Nachbarschaftstourismus

am 21. Mai 2015 | in faktor kunst 2013, Public Residence: Die Chance | von | mit 2 Kommentaren

Eine Führung durch die mir bekannte Nachbarschaft? Was zunächst etwas langweilig klingen mag, wird in Dortmund für die Nachbarschaft am Borsigplatz zu einem unvergesslichen Erlebnis. Der Public-Residence-Künstler Olek Witt organisierte eine Tagestour, die eine Gelegenheit bot, die gewohnte Umgebung mit anderen Augen zu betrachten.

Foto: Jullian Sankari

Foto: Jullian Sankari

Die Reisegruppe steht aufmerksam in der Kapelle des Vincenzheim und lauscht ihrem Nachbarn Udo Kuhnke, der von seiner Zeit als Messdiener berichtet. Von der Erstkommunion bis zur Schulentlassung hat er hier geholfen, hat Latein gesprochen ohne diese Sprache so richtig zu verstehen und sich auf das Wurstbrot gefreut, das es nach der Messe für die fleißigen Messdiener gab. „Seltsam, dass ich noch nie hier war, obwohl ich fast nebenan wohne“, flüstert meine Stehnachbarin mir zu.

Heute ist in der Kapelle eine Zwischendecke eingezogen. Der untere Teil wird als Mehrzweckraum genutzt, der obere Raum ist nach wie vor eine Kapelle. „Kaum wiederzuerkennen“, bemerkt Udo Kuhnke.

Unsere nächste Station ist das kleine Geschäft „Borsiger Info Technik“. Die akkumulative Zusammenstellung jeglicher Produktarten lässt im Schaufenster einiges entdecken. Die edle Verpackung eines Chloé Parfums schmiegt sich an die gebrauchte noch funktionstüchtige Kaffeemaschine, die mit den eleganten Formen der topaktuellen gebrauchten Handys zu konkurrieren scheint. Von 1981 bis 2004 hat Irene Gagoupulos in diesem Ladenlokal die Kneipe „Lückert“ betrieben. „Kaum zu glauben, wie sich seitdem alles verändert hat!“, staunen die Nachbarn. „Hier war einiges los! Viele Mitarbeiter von Hoesch kamen her. Nachdem Hoesch dann aber geschlossen hat, ist alles bergab gegangen“, schildert Irene Gagoupulos.

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Foto: Jullian Sankari

Auf den Spuren der Vergangenheit geht es weiter in die Borsigschänke. Tische werden zusammengerückt, Kaffee und Tee serviert. Ein erinnerungsträchtiger Ort für Elise und Udo Kuhnke, denn hier fing ihre gemeinsame Geschichte im Alter von 18 und 21 Jahren an. „Ich erinnere mich noch, wie wir uns hier das erste Mal begegnet sind“, erzählt Elise Kuhnke strahlend. „Und als wir dann kurze Zeit später geheiratet haben, meinten Udos Arbeitskollegen: Das hält doch bestimmt nicht lange. Jetzt sind wir immer noch ein Paar!“

Auf gemeinsame Entdeckungstour gehen, Geschichten teilen und einen Samstag miteinander verbringen: Die Stimmung im Bus auf unserer Tour zum nächsten Ort erinnert mich ein wenig an die einer Ferienfreizeit. Bonbontüten werden herumgereicht. Die Stimmung ist gelöst. Alle sind gespannt: Welcher Ort ist unser nächstes Ziel?

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Foto: Jullian Sankari

Die Idee des Initiators Olek Witt scheint aufzugehen. Ihm schwebte bei der Planung der Tour eine intensive nachbarschaftliche Gemeinschaftsbildung vor, ein Erlebnis, bei dem die Teilnehmenden persönliche Geschichten teilen und in einen Dialog treten. „Wenn die Teilnehmer nach der Exkursion an ihren gewohnten Ort, den Borsigplatz, zurückkehren, dann haben sie nicht nur neue Erlebnisse mitgebracht. Sie haben wahrscheinlich ihre gewohnten Umgebungen auch ein wenig neu entdeckt und vielleicht die eigenen, oft fremden, Nachbarn (neu) kennengelernt“, beschreibt Witt seine Idee. Sein Ziel ist es, die ästhetische Wahrnehmung der Anwohner zu fördern: „Das Prinzip der Kunst ist es, das Gewohnte zu verlassen, Wahrnehmung wachzurütteln und neue Fragen zu stellen. Kunst hat immer etwas mit Unterwegssein zu tun. Und manchmal auch unterwegs zu sein mit dem Bus.“

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Foto: Jullian Sankari

Ein kleiner romantischer Garten mit plätschernden Brunnen und blühenden Bäumen, vom Grau zweier mehrstöckiger Gebäude umklammert. Den Blick nach vorne gerichtet, zielstrebig Richtung Einkaufsstraße gehend, rauschen Menschenmassen vorbei. Wir bleiben stehen und sind beeindruckt. Irene Gagoupulos steht neben mir. „Viele Menschen gehen sehr unaufmerksam durch die Stadt und würden solche schönen Orte niemals entdecken!“, kommentiert sie die beschäftigt vorbeigehenden Menschen. Birgit Schuster bittet die Gruppe näherzutreten. Hier könne sie auftanken, verrät sie der Gruppe. Für sie sei dieser Ort einer der schönsten der Stadt, den kaum jemand wahrnehme: „Ich bin viel mit dem Nahverkehr unterwegs. Wenn ich am Hauptbahnhof ankomme, gehe ich hierher, bleibe eine Weile stehen und genieße.“ Wir spazieren gemeinsam durch den kleinen Garten, lauschen dem plätschernden Wasser und bewundern die frischen Blüten.

Beobachtungen werden ausgetauscht, das Gesehene hinterfragt, Bedeutungs- und Wahrnehmungswelten geschaffen, gleich einem gemeinsamen Rundgang in einer Ausstellung, bei der ein Jeder sein Lieblingswerk vorstellt und seine Erinnerungen, Gefühle und Wahrnehmungen beschreibt.

Ich als Nicht-Borsigianerin bin beeindruckt von der Vielfalt einer Stadt, die ich bisher nur von meinen kurzen Besuchen in der Nordstadt kennengelernt habe und fahre mit vielen Impressionen zurück nach Duisburg.

Fotos: Jullian Sankari

2 Antworten zu Nachbarschaftstourismus

  1. […] Nachbarschaftstourismus Ein Bericht von Teresa Grünhage auf dem […]

  2. Spannend! Habe ich da was verpasst oder war das exklusiv für echte Insider? Quasi die VIPs, um die es bei der Borsig-VIPs-Führung geht, mal ganz unter sich 🙂 ?

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