Foto: Evi Blink

„Worauf warte ich“ und „Was ist warten – wenn kein Zeitverlust?“

am 24. November 2020 | in Allgemein, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Verzögerte Resonanzen zu einem partizipativen Ausstellungsformat der Kölner Fotografin Evi Blink.

Im letzten Jahr gab es in einem leerstehenden Kiosk der U-Bahn Haltestelle Venloer Straße eine Installation mit Fotos und Texten von Evi Blink. Ausgehend von diesen Erfahrungen führte Evi Blink ihre Untersuchungen zum Thema „Warten“ weiter und präsentierte sie in einem temporär angemieteten Ladenlokal in Köln-Mülheim.

Der Kölner Fotografin Evi Blink geht es in ihrer künstlerischen Arbeit, die im besten Sinne als artistic research zu beschreiben ist, um die Annäherung an die Dimensionen des Wartens. Sie bedient sich dabei unterschiedlicher Ausdruckmittel – zuallererst der Fotografie als Bildsprache, dann der gesprochenen und gedruckten Sprache selber als partizipativem Instrument und schließlich der künstlerischen Installation der Einzelelemente an (halb)öffentlichen Orten. Und nicht zuletzt: durch ihre persönliche Präsenz.

 

Foto: Evi Blink

Die Einschränkung im Titel der Ausstellung „Was ist warten – wenn kein Zeitverlust“ stellt einen konditionalen Zusammenhang zwischen dem Warten und dem Verlieren her, hier dem der Zeit. Wenn also das Warten nicht das Verlieren von Zeit ist, welche Qualitäten sind ihm dann zuzuschreiben? Gibt es weitere negative oder positive Zuschreibungen und lässt sich zwischen objektiven und subjektiven Qualitäten unterscheiden?

Was ist überhaupt warten? Sprachlich lassen sich mehrere Bedeutungsebenen ausmachen, die einen Zustand oder eine Tätigkeit beschreiben, der sich in der Jetztzeit auf die Zukunft richtet:  Warten als das Entgegensehen auf das Eintreffen von einem Ereignis, einer Person oder einer Sache – erwarten. Dann kann ich mich wartend auf jemanden oder auf etwas an einem Ort aufhalten und diesen nicht verlassen oder ich kann abwarten, indem ich etwas hinausschiebe oder zunächst noch nicht tue. Mit diesen Zuständen des Wartens sind ganz unterschiedliche Gefühle und Emotionen verbunden. Das Warten als fluider Übergang, als alltägliche Routine, hoffnungsvolle Erwartung oder existentielle Bedrohung hat viele Facetten und gewinnt in den Zeiten der Pandemie noch an aktueller Schärfe und Brisanz, die im Laufe des Projektvorhabens das Projekt selber aber auch alle Beteiligten unmittelbar betroffen haben.

 

Foto: Evi Blink

Die Lage des Ladenlokals an der Ecke Berliner Straße von Sparr-Str. war wie die des U-Bahn Kiosk ähnlich präzise ausgesucht – anstelle von Konsum und (Re)präsentation  wurden die Anwohnenden und Vorbeilaufenden mit der Frage: Was ist Warten? irritiert und gleichzeitig durch den aufgebauten Kartenständer aufgefordert, sich aktiv und persönlich der Thematik des Wartens anzunähern. Auf den Postkarten stellte Evi Blink noch eine konkrete Frage an die Besuchenden: sind die ausgestellten Fotos, groß im Innenraum sichtbar und als Postkarte in die Hand zu nehmen, für sie Bilder vom Warten?

 

Foto: Evi Blink

Welche Bilder im Kopf auftauchen, wenn ich an Warten denke, sind vielleicht andere als die, die ich wahrnehme und sehe. Zumindest mir fiel im August, beim Besuch der Ausstellungsvorbereitungen von Evi eine Antwort nicht leicht. Kenne ich das Gefühl, immer weiter eine Treppe zu steigen und keinen Ausgang zu finden? Und verbinde ich es mit Warten? Beim zweiten Foto war es mir augenscheinlicher: das ungeduldige Warten auf einen Brief, das Bangen zwischen Angst und Zuversicht, und die merkwürdige Präzision eines Endes des ungewissen Zustands, die den tatsächlichen Erhalt ausmacht: das Ende des Wartens wird nicht in jedem Falle belohnt. Und das dritte Bild mit der schwebenden Person im Baum konnte ich mit dem Thema gar nicht in Verbindung bringen. Auffallend war nur, dass die abgebildete Person eindeutige Ähnlichkeiten zur Fotografin aufwies.

 

Foto: Evi Blink

Die ausgestellten Fotografien als inszenierte (Selbst)portraits sind eine von ihr gewählte Form, die Absurdität des Zwischenzustands und die Unentschlossenheit des Wartens sichtbar zu machen – von der Leere und dem Stillstand über die Möglichkeit der Veränderung als dem Loslassen hin zum Handeln.

Für das gemeinsame Aushandeln dieser Dimensionen des Wartens war Evi persönlich anwesend während der Dauer der Ausstellung, die gleichzeitig die Präsentation ihrer Bachelor-Arbeit war. Sie hat viele Formen des Wartens dabei am eigenen Leibe erfahren, durch ihre künstlerische Arbeit sichtbar gemacht und durch die Kommunikation mit den Besuchenden um viele Facetten angereichert, in dem die Antworten in die Gesamtinstallation der Ausstellung, auf Karten gedruckt, integriert wurden. Mit ihrer Anwesenheit, den Gesprächen und den sich im Laufe der Ausstellung ergebenden persönlichen Kontakten kommt hier noch eine ganz andere Bedeutungsebene des „Wartens“ ins Spiel: die des sich Kümmerns, des Hegens und der Pflege: von Nachbarschaft, Freunden aber auch der eigenen Zukunft.

 

Foto: Evi Blink

Wenn Evi mit dieser Ausstellungsrealisation vielleicht noch keine abschließende Antwort auf ihre Frage gefunden hat, ist ihr eine künstlerische Transformation gelungen, indem sie durch ihre engagierte, beharrliche und geduldige künstlerische Arbeit „Warten“ ins „Warten“ überführt hat: (eigen)verantwortlich machen und handeln. Im Hier und Jetzt. Für sich und in Gemeinschaft.

Und es passt doch gut und zuversichtlich in die Gegenwart und Zukunft, dass die Wurzel des Wortes „Warten“ aus dem Mittelhochdeutschen kommt und bedeutet: Ausschau halten.

 

Foto: Evi Blink

Foto: Evi Blink

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