Das Ladenlokal der Pirmasenser Resonanzen stand den Menschen aus Pirmasens offen - zum Entdecken, Mitgestalten oder einfach zum Verweilen und Erzählen. Foto: Theresa Herzog.

Alice in Pirmasens. Eine Geschichte davon, was die Steine ihr erzählen…

am 15. August 2022 | in Allgemein, Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von | mit 0 Kommentaren

Vom 02.06. – 31.07.2022 lebten und arbeiteten wir im pfälzischen Pirmasens – einer Stadt inmitten eines ideellen Transformationsprozesses. Im Rahmen der „Pirmasenser Resonanzen“ wollten wir herausfinden und sichtbarer machen, was Potentiale, Bedarfe und Geschichten der Menschen vor Ort sind. Wir wollten wissen: „Was erzählen die Steine von Pirmasens?“ 
Eine der ersten Personen, die unser Ladenlokal an Tag 1 betrat, anfing zu erzählen und mitzugestalten, war Alice. Und dann kam sie jeden Tag. Im Folgenden berichtet sie von ihrer und unserer Zeit vor Ort. 

 

Das Ladenlokal der Pirmasenser Resonanzen als Display. Foto: Theresa Herzog.

Das Ladenlokal der Pirmasenser Resonanzen als Display. Foto: Theresa Herzog.

 

Etwas seltsam war es schon, die Ankündigung eines Kunstprojektes in Pirmasens zu lesen.
Und mitmachen konnten man auch noch. Doppelt seltsam!

Alledem zum Trotz – das Programmheft wies ausdrücklich darauf hin.
Sogenannte „Kauris“, begehbare Skulpturen, sollten in Gemeinschaftsarbeit errichtet werden.

Die eigenartige Bezeichnung löste eine Kaskade an Überlegungen aus, ein Bild darüber, wie so ein Gebilde aussehen konnte, erschloss sich mir jedoch nicht. Aber gemeinsam an einer Installation zu bauen, die als Resonanzort genutzt werden konnte, fand ich spannend. Mein Interesse war geweckt, und da ich mehr über die Veranstalterin wissen wollte, stöberte ich im Netz. Schier umgehauen hat mich, für welche Werte und Ziele die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft steht, denn auch ich verträte die Ansicht, dass schöpferisches Tun, essenziell wichtig für die menschliche Existenz ist. Ein Teil, oder besser noch – eine Veranlagung, die in der heutigen Zeit (meiner Ansicht nach) zu stark vernachlässigt wird.
Ebenso das gemeinschaftliche Handeln sind wir drauf und dran zu verlernen – an einem Strang ziehen, gemeinsame gute Ziele verfolgen, was der Boden einer gesunden und wertschätzenden Gesellschaft darstellt. Dabei baut alles, was uns umgibt auf dieser menschlichen Fähigkeit auf, ohne die, die Gattung Homo, nicht einmal den aufrechten Gang geschafft hätte.

Carl Richard Montags Leitsatz: Handeln und Gestalten in sozialer Verantwortung, beeindruckte mich enorm und ganz klar wollte ich bei diesem Projekt dabei sein! Zumal die Web-Seite der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft auch mit einigen Fotos der Kauri aufwarten konnte, und ich mir das Mitmachen ohne weiteres zutraute.

Ich war total gespannt, als ich mich am Eröffnungstag auf den Weg zur Projektzentrale machte.

Als die Corona-Pandemie wütete, war ich kaum unter die Leute gegangen, gehöre ich (altersbedingt) zu denen der Risikogruppe. Doppelt und dreifach geimpft, fühlte ich mich gut gewappnet gegen unerwünschte Eindringlinge aller Covid-Varianten. Obwohl die Vorfreude groß, und es mir gewaltig in den Fingern juckte, nahm ich mir erst ein mal vor, mir einen Einblick zu verschaffen und dann weiterzusehen. Intellektualisiertes, tausendfach die Dinge auf den Kopf stellen, liegt mir eben nicht, zudem lege ich großen Wert an einer entspannten zwischenmenschlichen Atmosphäre.

Mit einigen Fragen zu weiteren Mitmachtangeboten, betrete ich also das Ladenlokal und falle der Künstlerin Nicola Schudy direkt in die Arme. Die Begrüßung ist freundlich. Die junge Frau ist nett, wirkt aber ein wenig scheu, was mich (aus welchen Grund auch immer) verwundert, doch irgendwie wohltuend erscheint. 

Während die Künstlerin mir die Arbeitsabläufe erläutert, schaue ich mich um, und stelle fest; das Ganze drumherum gefällt mir. Kreatives Chaos, geschäftiges Treiben, ein nettes willkommen heißendes Hallo hier und da, nette Gesichter und eine gerade angefangene Kaurimatte, die, wie mir scheint, auf mich wartete.

Kaum brachte sie den Satz zu Ende; dass wir daran weitermachen könnten, da hatte ich auch schon meine Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt. Ratzfatz war das Geflecht fertiggestellt, ohne dass wir groß haben reden, oder die Schritte hätten abstimmen müssen. Die Webtechnik verlangte einem zwar Konzentration ab, aber ansonsten keine große geistige Anstrengung. Eines war allerdings sehr bezeichnend; wie präzise und mühelos wir Hand in Hand zusammenarbeiteten.

Während ich es vorzog, schweigend weiter zu machen und den Rhythmus, der sich von ganz alleine eingestellt hatte, zu genießen, gab sie ihr Erstaunen in der Frage preis, ob ich kreativ oder handwerklich begabt wäre. „Ich hoffe beides!“, gab ich zurück, und war erleichtert, dass sie nicht nachhakte. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht bereit zu offenbaren, selbst auf dem kreativen Sektor tätig zu sein. Um über mich zu plaudern war ich nicht gekommen, zudem dieses Thema ohnehin unangenehm besetzt war.

Breit, von Ohr zu Ohr grinsend, trat ich vier Stunden später den Heimweg an.

 

Anfang Juni 2022: Kauri meets Pirmasenser Pflastersteine. Foto: Theresa Herzog.

 

Die erste Matte von Kauri #02 auf dem Pirmasenser Schlossplatz. Foto: Theresa Herzog.

 

Morgen, hieß es, würde das Metallgerüst aufgebaut, worauf die gewebten Matten drapiert und die skulpturale Form erarbeitet werden sollte. Ich war gespannt wie es laufen würde, denn hierfür war Teamarbeit mit den anderen gefragt.

Es sollte wie am Schnürchen laufen! Besser noch: Die Runde (ausschließlich weiblich) war im Nu zur einer Einheit mit vielen Händen verschmolzen. Die eine zog, die andere schob die einzelnen Mattenteile zusammen. Die eine bohrte, die andere nahm ihr die Bohrmaschine ab, eine andere machte die Latten mit Kabelbinder fest…

Niemand stand der anderen im Weg, wenn es galt, das Konstrukt anzuheben oder zu halten bis alle Teile verbunden waren, war jemand zur Stelle. Größtenteils wortlos, was umso erstaunlicher war, denn zwei weitere Mitwirkende hatten noch nie an einer Kauri gebaut. Diese Erfahrung fühlte sich nicht nur grandios an und war äußerst befriedigend, sie hielt sogar über Wochen hinweg an!

Das formschöne Erstlingswerk glänzte jedoch nur kurz. Zwei Tage nach Fertigstellung lag es unverschuldet darnieder und musste abgebaut werden. Ich war fassungslos, entrüstet, hätte aus der Haut fahren können und den Tränen nahe, als ich davon erfuhr.

„Das gehört zum künstlerischen Prozess dazu“, sagte C. mir aus dem Gesicht lesend, denn die Verkündigung hatte mir die Sprache verschlagen und das Atmen genommen.

„So verhält sich eben die Kunst im öffentlichen Raum!“, führte C. weiter aus.

Aufrichtig hatte mein Herz an diesem Werk gehangen, um so wertvoller die Verlust-Erfahrung und C.s nüchterne Reaktion, was andererseits, dann doch ein Gewinn war. Und ich sollte schon gleich zu Beginn mit der Tatsache konfrontiert sein, dass jede Skulptur, die wir gemeinsam erschaffen würden, auch zukünftig sang- und klanglos verschwinden würde.

Als aber nach drei Wochen, diejenige vis à vis des Ladenlokals, abgenommen werden musste, sträubten sich in mir alle Gefühlsrezeptoren mit dem die Natur mich ausgestattet hatte. Ich bat darum, eine neue aufzubauen, wofür ich auch über die Dauer des Projektes hinweg, die Patenschaft übernehmen wollte. Viele Tage lang hatte mich diese Arbeit auf den Weg zur Projektzentrale schon vom weitem gegrüßt. Gefühlsdusselig hin oder her – ich wollte auf diesen Anblick nicht so schnell verzichten. Man, das Projekt wurde doch auf „Pirmasenser Resonanzen“ getauft – was lag da noch näher, Resonanz sichtbar zu machen!

Mein Vorschlag stieß bei der Gruppe auf große Resonanz, doch war sie aus zeitlichen Gründen nicht umsetzbar gewesen. Die Workshops bestanden aus verschieden Themen und zeitlichen Schwerpunkten, die auch kontinuierlich an Konturen gewannen und stetig wuchsen. Es war die helle Freude, die Stiftungs-Crew bei Gesprächen mit Passanten zu belauschen, oder bei den Interviews, die mit den Einwohnern geführt wurden, dabei zu sein. Das Ladenlokal wuchs bei einigen Anwohnern zur Anlaufstelle für Gespräche aller Art, und bald stand es den Menschen im Gesicht geschrieben, wie sehr ihnen die wochenlange Präsenz wohl zu bedeuten schien.

Da ging es mir nicht anders!

Was an der Unkompliziertheit aller Beteiligten lag und an dem wertschätzenden, kollegialen, heimeligen Miteinander und dem Vertrauen, dass ich schnell zu jedem Stiftungsmitglied fassen konnte.

Ich konnte im Laufe der Zeit auch meine Enttäuschung und den Ärger darüber zur Sprache bringen, ein eigenes soziokulturelles Projekt auf Sand gebaut zu haben, wozu ich am Anfang noch nicht in der Lage war. Wie ich darunter litt, meine Kreativität nicht leben und entfalten zu können. Es war ergreifend zu sehen, wie jede der „Mädels“ Überlegungen anstellte, um „meinen Karren aus dem Dreck zu ziehen“. Extrem bewegend!

Im wahrsten Sinne des Wortes, denn mir wurde klar, welche Maßnahmen ich bislang noch nicht herangezogen hatte, um meine Idee zu verwirklichen.
Mein Vorhaben, das ich innerlich bereits ad acta gelegt hatte, fand positiven Widerhall und ich wurde aufgemuntert, bei der Sache zu bleiben.

 

Summa summarum…

Partizipative Kunstprojekte bieten eben weitaus mehr als bloße Teilhabe. Sie lassen dich teilhaben an der Wesensart der anderen, schaffen Raum für Gleichklang, Widerhall, Austausch, schaffen andere Dimensionen von Wertigkeit, Sichtbarkeit, Distanz und Nähe.

 

Kauri#02 auf dem Pirmasenser Schlossplatz. Foto: Theresa Herzog.

 

Lange fragte ich mich, was von alledem bleiben wird.
Ich habe eine Antwort gefunden.
Für mich wird bleiben: Dankbarkeit und die Freude darüber, „dabei“ gewesen zu sein.
Bleiben wird auch, die Wohltat, als Person gesehen und verstanden worden zu sein.

Bleiben wird die Erinnerung an die Künstlerin Nicola und ihre wohltuende – emphatische Wesensart

T.’s  menschliche Güte und herzerwärmendes Lächeln

C.’s  Nüchternheit und Menschenzugewandtheit

R.’s  strahlende Augen, ihr Sonnenscheinlächeln, und die Sorge um den Stand meines Karmakontos

S.’s  stilles- zurückhaltendes Wesen mit topp Überraschungspotential

Ruz.’s hoffe ich, nichts an ihr vermissen zu müssen. Nicht den Quatsch, nicht das gemeinsame Lachen, nicht die innere Verbindung und Vertrautheit.

 

Danke Mädels!

Text: Alicia, Eicker – Calatayud

 

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