Foto: Ruth Gilberger

Was ist die Frage?

am 19. Mai 2020 | in Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Ein Interview über Klangorte, Ortsklänge, Lieblings- und Unorte mit dem Klangkünstler Volker Hartmann-Langenfelder von Ruth Gilberger

Ruth:

Lieber Volker,

vier Stunden in Rheydt, vier Interviews – es scheint ein gelungener Start deines Projektes zu sein, das ja Fragen stellt an die Menschen hier vor Ort. An meinem Lieblingsort sitzend frage ich dich zurück –was hast du gefragt und was sind die Resonanzen?

Volker:

Meine erste Frage ist die nach dem Namen des Ortes – ganz einfach.

Die zweite ist die nach der Frage Lieblingsort/Unort.

Und wenn ich nach der emotionalen Besetzung des Ortes frage, spielt natürlich die Persönlichkeit der Leute bei der Beantwortung mit hinein, etwas ob sie sich mit dem Ort identifizieren können oder nicht. Es kann ja sein, dass ich mich an einem Ort, wo der Bär tanzt und der Verkehr braust, wohl fühle, weil es dort meinen Lieblingskaffee gibt – was allerdings mir persönlich ein Graus wäre.

Als Kontrast dazu interessiert mich, was an dem Ort tatsächlich geschieht und das lasse ich mir von den Leuten auch beschreiben. Die Ortsbeschreibung ist dabei relativ nüchtern.

Mich interessieren die Verhältnismäßigkeiten erst einmal als persönliche Empfindung und tatsächliche Erfahrung und ich bin gespannt, ob sich daraus eine übergeordnete Frage ergibt.

Mein Grundkonzept ist sehr offen: es geht mir um die klangliche Identität des Ortes, an den mich die Leute führen, deshalb beschreiben sie mir diesen Klang auch mit geschlossenen Augen.

Ich will aus den einzelnen Beiträgen auch keine „Klangstücke“ machen, sondern eher Klangminiaturen. Das ist für mich dann eine künstlerische Form, eine „poetische“ Umsetzung von dem, was ich gehört und gesehen habe. Das soll erstmal nur für den stehen, der mit mir an diesem Ort gesprochen hat

Ruth:

D.h. du arbeitest genau so, wie wir unser Projekt „Resonanzen“ konzipiert haben: ergebnisoffen und prozessorientiert. Und deine Fragen sind die Anlässe, die das Ganze dann strukturieren. Ich würde das eher als relationale künstlerische Forschung bezeichnen oder als Forschung nach Verhältnismäßigkeiten ohne Hypothese oder Behauptung, oder?

Volker:

Richtig, da würde ich mal behaupten, dass es mir wie vielen anderen Künstlern geht: es ist äußerst schwierig, eine in die Welt gesetzte Hypothese zu widerrufen, was wiederum Fragen an das künstlerische Ego stellt, das ja häufig sehr stark ist. Deshalb mag ich keine Hypothese, sondern mich interessieren erstmal die Fragen, die hinter dem Ort stehen und die muss ich erstmal finden.

Ich muss sagen: Es gibt leider häufig Projekte, die von einer Hypothese ausgehen und die an einen „Unort“ gehen mit einer Hypothese, mit welcher Veränderung oder „Verbesserung“ aus dem „Unort“ ein „Ort“ zu machen wäre. Eure Arbeit der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft verfolgt einen anderen Ansatz und das macht euch als Initiatorin von solchen künstlerischen Projekten doch so einzigartig, dass ich Lust habe, mit euch zusammenzuarbeiten – wirklich ergebnisoffen und prozessorientiert, ohne etwas schöner machen zu wollen oder die Welt zu retten. In anderen Projekten, in denen ich mitgearbeitet habe, war das top down und ganz anders, und das hat mich frustriert und geärgert.

Ruth:

Wir versuchen, in unserer Arbeit nichts „besser“ zu machen, sondern fühlbarer, sichtbarer, hörbarer und teilbarer – und das gelingt nur in der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit euch Kunstschaffenden. Wir sind der Überzeugung, dass es so gelingen kann, in dieser Offenheit Freiräume zu schaffen, die Potenziale und Möglichkeiten aufzeigen – im Hier und jetzt. Und unser „Resonanzenprojekt“ bietet hier ganz besondere Freiräume, die wir alle sehr zu schätzen wissen.

Volker:

Diese prinzipielle Offenheit bietet doch wahnsinnig große Chancen – auch zur Veränderung des eigenen Ansatzes: meine erste Idee des „Radioworkhops“ hat sich, als ich im Oktober durch Rheydt gelaufen bin, entgegen meines ersten Eindrucks von Leerstand, Armut, Tristesse ganz grundlegend gewandelt: als ich dem ersten Menschen begegnet bin, der mir erzählt hat, wie schön es hier ist. Und da dachte ich mir: hier brauche ich einen bottom-up Ansatz, ich muss mir anhören, was ist denn hier eigentlich los, und wie kann ich die positiven Sachen hier verstärken – dafür gebt ihr mir das Vertrauen und die Freiheit.

Ruth:

Das ist das Vertrauen in die Kunst und in dich mit der Freiheit, dass deine Fragen nicht unsere sein müssen – und das müssen und können wir aushalten. Und ich bin gespannt auf die Ortsklänge und Klangorte. Vielen Dank, dass du da warst und für das Interview.

 

Foto: Ruth Gilberger

 

PS: An allen geraden Mittwochen wird das Team der Montag Stiftung mit dem ResonanzRAD weitere Klangorte aufsuchen und die Audiobeiträge an Volker Hartmann-Langenfelder senden, der sie dann zu einem Gesamtklang zusammenführen wird. Es ist geplant, die Orte über einen QR-Code aufsuchen zu können, um dort vor Ort den passenden Beitrag über eine Radiofrequenz hören zu können. Einfach vorbeikommen! Alle sind herzlich willkommen

 

Foto: Ruth Gilberger

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