem, was geschieht, bleibt die Stimme dennoch entschieden: Sie klingt so, wie ihr geschieht – besonders in emotional ergreifenden Momenten wie Trauer. Als kommunikative Funktion im menschlichen Organismus ist sie neurophysiologisch mit den Emotionen verknüpft und drückt diese selbstreguliert und unkontrolliert aus.
Wie klingt die Stimme, die trauert? How sounds a griefy voice?
Vielleicht schluchzte die kleine Seejungfrau, die Sirene aus dem Märchen, mit der „schönste[n] Stimme von allen“², bevor sie diese für immer verlor. Schluchzend schluckte sie ihren Schmerz stimmlich hinunter. Sie verliert die Stimme, um dafür die ersehnte Liebe zu finden. Doch diese findet sie nicht.
Schluchzen ist eine überwältigende, eher ungewollte, unbewusst regulierte, rhythmisch staccatohafte und inspiratorische Stimmgebung. Obgleich starker Ausdruck ist Schluchzen eine Umkehrung der Verhältnisse, ein Einkehren, ein nach innen Ansaugen, Inhalieren der Luft. Es führt die Stimmlippen paradox zueinander, schließt sie und bringt sie ungewöhnlich zum Schwingen. So äußert sich diese kläglich jaulend klingende, aber unmittelbar berührende Stimmgebung. Schluchz. Das Wort illustriert den Klang. Schluchtartig beengt sich die Stimme zu einem Tunnel ins Innere. Bleibt bei sich, zieht sich zurück in den Kehlkopf, in den Erzeuger der Laute. Von außen nach innen, von oben nach unten. Diese Stimmgebung hat keine kommunikative Funktion mehr, will für sich bleiben. Einzig das Zwerchfell zappelt und versucht das zuckend höhlige Getön zu tragen. Schluchzen von außen erlebt, erzeugt Hilflosigkeit. Der:die Schluchzende wirkt in sich abgeschlossen, unerreichbar.
Auch das Entsetzen als schreckhafte Äußerung ist eine inhalatorische Stimmgebung: [hə͑!]. Der Kiefer öffnet sich und jäh wird Luft angesaugt, rasant vorbei an den Stimmlippen, die bei diesem Tempo nur einen ungeformten, hauchigen Laut zum Schwingen bringen: Schreck und (Kontroll)Verlust.
Spontane stimmliche Äußerungen werden meist nicht bewusst geplant, stattdessen haben sie Zugriff auf emotionale Vorgänge, die sie synchron vertonen. Die feinen Spektren des Stimmklangs enthalten universell wiedererkennbar Spuren von Emotionalität. Wir erkennen zurückhaltende, kraftlose Trauer in der Stimme. Hell leuchtende Freude. Zittrig zarte Angst. Wir empfinden diese unmittelbar mit. Auch lässt sich die Stimme in ihrer Reagibilität provozieren. Durch ein bewusstes Einsetzen universeller, emotionaler stimmlicher Äußerungen werden die durch diese ausgedrückten Emotionen tatsächlich wachgerufen -konstruiert. Zugleich findet eine Rückkopplungsschleife zurück zur Stimmfunktion statt, die diesen emotionalen Ausdruck sogleich noch entschiedener erklingen lässt. So wird in der Stimmtherapie das Schluchzen eingesetzt, um intensive, unterdruckgeführte, das heißt saugende Töne zu evozieren, die der Stimme Kraft und Integrität verleihen. Zugleich werden (unfunktionale) stimmliche Gewohnheiten durch das Auf-den-Kopf-stellen der Stimme destabilisiert.
Anders als das inhalierte Schluchzen ist der Schrei ein zwar ebenso existentieller, aber extrovertiert expressiver, stimmlicher Ausdruck. Ein sich zugleich von einem Außen abgrenzender und an ein Außen gerichteter, aggressiver Akt. Der Schrei des Neugeborenen ist Ausdruck von Verlustangst. Aus dem warmflüssigen, dunklen Schutzraum wird es ausgesetzt ins grelle Kalt. Es „schreit und seine Stimme tönt laut“.³
Die Stimme drückt die Emotionalität aus: Dies äußert sich in den Klangträgern der Sprache, den Vokalen. Sie sind reiner Stimmklang, Resonanz, Vibration im Körper. Entschieden drücken sie Verlustangst aus, wo die Worte verschwinden. Griefy voice.
¹ Fosse, J. (2023). Morgen und Abend: Roman (H. Schmidt-Henkel, Übers.; 9. Auflage). Rowohlt-Taschenbuch Verlag, S. 121.
² Andersen, H. C. (2003). Die kleine Seejungfrau. In F. R. Max (Hrsg.), Undinenzauber: Geschichten und Gedichte von Nixen, Nymphen und anderen Wasserfrauen (Erg. u. bibliograph. aktualis. Ausg, S. 66–95). Reclam, S.85.
³ Fosse (2023). S. 26.
Abb.: Wiltrud Föcking, Sirene 2026, Aquarell und Collage, Ausschnitt 50 x 39 cm. Foto: Wiltrud Föcking