Foto: Maurice de Martin

Falsche Delfine in Venedig

am 14. April 2020 | in Allgemein, Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Berlin, 06.04.2020, Social Distancing 3. Woche

Heute mein Arbeitszimmer geweißelt. Nach 7 Jahren erscheint das als Symbol der Erneuerung. Meine Stimmung wechselt täglich von einem Extrem ins nächste. An einem Tag fühle ich mich schon fast euphorisch und voller Tatendrang. Ist doch auch ein Adventure. Die Krise als Chance begreifen. Gleich nach der gedanklichen Manifestation dieser dämlichen und trotzdem gerade naheliegend erscheinenden Slogans aus der Selbstoptimierungsindustrie schäme ich mich für sie. Am folgenden Tag kippt die Stimmung.

Es sind in den vergangenen Tagen drei meiner alten Jazz-Helden am Coronavirus gestorben: Manu Dibango, Ellis Marsalis und Wallace Roney. Freunde aus Bukarest, Nairobi und sonst wo posten immer explizitere Nachrichten. Ein Freund aus New Jersey schreibt heute Morgen: „Covid 19 is dangerous and omnipresent. My 53 year old cousin is hospitalized with it and a neighbor’s boyfriend died from it.“ Ich lese, wie sich ältere Menschen darüber empören, dass Millennials für Corona den Hashtag #BoomerRemover kreiert haben und denke mir: OK, und was ist dann CO2?

Ein älterer Schauspieler zeigt sich auf FB im zitterigen Selfie-Video mit stark Kopfkissen-verknittertem Gesicht im Bett seiner Brooklyner Wohnung, flehend: „How long will this take? It’s only the end of March now and I’m already totally down“. Eine junge Frau kommentiert: „We have not met in person, but PLEASE let me call you! Let’s talk!“ Ein Konzeptmusik-Komponist postet seine neueste Corona-Sonifikation. Er präsentiert auch eine Partitur, die aus einem großen Corona-Virus besteht, der wiederum aus vielen kleinen Viren besteht. Die Kommentare überschlagen sich in Affirmation seiner ironischen Krisen-Coolness.

Ich melde mich bei meiner Familie zum online Homeschooling-Tutoring an. Ich merke, wie man sich zwar über mein Angebot aufrichtig freut, aber momentan mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat. Man ringt um die Existenz der Firma, Kurzarbeit der Mitarbeiter organisieren, Krankschreibungen, Anträge, Stundungen … viel mehr Arbeit als auch sonst schon. Meine eigenen Probleme kommen mir dagegen fast schon belanglos vor. In den Proberaum komme ich nur noch über eine 2×20 km Radtour quer durch Berlin, der Raum befindet sich in Marzahn, am anderen Ende der Stadt und nachdem mich vor zwei Wochen in der Ringbahn ein älterer Herr aus nächster Nähe angehustet hat, habe ich beschlossen, den ÖV zu meiden.

Anstatt weiter mit mir selbst zu proben, will ich mich lieber engagieren. Ich vereinbare mit dem Chefarzt einer psychiatrischen Klinik nahe Berlin, eine „künstlerische Telefonsprechstunde“ für PatientInnen einzurichten, die jetzt nicht mehr in die Tagesklinik kommen können und deshalb alleine zu Hause sitzen. Ich freue mich, dass man es mir zutraut, bei der „außerordentlichen“ Telefonbetreuung mitzumischen. Ich kenne über ein vorangegangenes Musikprojekt in der Klink die Abläufe und auch einige Patient*innen, warum solle man das nicht einmal ausprobieren? Vielleicht ergibt sich ja dabei ja etwas therapeutisch Nutzvolles und zugleich künstlerisch Spannendes. Ich bin zuversichtlich, telefoniere stundenlang, bin danach erschöpft und auch niedergeschlagen. Es ist sehr intensiv. Manchmal sind die Gespräche beschwingt, humorvoll, wir schaffen es, uns über allerhand Flachserei vom omnipräsenten Thema abzulenken. Manchmal kommen mir beim Zuhören aber auch die Tränen. Was soll man Menschen über die Kunst hoffnungsvolles vermitteln, wenn sie z.B. an einer Angststörung leidend einsam in ihrer Plattenbau-Einraumwohnung sitzen und jetzt auch noch durch eine derart konkrete und zugleich abstrakte Gefahr bedroht langsam in Schockstarre verfallen? Wie konnte ich hier nur von der Relevanz meiner sozialen Kunstarbeit als a priori Hoffnungsfaktor ausgehen? Ich gehe auf den Balkon, rauche und trinke zur Beruhigung. Ich weiß, das ist gerade nicht vernünftig. Ich mache es trotzdem. Muss husten. Ich entscheide mich, bei meinen Telefonsprechstunden einfach mal ziellos drauf los zu quatschen, sich über das auszutauschen, was gerade ansteht. Ohne künstlerischen Produktionsanspruch. Das kommt am anderen Ende der Leitung sehr gut an. Die Leute atmen spürbar auf, dass „der Künstler“ nicht unbedingt zur „Kreativität“ aufruft. Ist das auch ein Arbeiten im Sinne der partizipatorischen Kunst? Es sein lassen? Let’s don’t!

Foto: Maurice de Martin

Eine Freundin hier in Berlin hat mir zwei Stoffmasken genäht, wir treffen uns im Schlosspark zur Übergabe, zwei Meter Abstand. Wir wollen uns umarmen, unterlassen es aber lachend. Wir stehen uns vor der Barockschlossfassade in einer fast surreal anmutenden Situation der vernünftigen Zurückhaltung gegenüber. Beim Aldi um die Ecke ist „Klopapiertag“. Die junge Kassiererin, die ihre Kunden sonst adrett anlächelt und immer einen kessen Spruch auf Lager hat, ist in der Zwischenzeit bierernst in sich versunken und gähnt hinter der Plexiglasscheibe ohne die Hand vor den Mund zu halten. Ihre falschen Wimpern sind verrutscht, die Augen sind streng auf das Kassenboard gerichtet. Ich versuche ihr ein Lächeln mitzugeben, sie schaut durch mich hindurch in eine unbestimmte Ferne. „Danke“ sagt sie dann trotzdem. Ich bin traurig.

Bei mir im Haus gibt es einige „Betreutes Wohnen“- Einheiten. Es gibt in diesem Kontext auch einen Typen, der mit Hip Hop-Outfit herumläuft, mit großen Kopfhörern auf den Ohren und aggressiv-schreiend die Texte der Musik rezitiert, die er hört, in seiner Wohnung bei offenem Fenster und auf der Straße bei Nacht. Die Nachbarn meiden ihn, weil er allzu grimmig rüberkommt. Ich habe mir schon einmal überlegt, ihn zu fragen, ob ich ihn aufnehmen darf. In den letzten zwei Wochen beobachte ich, wie sein Verhalten sich verändert. Wenn er über die Straße läuft, geht er auf einzelne Passanten zu und brüllt sie an. Die hüpfen natürlich zur Seite. Gestern Nacht hat er auf der Baustelle vor dem Haus randaliert und alle Absperrungen umgeworfen. Ich frage mich, ob sich gerade jemand um ihn kümmert, oder ob auch er ohne Betreuung dasteht. Ich mache mir Sorgen. Nicht nur um die zunehmende Infektionsgefahr, auch um den augenscheinlich problematisch werdenden seelischen Zustand der Menschen, mich selbst eingeschlossen.

Ich bemerke in meinem Freundeskreis, wie die Leute nervöser werden. Die ironischen Corona-Witze auf Facebook verschwinden langsam und werden ersetzt durch Kontaktverbot-kritische Meinungsjournalismus-Links der Art „Unsere Freiheitsrechte lassen wir uns nicht nehmen!“ und dubiose Beiträge in Richtung Verschwörungstheorie. Ich versuche dagegen zu argumentieren. Ich finde, die Verantwortlichen hier in Deutschland machen ihren Job bislang recht gut. Die Situation ist hoch komplex und muss täglich neu bewertet werden. Vorsicht ist doch besser als Nachsicht. Ich finde, „Mutti“ hat eine respektable Ansprache ans Volk gehalten. Sie hat mit gebührender Verbindlichkeit die Notwendigkeiten wie auch Unbestimmbarkeiten aufgezeigt, prozessuale Perspektiven angeboten und forderte dafür die „Partizipation“ aller ein. Ich bin gerade recht froh, dass Angela Merkel an der Spitze unseres Staates steht und nicht ein Trump, Orbán, oder Bolsonaro. Und ich glaube auch nicht, dass wir am Ende der Krise unter ihrer Führung in einer Diktatur aufwachen werden.

Ich stehe beim ersten Tageslicht auf. Das Vogelgezwitscher hört sich an wie ein elektronisches Stück von Iannis Xenakis. Zum Frühstück kommt die Mediendusche:1034 Neuinfektionen über Nacht, 89 Todesfälle, neue Prognosen, neue Ankündigungen, Dr. Drosten, RKI, Johns Hopkins Universität, „kritische“ Journalisten vom linken wie rechten Rand beschweren sich über die „Hofberichterstattung der Mainstreammedien“. Die Lage auf Lesbos wird immer prekärer. Auf Sizilien plündern 20 Familien mit Unterstützung der Mafia einen Lidl. Es heißt, dass Männer in der Krise viel zu präsent seien und dass zugleich alle Länder, die von Frauen geführt würden, besser mit der Krise umzugehen wüssten. Ich mache mich auf die Suche nach Medien, in denen möglichst NICHTS über die Krise steht. Ich werde fündig: beim Missy-Magazine und Après-Ski-Party-Wegweiser Bad Ischgl. Nicht nur die Haut an meinen Händen wird vom kontinuierlichen Waschen immer dünner, auch meine Nerven von der kontinuierlichen infokalyptischen Dusche. Nach zwei Wochen stelle ich das Wasser ab. Lieber in Wiederholungsschleife „Panic“ von Reggae-Man Lee „Scratch“ Perry hören!

Die Antifa geht zum Sonntag am Kottbusser Tor mit 150 Leuten zu einer „achtsamen Anti-Hygienediktatur-Demo“ auf die Straße, sozusagen als vorgezogene 1. Mai-Demo, nur eben etwas „achtsamer“ als sonst, d.h. in Zweiergruppen, mit jeweils einem Banner und gehörigem Abstand dazwischen. Die Polizei löst die Demo auf. Die Beamten tragen keine Schutzmasken, blaffen die Demonstrierenden aus nächster Nähe an und reißen ihnen ihre Banner aus den Händen. In den Tagen danach bekommen unzählige Berliner KollegInnen –wie ich selbst- €5000.- Corona-Nothilfe überwiesen. Das geht schnell und unbürokratisch. Obwohl zuerst ein regelrechter Shitstorm erfolgt, weil der Antrags-Server zeitweise aufgrund von Überlastung und Hacker-Angriffen zusammengebrochen war. Sofort wird den Behörden unterstellt, dass da „System“ dahinterstecke. Man wolle bewusst verhindern, dass die Leute Anträge stellen. Viele scheinen erhebliche Probleme damit zu haben, zuzugeben, dass sich der Staat im Ringen mit der systemischen Überforderung offenbar bemüht, es dabei aber aufgrund der Komplexität der Lage mitunter auch „holprig“ zugeht. Wie sich in der Zwischenzeit herausstellt, ist wegen des unerwarteten Volumens der Anträge die Aufstockung der Hilfe für Freischaffende ausgesetzt. Stattdessen sollen Kunstschaffende jetzt auf Hilfsmittel des Bundes warten, oder gleich Hartz IV beantragen, was bedeutet, dass man sie in die Arbeitslosigkeit abschiebt. Die Kulturstaatsministerin lehnt ein spezielles Förderprogramm für freischaffende Kunstschaffende dezidiert ab. Zwei Tage später heißt es dann wieder, man würde sich um die Freischaffenden kümmern.

Foto: Maurice de Martin

Ein Kollege, der es vor dem Shutdown geschafft hat, ruft mich etwas beschwipst an, er habe in seinem Leben noch nie so viel Geld auf seinem Konto gehabt und würde gleich seinen Dealer anrufen. Die Drag Queen Cristeene aus Austin/Texas postet ein Video, in dem sie mit einem Monochord ein Lied für die Einsamen singt. „Lasst in diesen Tagen der Einsamkeit die schon besiegten Dämonen nicht zurück in Euer Haus. Diese verdammten Drogen-Dämonen. Ich weiß, ihr habt keine Krankenversicherung. Kill them demons with your dagger!“ In den USA haben sich vergangene Woche 6 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Wenn ich mir die Welt anschaue, bin ich momentan froh darüber, in Deutschland zu leben. Ich beobachte, wie einige Kolleg*innen am „Zustand der Demokratie in der Krise in diesem Lande“ herumnörgeln was das Zeug hält und sich zugleich anschicken, die eigene Arbeit „gerade jetzt als systemrelevant“ zu beschreiben. Trotz Corona MÜSSE man „sichtbar“ bleiben! Sich nicht unterkriegen lassen! Den Einschränkungen etwas Kreatives entgegensetzen! „Kunst kennt keine Ausgangssperre!“

Unzählige Wohnzimmer-Konzerte werden als „Watchparty“ gestreamt. Performances in der Küche mit dem Handy aufgenommen und auf Youtube gestellt. Man betont immer wieder den politischen Wert der eigenen Arbeit. Und das „Partizipative“ an ihr. Die Leute werden um ihre Meinung gefragt. „Was ist für Euch das partizipatorische Potenzial der Krise?“ Was dazu als Feedback kommt, ist nicht immer 100% positiv und freundlich. Ich empfinde es fast schon als befreiend, dass das spätmoderne Kunst- & Kulturflimmern gerade etwas in den Hintergrund tritt und die Selbstverständlichkeit des Kulturkonsums hinterfragbar erscheint. Jetzt muss ich plötzlich auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, dass ich mich schon seit Jahren nicht mehr recht für zeitgenössische Kunst- & Kulturveranstaltungen erwärmen kann. Was aber nicht heißt, dass ich mich nicht mehr für zeitgenössische Kunst- & Kultur interessiere: ganz im Gegenteil. Mein Problem ist, dass der Großteil aller v.a. großstädtischer Kunst- & Kulturveranstaltungen heute von einem eher „homogenen“ Personenkreis ausgerichtet wird und dass der Produktionsmodus hier Resultate generiert, die sich allzu oft eher vorhersehbar als überraschend und irritierend zeigen, v.a., weil man sich unablässig an den Gemeinplätzen des zeitgenössischen Bildungsbürgertums abzuarbeiten scheint. Der französische Philosoph Guillaume Paoli spricht in seinem Buch „Die lange Nacht der Metamorphose“ in diesem Kontext über „Gentrifizierung der Kultur“ als eine Art „Selbstvergewisserungsindustrie“. Mit gewissem Widerwillen denke ich schon heute an die Post-Corona-Verarbeitungskunst-Förderung.

Die Maslow’sche Bedürfnispyramide scheint plötzlich auf den Kopf gestellt. Ich habe deshalb auch keinen Bock auf den von der Zeit empfohlenen „Quarantini-fürs Zu-Hause-Feiern-Cocktail“ über Video-Schalte. Mein letzter Weisheitszahn pulsiert und ich weiß nicht, ob ich zum Zahnarzt gehen soll. Wie sieht es da mit der Infektionsgefahr aus? Es geht also gerade einmal nicht vornehmlich um meine Kunstarbeit und die mediale Repräsentation dieser. Fehlt mir das? In meinem Arbeitszimmer steht ein Klavier. Ich rühre es nicht an. Ich habe eine Videokamera. Ich rühre auch sie nicht an. Stattdessen beobachte ich mich selbst und meine Umgebung. Ich halte inne und mache mir intensivierte Gedanken über den nächsten Supermarktbesuch. Oft verspüre ich dabei ein subkutanes Gefühl aufsteigender Verzweiflung und bemerke, dass ich über rein gar keine Referenzen des Umgangs mit dieser Krise verfüge. Woher auch?

Foto: Maurice de Martin

Die Postings über das glasklare Wasser in den Kanälen mit Delfinen in Venedig kotzen mich an. Sie stellen sich ja dann auch noch als Fake News heraus. Die Delfine schwimmen auf Sardinien. Aufrufe zum gemeinsamen Musizieren um 19h auf dem Balkon ignoriere ich genauso wie das Klatschen für „unsere Held*innen“ um 20h. Ich habe vernommen, dass die Angesprochenen sich darüber nicht besonders freuen. Ich kann das gut nachvollziehen. Easy Gesture. Eine befreundete Ärztin erzählt mir am Telefon, dass sie Smart Distancing als kritisch erachte. Sie glaube nicht an die „Smartness“ der Leute. Wenn es nach ihr ginge, würde es nach Vorbild Wuhan bis Mai eine totale Ausgangssperre geben. Dort hatte man ja sogar die Eingangstüren der Wohnblocks zugeschweißt. Das war zwar schon etwas grenzwertig, aber es habe eben funktioniert. Sie glaube nicht, dass der hier gewählte eher liberale Kontakteinschränkungsmodus die Infektionskurve abflachen würde und sähe den Kollaps des Gesundheitssystems – und ihren eigenen – auf uns zukommen. Kann man den Informationen aus China trauen? Sie spricht ganz offen und ihre Stimme erinnert mich dabei irgendwie an Siri. Man erhält plausible Antworten, aber es will sich doch kein richtiger Erkenntnisgewinn einstellen.

Ich erzähle der Ärztin, wie Berliner Kolleg*innen gerade als Kunstprojekt „Corona Distance Walks“ durchführen und dabei dokumentieren „wie wunderbar ruhig die Stadt gerade erscheint, wie sauber die Luft, wie klar der Abendhimmel. Die Entschleunigung der großen Stadt erleben! Die Hasen hoppeln aus dem Tiergarten raus bis nach Berlin-Mitte!“ Ich kenne diese Gedanken von meinen eigenen abendlichen Stadtrundfahrten. Ich vermittle sie nur im engsten Freundeskreis. Die Ärztin erzählt mir, wie sie auf Facebook gesehen habe, dass eine Yoga-Gruppe Fotos einer Session im Tiergarten mit einem mit Blumen wunderschön ästhetisch ausgestalteten Kreis aus Yoga-Matten gepostet habe, mit zwei Meter Abstand natürlich, zwischen den einzelnen Positionen. Alles sehr durchdacht. Sie fragt: woher nehmen die Leute nur ihre Souveränität? Ich lese einen Essay im Cronicle of higher Education: „Why the Creative Industry should ignore all that Cornonavirus inspired Productivity Pressure“.

Mein letztes Konzert vor der hiesigen Manifestation der Krise fand drei Tage vor dem Veranstaltungsverbot statt. Der Laden war brechend voll, ich hatte nach dem Konzert unzähligen Menschen die Hand gegeben, ja sie sogar umarmt und geküsst. Wann wird mein nächster Live-Auftritt stattfinden und wie wird sich das anfühlen? Wie wird sich das Publikum verhalten? Ein einziger Veranstalter hat noch nicht abgesagt. Er gehe davon aus, dass das Festival wie geplant Mitte Juni stattfinden würde, fände es im Moment aber „unethisch“ mit dem offiziellen Kartenverkauf zu beginnen. Sein Wort in Gottes Ohr.

Ich verspüre immer wieder eine plötzlich auftauchende Kurzatmigkeit. Mein innerer Therapeut sagt mir, das sei soweit normal. Einfach mal innehalten. Ich lasse mir „zur Sicherheit“ eine Pneumokokken-Impfung verpassen, radle nach dem Termin durch die Stadt, fühle mich dabei plötzlich sehr einsam, möchte zu Hause angekommen jemanden vorfinden, den ich fest drücken kann. Der mich fest drückt. Mit dem ich physisch über alles sprechen kann. Der mit mir physisch über alles spricht. Keiner weiß, wann das wieder möglich sein wird. Die wenigen Menschen, die dafür in Frage kämen, sind – obwohl zum Teil örtlich nahe – momentan doch unerreichbar. Sie befinden sich oft in einer ähnlichen Situation. Wir telefonieren, skypen, zoomen, smsen, whatsappen, posten, mailen, aber irgendwie bringt das keine wirkliche Nähe. Man merkt, wie sich schnell Kommunikationsermüdung einstellt. Das bringt mich und viele andere in meiner Umgebung in einen prekären Zustand. Viele Phänomene, die Andreas Reckwitz in seinem Buch „Gesellschaft der Singularitäten“ beschreibt, zeigen sich momentan in ihrer radikalisierten Form.

Eine Freundin aus Bukarest, Mutter dreier Kinder, seit zwei Wochen samt Familie im Ausgangssperre-Modus schreibt mir: „You know, everybody wants what they cannot have right now. You long for human contact, I desperately need some ‚me‘ time!“ Ein Kollege aus Warschau versucht seit zwei Wochen die Situation mir seinem autistischen Sohn im 7. Stock seiner Plattenbaueigentumswohnung zu „managen“. Der Sohn ist zudem hyperaktiv und zerlegt die Wohnung langsam in ihre Einzelteile. Der Aufzug ist kaputt. Er geht trotzdem auch für die alte, alleinstehende Nachbarin einkaufen und trägt ihr die Lebensmittel vor die Tür. Den Begriff Solidarität erfährt momentan eine ganz neue Qualität.

Foto: Maurice de Martin

Ich habe Sehnsucht nach unmittelbarer, bedingungsloser Geborgenheit, nach Familie. Meine Nichten teilen mir auf Skype mit breitem Grinsen mit, dass sie mit mir sofort zum Eis Essen gehen wollen, wenn wir uns wieder treffen dürfen. Aber dann solle es für alle eine sooo große Extraportion geben. Sie grinsen mich durch das kleine Skype-Fenster an und sagen zum Abschluss des Gesprächs, dass sie mich lieb haben und ich der „beste Onkel der Welt“ sei. Mir stehen schon wieder die Tränen in den Augen. Ich erhalte eine Nachricht über eine Paypal-Überweisung. Ein unbekannter Fan aus Neuss hatte mir €25.- überwiesen, mit der Botschaft „Super LP, danke für die Musik, das hilft mir gerade, bleib(t) gesund!“ Ich freue mich fast schon überschwänglich.

Ein Förderer möchte wissen, ob ich das internationale Kulturaustauschprojekt, für das ich erst kürzlich den Zuschlag erhalten hatte, weiterhin plane, „vollumfänglich“ durchzuführen. Das erscheint mir hochgradig absurd und ich biete eine „vollumfänglich-virtuelle“ Alternative an. Die Schweizer Hochschule, für die ich als  Lehrbeauftragter arbeite, hat mir angeboten, mein aktuelles Seminar als Webinar zu halten. Ich bin dankbar, zugleich fällt es mir aber schwer, mich auf die Vorbereitung zu konzentrieren. Meine Gedanken schweifen ab. Wie soll ich verfahren, wenn während des Kurses eine Verwandte in der Familie einer Studierenden schwer erkrankt und ins Krankenhaus muss? Wird das mit dem „Zoom“ und 17 Leuten über 4 Tage klappen? Es geht beim aktuellen Seminar um Improvisation. Das passt im Moment gut. Wir improvisieren momentan gezwungenermaßen alle. Nur eben aus der Not. Nur ist Improvisation aber viel mehr als Notfall-Strategie, Mangelwirtschaft. Soll ich auf diese kollektive Krisensituations-Improvisation eingehen, sie vielleicht zum Zentrum der Arbeit machen, oder lieber bewusst von ihr Abstand nehmen und einen Freiraum des „Anderen“ bieten?

Fragen über Fragen. Mein Eindruck, und ich will es mir selbst gar nicht mehr einreden: Kunst steht gerade nicht im Zentrum. Warum lasse ich sie dann nicht einfach mal ruhen? Ein Moratorium bitte! Ich bin gerade als Mensch, aber auch als Künstler wirklich ratlos, manchmal sogar verzweifelt. Es fällt mir mitunter schwer, ruhig und tief zu atmen. Vielleicht ist es aber das, worum es gerade geht. Trotz der Krise ruhig und tief Atmen lernen. Mario Perniola hat es in seinem Buch Die Kunst und ihr Schatten als „Choke des Realen“ beschrieben. Also, dass man an am Realen zu ersticken droht. Muss man sich da nicht erst einmal gebührend Zeit nehmen, darüber intensiv zu kontemplieren? Dass da plötzlich etwas omnipräsent ist, das wahrscheinlich gerade für das emanzipierte, selbstverwirklichte, hypersensible, konsumverwöhnte Individuum der postmodernen Wohlstandsgesellschaft eine traumatische Erfahrung und somit riesige Herausforderung darstellt, das muss man doch erst einmal sacken lassen!

Vielleicht ergibt sich aus einer intensivierten Kontemplation gerade dieses Aspekts eine wichtige zukünftige Erkenntnis. Aber dafür muss man dies meines Erachtens auch zulassen und nicht versuchen, mit selbstaffirmativen Kunstexperimenten die Krise „ästhetisch gewinnbringend“ überbrücken zu wollen. Gerade das in diesem Moment nicht zu tun, kann sich als besonders wertvoll erweisen! Wie Nietzsche es beschreibt: die Relevanz der eigenen Arbeit ergibt sich erst, wenn man sie transzendiert hat, über sie hinausgewachsen ist. Zudem geht mir Kierkegaard durch den Kopf. Seine Theorie der ästhetischen, ethischen und religiösen Phase und die Tatsache, dass die Erlösung erst dann kommt, wenn man einmal die „finale Verzweiflung“ durchlebt hat. Ich persönlich brauche das nicht!

Ich hoffe, dass wir als Individuen und Gesellschaft dann doch noch mit einem „blauen Auge“ davonkommen und daraus lernen werden. Viel Zuversicht habe ich gerade nicht und ich fände es auch nicht aufrichtig, dies zu suggerieren. Ich hoffe zugleich, dass sich Zuversicht bald wieder einstellen wird. Und ich wünsche Ihnen allen, dass Sie diese Krise möglichst unbeschadet überstehen!

Foto: Maurice de Martin

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