Foto: Teresa Grünhage

Flashlights on Rheydt: Erste Eindrücke von der Hauptstraße

am 25. Juni 2019 | in Allgemein, Neuland, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Seit dem 8. Juni ist das Projekt Neuland zu Gast in zwei Ladenlokalen auf der Hauptstraße in Rheydt und wurde von vielen Anwohnenden offen und unterstützend begrüßt. Wir fühlen uns schon jetzt nicht mehr „neu“, sondern im positiven Sinne zu Gast und freuen uns wiederum schon jetzt auf die gemeinsame Zeit in Rheydt und alle noch kommenden Veranstaltungen mit hoffentlich vielen alten und neuen Teilnehmenden!

Foto: Teresa Grünhage

Flashlight 1: Aus Zufall wird Absicht: „Unser“ Ladenlokal und der „Teppich für Rheydt“

Wie so häufig leben prozessorientierte Projekte von Zufällen. Und genauso zufällig spazierten wir an dem Ladenlokal in der Hauptstr. 12 vorbei, das durch seine Lage und seinen schönen Innenraum mit Fenstern und großer, damals noch fensterloser Front bestach – und wir dies ganz unproblematisch temporär anmieten konnten. Dass sich jetzt von der Empore bis weit in den Raum hinein ein großer „Webstuhl“ befindet, an dem wir gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern von Rheydt aus mitgebrachten Textilien einen Teppich für Rheydt, genauer gesagt für die Hauptstraße weben werden, ist ebenfalls einem Zufall entsprungen: Aus einem Gespräch über vorhandene historische Webstühle mit dem Direktor der LVR-Klinik Stephan Rinckens, der Inaugennahme der Webstühle und den damit verbundenen technischen Herausforderungen ergab sich aus dem Team des Projektes heraus spontan der Gedanke (am Büroschreibtisch): Wir bauen uns einen selber und nehmen den Raum als Rahmen für ein gemeinsames Projekt. Die Idee, den historischen Hintergrund der ehemaligen Textilstadt Rheydt damit mit einzubeziehen wie die aktuell hier lebenden Menschen durch den Aufruf zu einer Textilspende und zum Mitgestalten erwies sich als Geistesblitz der Stunde: Seit der Eröffnung sind fast vier Meter Teppich gewebt und viele Geschichten zu den Textilien erzählt worden, die als „Probe“ auf den Wänden des Lokals sichtbar werden – auch mit Kernaussagen zu der Geschichte der Stoffe, die auch immer, und häufig sehr persönliche Geschichten der Menschen sind, die sie uns vertrauensvoll erzählen und als Material zur Verfügung stellen. Wir sind uns schon jetzt sicher: Der bunte Teppich verbindet nicht nur die Stoffe der Textilien, sondern auch die Stoffe der Erzählungen der Menschen aus Rheydt und gleichzeitig die Menschen, die gemeinsam daran weben.

Foto: Teresa Grünhage

Foto: Teresa Grünhage

Flashlight 2: Aus Kochtopf wird Klang: sculpturetones gestalten den „Klangraum“ mit erstem Konzert

Erst auf den zweiten Blick fällt in der Hauptstr. 18 auf, dass etwas anders ist im Schaufenster: nebenan in der Vitrine eine Pfeifensammlung, auf der anderen Seite ein hölzernes Gestell, in dem mehrere Geigenkästen aufgehängt sind und ein merkwürdiger handgeschriebener Zettel: Hier könnte Ihre Klangspende hängen. Neugierig geworden, lassen sich im schmalen Ladenlokal noch weitere Alltagsgegenstände ausmachen, die auf dem Boden drapiert oder in große Holzständer gehängt sind: Töpfe, Pfannen, Schiefer, Teller, Siebe – alles was Klang macht, verwendet das Künstlerduo Axel Schweppe und Wolfgang Stamm für ihre installativen Klangskulpturen, die sie gemeinsam mit Interessierten in Rheydt bauen und erproben wollen. Wie anziehend und vielseitig all diese Alltagsgegenstände klingen können, zeigten die beiden einer Gruppe von interessierten Erwachsenen (webenden Eröffnungsgästen, anfangs zögerlichen Nachbarn aus den umliegenden Lokalen und Wohnungen und einer stetig wachsenden Zahl von Kindern) am Eröffnungstag: Ganz konzentriert hörten alle zu, bis sie von den beiden Musikern zum Mitmachen animiert wurden und ein erstes gemeinsames Konzert wurde im Anschluss begeistert beklatscht. Die Kinder konnten sich gar nicht trennen: Sie belagerten die Instrumente, brachten eigene mit und produzierten voller Enthusiasmus und Kraft einen Klangteppich, der vom gegenüberliegenden Cafe und einigen Besucherinnen und Besuchern doch eher dem Krach zugeordnet wurden und Irritationen erzeugten, die viele Gespräche auslösten. In der darauffolgenden Woche begannen die Musiker mit dem Potenzial und der Begeisterung der Kinder zu arbeiten – wir sind alle sehr gespannt, was sich daraus entwickeln wird. Auf jedem Fall wird jedem klar, der sich in den Klangraum begibt und für sich oder mit anderen auf den Instrumenten des Alltags spielt: Klang erzeugt Resonanzen – bei sich und bei anderen, der bezaubern, bereichern aber auch irritieren kann. Jeden Freitag ist ein Musiker anwesend, um bei der Klangerzeugung zu unterstützen – der Raum kann während der Projektöffnungszeiten auch alleine genutzt werden!

Foto: Ruth Gilberger

Foto: Ruth Gilberger

Foto: Ruth Gilberger

Foto: Ruth Gilberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Flashlight 3: Von Vögeln, Dampf und Treppenhäusern: das erste Wohnzimmergespräch mit Oliver Gather

Warum zieht ein Künstler für drei Monate auf die Hauptstraße in eine Wohnung? Was macht er da die ganze Zeit?

Das weiß er auch zu Anfang nicht, sagt Oliver Gather. Ihn interessiere das Leben auf der Hauptstraße an sich und um das zu erleben, muss man seine Perspektive dorthin verlagern, aufmerksam sein, Sachen, Menschen und Dinge finden, aus denen sich dann wieder künstlerische Fragestellungen und Arbeiten resultieren, die er mit den Menschen vor Ort teilt. So auch mit den Gästen des ersten Wohnzimmergespräches in seiner Wohnung. Auf Klapphockern können die Gäste Platz nehmen und bekommen sehr zuvorkommend frischen Pfefferminztee, Datteln und gefüllte Kekse serviert.

Auf engem Raum hat er hier mehrere LED-Beamer aufgebaut, die nicht auf eine Leinwand, sondern auf Teller projizieren, die wiederum auf einem Hocker  gestapelt sind: Dampfwolken und ein sich drehendes Treppenhaus, das dem Gewinde eines Schneckenhauses gleicht. An der Wand hängen Fotos und eine Zeichnung, die einem aufgeklappten Sandwich gleicht und die seine Wohnsituation beschreibt: unten das Ladenlokal „Vaperlounge“, oben eine bulgarische Familie und dazwischen er mit seiner Kommunikation. Verbindungsglied ist das Treppenhaus, das sich als Meisterleistung der 50er Jahre Architektur erweist und das im Anschluss jeder der anwesenden Gäste mit anderen, neuen Blick wahrnahm. Und auch die Vogelteller, die an der Wand hingen und aus den umliegenden Second-hand Läden stammten, verweisen auf eine Geschichte, die jetzt noch nicht verraten wird. Ausgang gewiss, auch hier dürfen wir gespannt sein.

Foto: Christian Ahlborn

Foto: Christian Ahlborn

Foto: Christian Ahlborn

Foto: Christian Ahlborn

 

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