Foto: Rolf Dennemann

Sprechstunde: Neue Dialoge aus dem Quartier

am 08. Juni 2015 | in faktor kunst 2013, Public Residence: Die Chance | von | mit 0 Kommentaren

Am Samstag eröffnet sich im „103“ eine andere Welt. Dort herrschte unter anderem der „Rasende Stillstand“, also Entschleunigung auf Speed oder beschleunigte Entschleunigung.

12. April 2015

„Ein Punk-Konzert in der kleinen Bude? Da fliegen einem ja die Ohren ab!“ Eine dunkelbunte Welt, die von unübersichtlich vielen Punk-Fans in die verklärte Beschaulichkeit des Ortes eindrang. Eine der Bands war „Rasender Stillstand“ und der Sprechstundenort, in dem noch ein paar Stunden vorher Vogelhäuschen gebastelt wurden, wurde zum temporären Zentrum für Lautprotest und Party-Party. Irgendwie – um dieses Wort ausnahmsweise mal zu benutzen – war es Punk und Poesie. Und auch Nachbarn waren da. Die Dame im Alter von 94 parkte ihren Rollator und setzte sich auf das Sofa. Wenn es ihr erstes Punk-Konzert war, war es nicht das letzte. Strange things are happening.

Sonntagmittag tirilieren die Vögelchen, Stille in der Oesterholzstrasse. Das Lokal schaut aus, als würden gleich Vogelhäuschen gebastelt. Die Sonne wirft sich in Schale, der Kioskmann sitzt vor seinem Geschäft und frühstückt. Aus geöffneten Fenstern hört man Frühstücksbrettchengeräusche und ein paar fröhliche Kinder.

Frau I. und ihr Mann bringen eine griechische Bohnensuppe samt Geschirr und kulinarischem Zubehör. Die alte Dame hat sich offenbar vom Punk-Konzert nicht erholen müssen und hat ihren Rollator bereits geparkt.

Die Schauspieler sind da. Heute alles ohne Sound und Video-Einlagen. Hören und Sehen unplugged. Wir inszenieren eine surreale Szene mit ein paar hundert Komparsen als vorstellbare Kulisse.

Szene 1: Ein Trinker liegt am Boden, Helfer sind da, aber die Entfernung ist zu groß.
Szene 2: Zwei Hiesige im Aufzug, ein Gespräch: Heimat.
Szene 3: Ein Mann gießt bei der Nachbarin Blumen und findet ein Ohr.

Anschließend wird der Sprechstunden-Bürgerchor – quasi per Probe – gegründet. Ein Gedicht wird zu Musik: „Der Sack da!“ Zum Abschluss erläutert der Künstler das Projekt „50 Menschen“ und erwartet Beteiligung. Einige melden sich spontan an. Es kann weitergehen.


Die Unveränderbare und das Ohr

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Foto: Rolf Dennemann

Autor: Rolf Dennemann
Darsteller:
Nachbarin Frau A. und Nachbar Herr B.

Sie sitzen am Küchentisch. Frau A. wartet auf den Kaffee. Herr B. schüttet heißes Wasser in den Filter. Bohnenkaffee.
Herr B: Wie geht’s denn jetzt nach dem Unfall?
Frau A: Meine Petunien brauchen Wasser.
Herr B: Unten an der Ecke hat ein neuer Laden aufgemacht. Nette Leute. Verkaufen alles aus zweiter Hand.
Frau A: Was ist mit meinen Petunien. Das hat man davon. Man kann nicht krauchen und niemanden kümmert‘s. Das ganze Leben hab ich mich abgerackert.
Herr B: Ja.
Er steht auf und gießt heißes Wasser nach.
Herr B: Ich soll Grüße von meiner Frau bestellen.
Frau A: Hier hat man alles aufgeschnitten.
Herr B: Wo? Mein Gott, da haben Sie ja was mitgemacht.
Frau A: Damals auf der Flucht hatte ich schon so einen Schmerz im Bein, hat auch niemanden gekümmert, aber wir sind durchgekommen. Kaffee!!
Herr B. holt die Kanne und gießt ihr Kaffee ein.
Frau A: Nicht, dass ich mir wieder den Mund verbrenne. Sie hören ja gar nicht zu. Ihre Frau hört besser zu.
Herr B: Meine Frau ist krank. Wissen Sie doch.
Frau A: Wenn hier jemand krank ist, dann bin ich das. Nach all den Jahren….Undankbarkeit. Draußen liegt das Laub wieder rum. Die Stadt soll sich mal darum kümmern. Wozu ist sie da? Sie kann auch mal die Bäume schneiden. Die wachsen ja über die Häuser hinaus und das Laub, das sollte sie mal wegmachen, die Stadt. Und die Bäume beschneiden. Die Arme müssen ab. Was ist mit den Petunien?
Herr B: Ich schau mal nach den Blumen.
Frau A: Was ist mit den Petunien?
Herr B: Ich schau gleich mal nach den Petunien.
Frau A: Sie verdursten so, wie ich auch verdurste.
Sie schlürft an ihrem Kaffee.
Herr B: Vorsicht. Es ist heiß.
Sie verbrennt sich.
Frau A: Wusste ich es doch. Hier wird man verbrannt.
Er gießt die Petunien.
Herr B: Es gibt jetzt eine neue Verordnung von der Krankenkasse. Da können Sie jemanden bestellen, der das alles macht.
Frau A: Nicht so viel. Sie ertrinken ja. Ich hab solche Schmerzen hier.
Herr B: Da kommt jemand raus und prüft, was Sie alles brauchen.
Er gießt weiter.
Frau A: In Allenstein habe ich einen jungen Mann kennengelernt. Im Frühling. Damals. Er hatte so eine schöne Frisur und war Lehrer. Der konnte zuhören.
Herr B findet ein Ohr.
Herr B: Was ist das denn?
Frau A: Da gab’s noch Gentlemen. Und jetzt? Man hat mir die Luft aus dem Rollator gelassen unten im Flur.
Herr B: Ein Ohr. Ich habe ein Ohr gefunden. Hier hinter der Petunie.
Frau A: Hören Sie überhaupt zu? Ihre Frau…
Herr B: Ein Ohr. Oder soll ich sagen eine Nase, wo es doch ein Ohr ist. Ein frisches Ohr.
Frau A: Schnüffeln können sie, aber nicht zuhören.
Herr B ist entsetzt.
Herr B: Wo ist der Rest? Es geht doch niemand ohne sein Ohr wieder weg.
Er sucht.
Frau A: Auf die Ärzte kann man sich nicht verlassen, nicht auf die Briefträger und erst recht nicht auf das eigene Fleisch und Blut. Diese Brut!
Herr B: Und hier ist alles voller Blut.
Er flüchtet.
Herr B: Ein Ohr, ein Ohr…wo sind die Nase, der Kopf, die Füße, die Arme…
Frau A: Da haben Sie Recht, ich Arme. Verfluchte Bande.
Er ist weg.
Frau A: Eigentlich nett, der junge Mann, die Frisur wie damals der Verlobte in Allenstein. Was sagen Sie? Wen suchen Sie? Mehr Wasser und mehr Kaffee, aber nicht so heiß!

– Ende –

Fotos: Rolf Dennemann

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