Der Geisterwald. Foto: Ruth Gilberger

„Time to die“ – Besuch einer Ausstellung von Michel Gockel in der Warte zur Kunst in Kassel mit Vorgeschichte

am 14. Dezember 2018 | in Diskurse, Landschaffen, Perspektive Umbruch, Summercamp | von | mit 0 Kommentaren

Die Vorgeschichte – am Anfang war die Tat

Sich über die Kunst begegnen – so geschehen im Sommer dieses Jahres, als wir für unser mobiles Ausstellungsprojekt „Welt im Umbruch“ in Kassel dort an der Kunsthochschule nach Studierenden Ausschau hielten, die unser multiprofessionelles Vermittlungsteam bereichern und uns in die Stadtgesellschaft hinein vernetzen könnten. Der Kasseler Kunststudent Michel Gockel, der ebenfalls für das Photobookfestival tätig war, war einer von ihnen. Über das Projekt in Austausch kommen funktionierte nicht nur innerhalb des Teams und mit den zahlreichen Ausstellungsbesuchenden, sondern auch im Austausch über Fragen der Kunst und des Lebens – Anlass für die Ermutigung, sich für das diesjährige Summercamp der Stiftung zu bewerben, in dessen Zentrum die Frage nach der Kraft der Kreativität stand, der in Mönchengladbach-Rheydt in einem weiteren Praxisprojekt der Stiftung „LANDSCHAFFEN“ nachgegangen werden sollte.

Präsentation der Arbeiten von Michel Gockel. Foto: Anne-Katrin Bicher

Workshop in Mönchengladbach im Rahmen des Summercamps. Foto: Ruth Gilberger

 

Michel Gockel, der Freie Kunst an der Kunsthochschule in Kassel studiert und sich besonders mit den Qualitäten von keramischem Ton beschäftigt, bewarb sich erfolgreich mit keramischen „Geistern“, die zwischen Humor, Surrealität und art brut angesiedelt schienen und seinem Projektvorschlag, während des Summercamps vor Ort im Klinikpark einen experimentellen „Geisterworkshop“ anzubieten – experimentell auch insofern, als dass er damit für sich Neuland im Vermittlungsbereich betrat. Aber genau für solche Erprobungsmaßnahmen war das Camp ja gedacht – ein experimenteller Erprobungsraum für künstlerische Prozesse.

Die Erfahrung – der „Geisterworkshop“

Was mache ich, wenn keiner kommt? Die Frage stellt sich nicht nur im Ausstellungskontext, sondern auch bei Vermittlungsprozessen. Bei schönstem Wetter im Klinikpark sitzend stellten sich dann drei Zufallsbesucher ein – drei Jungen auf dem Fahrrad, die eigentlich nur einen Ausflug machen wollten. Das Angebot, zusammen Geister zu modellieren, führte im Folgenden zu einem gemeinsamen Nachmittag, an dem über das Machen und Reden, Gestalten und Lachen Raum und Zeit verlorengingen, sich immer mehr Teilnehmende anschlossen und am Ende ein „Geisterwald“ entstand, der mittels Absperrband gesichert wurde, damit sich im Dunkeln keiner gruseln musste. Die ahnungslosen Eltern holten spät ihre beseelten Kinder ab und nahmen den einen oder anderen Geist auch mit nach Hause. Die Erfahrung, mit einer ganz unterschiedlichen Gruppe von Menschen sich gemeinsam in einen kreativen Prozess zu begeben, an dem am Ende nicht nur die gestalteten Objekte, sondern die gemeinsame Erfahrung übrigbleiben, nahm Michel mit nach Hause nach Kassel.

Dort integrierte er es als experimentelles Workshopangebot in seine geplante Ausstellung „time to die“, die in der Warte zur Kunst, einem Kunstraum, der von Melanie Vogel seit 8 Jahren mit einem engagierten Ausstellungsprogramm geführt wird, im November stattfand. Die ursprüngliche Planung, den workshop mit Senioren durchzuführen, wurde zugunsten einem generationsübergreifenden offenen Angebot modifiziert – die Forderung von vielen partizipativen Projekten, die jeweilige Lebenswirklichkeit der Zielgruppen mit einzubeziehen, hatte bei dieser Thematik doch einen zynischen Beigeschmack.

Die Ausstellung – „Time to die“

Der Titel der Ausstellung verweist auf eines unserer größten gesellschaftlichen Tabus: die unausweichliche Tatsache des Todes und seiner Zeit. Ich zitiere aus dem Ausstellungstext der Kuratorin Saskia April Kluge:
In der Ausstellung TIME TO DIE setzt sich der in Kassel lebende Künstler Michel Gockel mit der Anatomie des menschlichen Körpers und dem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt in der Medizin auseinander. Diese Überlegungen spiegeln sich in der Materialität seiner Arbeiten wider, sie bringen Natur und Technik zusammen. Wir alle wollen länger und gesünder leben und ziehen dafür Tabletten, Therapien und technische Geräte als Hilfe heran, doch was bedeutet das für die Medizin und vor allem für unser eigenes Verhältnis zu Leben und Tod?“

Auf den ersten Blick in den hell erleuchteten Ausstellungsraum stellen sich diese Fragen nicht augenscheinlich.

Foto: Ruth Gilberger

An den Wänden hängen keramische Objekte, frei modelliert und glasiert, die erst auf den zweiten Blick sich als Organe entpuppen: ein Darm, zwei Lungenflügel, die von einem Mechanismus beatmet werden, ein hellblauer undefinierbarer faustgroßer Ballen, eine überdimensionale eitrig-blaue Zunge, ein durchsichtiger Knochen aus Epoxidharz… Im Raum ein annähernd lebensgroßes Herz, das von einem an der Decke hängenden Infusionsbeutel mit dunkler Flüssigkeit „genährt“ wird, die wieder in einen Eimer tropft. Eine grünliche Leinwand am Boden mit Flecken, die sich als Spucke erweisen, die der Betrachtende dort einmalig abliefern darf. Eine zweite Leinwand an der Wand weist auch chemische Prozesse auf, nach denen man sich nicht wirklich traut zu fragen.

Der Lauf der Dinge, glasierte Keramik, 2018. Foto: Ruth Gilberger

Dazwischen in einer Raumecke: eine hellblaue Katze auf einem Sockel, in einer weiteren ein doppelgesichtiger Geist, in einer anderen Ecke ein Maulwurf, anders modelliert, drei fast realistische Spiegeleier, an der Wand ein Herz mit eingesetzten „Liebesperlen“ und auf der Auslage ein seltsames Trio: eine phallische Blume, eine liebevoll gestaltete Rosenvase und eine „ordentlich“ modellierte Katze, die dem Maulwurf ähnlichsieht. Nur auf Nachfrage stellt sich heraus, dass dies die Arbeiten des Workshops sind, den Michel und Saskia zusammen geleitet haben und der heterogener nicht hätte sein können: zwei Kinder aus der Nachbarschaft, eine ehemalige Teilnehmende der Fotobuch-Workshops in Kassel, eine städtische Angestellte und eine Seniorin, die alle den Workshop im Ausstellungsraum nutzten, eigene Arbeiten herzustellen. Eine Auseinandersetzung oder Adaption des Themas der Ausstellung hat nicht stattgefunden, konnte nicht stattfinden oder war nicht gewollt?

Just Breath, glasierte Keramik/ Ventilator, 2018. Foto: Ruth Gilberger

Ich habe eine Vermutung, die sich im Nachdenken verdichtet: die Arbeiten, die ohne Vorgabe im gemeinsamen Workshop entstanden sind, sind eine gestaltete Form aus der jeweiligen Lebenswirklichkeit – und merkwürdigerweise und vielleicht deshalb ergeben sie im Dialog mit den künstlerischen Arbeiten von Michel Gockel der Ausstellung ganz bescheiden eine andere mögliche Lesart: time to die ist auch: time to live.

Foto: Ruth Gilberger

Foto: Ruth Gilberger

Foto: Ruth Gilberger

 

 

 

 

Ich freue mich sehr über den Mut und die Bereitschaft, sich auf eine solche Erweiterung des Ausstellungsgefüges einzulassen und wünsche allen Beteiligten, aber besonders der Warte zur Kunst, der Kuratorin und Michel Gockel weiterhin den Mut, das Experiment zu wagen, die Räume der Kunst in und für die Gesellschaft zu öffnen.

Das Team der Warte für Kunst (von Links): Michel Gockel (Künstler), Melanie Vogel (Leitung), Saskia April Kluge (Kuratorin der Ausstellung). Foto: Ruth Gilberger

 

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