Mit dem neuen Jahr läutet die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft das Leitthema „GRIEF“ ein. Im Mittelpunkt stehen dabei die vielen Facetten von Verlust – ein Thema, das in unserer Gesellschaft oft wenig Raum findet. Im Projekt „Lost&Found“ in Ludwigshafen wollen wir uns diesen Sommer der Frage nach Verlusten, dem Suchen und dem Finden widmen. Den Auftakt bildet die Erzählung einer ganz persönlichen Begebenheit.
E-Mail vom 31.03.2025
Sehr geehrte Damen und Herren vom Fundbüro,
leider habe ich meine Armbanduhr am Dienstag, 25. März 2025 wahrscheinlich auf dem Weg von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft und der Innenstadt von Ludwigshafen verloren. Es handelt sich um eine Damen-Armbanduhr der Marke Jaques Lemans, (siehe beigefügtes Foto), Model M1-788, Blaues Ziffernblatt.
Falls diese Uhr zwischenzeitlich bei Ihnen abgegeben wurde, freue ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme, da es sich um ein persönliches Erinnerungsstück handelt.
Mit Dank und freundlichem Gruß
E-Mail vom 01.04.2025
Guten Morgen,
sollte die Uhr bei uns eingehen melden wir uns bei Ihnen.
mit freundlichen Grüßen
Stadt Ludwigshafen am Rhein
Bereich Öffentliche Ordnung
Fundbüro
Was ist wirklich schlimm an einem Verlust? Der Verlust meiner Uhr war mehr als die Fehlstelle an meinem Handgelenk. Er löste in mir nicht nur eine leicht panische Suchbewegung aus, sondern verdarb den ganzen Abend in Ludwigshafen – ich hatte keinen Appetit mehr und fühlte neben der Leere – eine unbestimmte Traurigkeit gepaart mit einem konkreten Schamgefühl: ich hätte auf die Uhr, ein persönliches Geschenk nicht richtig aufgepasst. Und dies löste die (unbegründete aber letztlich begründbare) Furcht aus, dass ich mit der Uhr auch die Zuneigung der Person verlieren könnte – so rekonstruiere ich den Tathergang im Nachhinein. Und die Gefühle, die das unabsichtliche Verlieren eines vergleichsweise materiell unbedeutenden und nicht lebensnotwendigen Gegenstandes auslöste, waren erstaunlich emotional und unkontrollierbar. Der Trost meiner Kolleginnen, dass ich den Verlust im Fundbüro der Stadt melden könnte und die Uhr bestimmt???? dort abgegeben wird, wirkte nicht wirklich. Und noch viel weniger die Tatsache (Ironie des Schicksals, Fügung oder vielleicht doch Absicht?), dass in genau der Stadt, in der wir ein Projekt zum Thema „GRIEF” realisieren wollen, ich als allererstes am nächsten Morgen zum ersten Mal ein städtisches Fundbüro aufsuchen musste. Dieses war just geschlossen und ein Mitarbeiter der Verwaltung riet mir, eine Verlustanzeige per E-Mail aufzugeben, was ich auch umgehend tat. Ich hoffte, dass hier die Aufgabe eines klassischen Fundbüros, in meinem Falle eher ein Verlustbüro, erfolgreich verlaufen würde: die Transaktion von Verlust-Suche-Fund-Rückgabe eines und desselben Gegenstandes bzw. Dinges.
Interessante Feinheiten ergaben sich bei Recherchen zur Geschichte und Funktion von Fundbüros, die ja eigentlich keine „Verlustbüros“ sind: es können nur Gegenstände ab einem bestimmten Wert abgegeben werden (davon ausgeschlossen sind z. B. Schlüssel, Turnbeutel und gefüllte Einkaufstüten). Fundtiere können auch übergeben werden, wandern dann aber ins Tierheim). Und nicht abgeholte Fundsachen werden nach einer bestimmten Zeit versteigert.
Der Frage nach Verlusten, dem Suchen und dem Finden wollen wir, von dieser persönlichen Begebenheit ganz unabhängig, in unserem Projektvorhaben „Lost&Found” nachgehen:
Unser temporäres Lost&Found-Büro erweitert die Funktionen des klassischen Fundbüros auf Verlust- und Suchanzeigen, die auch immaterielle Güter einbeziehen können (Orte, Menschen, Ideen, Gefühle, Projektionen sind sonst ausgeschlossen).
Ein weiterer Unterschied in unserem Lost&Found-Büro besteht in der Möglichkeit, selbst gestalterisch tätig zu werden: durch die Sichtbarmachung und „Materialisierung“ von Verlusten, der Verbindung mit entsprechenden Suchbewegungen und des Entdeckens und Gestaltens von möglichen Fundstücken.

Die „Materialisierung“ des Vorgangs Verlieren-Suchen-Finden wird dabei durch die unterschiedlichsten künstlerischen Strategien und Materialien geschehen. Mit den Besuchenden des Lost&Found-Büros wird dieses während der Projektlaufzeit wachsen, sich verändern und vielleicht eine alte und neue Verbundenheit zwischen den Menschen, den Dingen, dem Ort und der Zeit erzeugen.
PS: Meine Uhr ist bis heute nicht abgegeben worden. Der verzweifelte Versuch, die gleiche online zu bestellen, verlief ergebnislos. Ich wollte genau meine Uhr wiederhaben und konnte mich auch nicht für ein neues Modell begeistern – bis eines Tages ein ähnliches Modell mir vertrauensvoll geschenkt wurde und seitdem meine und die Zeit misst – und noch passender ist als die Alte.